Englische Studenten Nazi-Späße im Vollrausch

Exzessives Trinken und Nazi-Kostüm - für manche Studenten im englischen Cheltenham ist das nur ein netter Jux. Die Uni sieht das anders. Sie sucht jetzt die Schuldigen an einem Demütigungsritual für Erstsemester, das an Folter erinnert und im Fernsehen gezeigt wurde.


Der Film, den die BBC auf ihrer Homepage zeigt: Nazi-Spiele in einer englischen Gasse
BBC

Der Film, den die BBC auf ihrer Homepage zeigt: Nazi-Spiele in einer englischen Gasse

Studienbeginn der englischen Art: Um die zehn Jugendliche stehen mit dem Rücken an einem Holzzaun in der englischen Stadt Cheltenham. Vor ihnen läuft ein junger Mann auf und ab, mit Uniformjacke, schwarzen Schaftstiefeln, Mütze und einer roten Armbinde, die stark an die Nazi-Zeit erinnert.

Die Jugendlichen haben weiße Plastiktüten über den Kopf gezogen. Die nehmen sie nur ab, um sich entweder aus Dosen Alkoholisches in den Rachen zu schütten oder um sich mit großem Schwall zu übergeben. Es fällt ihnen sichtlich schwer, sich auf den Beinen zu halten, sie lehnen sich an und wanken hin und her. Der gespielte Nazi-Scherge beobachtet die demütigende Szene interessiert und nimmt einem der Studenten eine leere Dose aus der Hand.

Diese Szene zeigt ein Video aus der südwestenglischen Grafschaft Gloucestershire. Es handelt sich um ein Einführungsritual für Erstsemester der University of Gloucestershire, wie es an britischen Universitäten üblich ist - allerdings selten in dieser besonders scheußlichen Form dokumentiert und veröffentlicht wird. Solche Initiationsrituale haben Tradition an britischen Unis und werden meist von Sportclubs der Hochschulen mit den Studienanfängern veranstaltet, berichtet der TV-Sender BBC, der das Video ausstrahlte und auf seiner Internetseite zeigt.

Studentenverband will Koma-Saufen als Initiation verbieten

Wegen des besonders krassen Falls von Demütigung will die Universität jetzt die Studenten ermitteln, die für die an Folter erinnernden Szenen verantwortlich sind. "Die Universität nimmt die Fälle von Einschüchterung und Mobbing sehr ernst", sagte Paul Drake, der Sprecher der University of Gloucestershire. Die Universität denke darüber nach, jene zu bestrafen, die "Initiationsrituale verantworten und dabei weiterhin inakzeptable Erniedrigungen und Zwang beibehalten".

Die britische Studentenvereinigung National Union of Students (NUS) fordert ein landesweites Verbot der alkoholseligen Einführungsrituale. "Sie bringen Studenten in ernste Gefahr und schließen diejenigen aus, die sich nicht an der Komasauf-Kultur beteiligen wollen", sagte NUS-Präsident Wes Streeting.

Weniger kritisch sieht das die Studentenvereinigung am Ort des erniedrigenden Besäufnisses: Man nehme den Vorfall ernst, sagte James Durant, NUS-Präsident an der University of Gloucestershire. Er betonte aber, die meisten Rituale hätten nichts mit Alkohol oder extremem Verhalten zu tun. "Wir geben uns große Mühe, den Leitern der Sportteams klar zu machen, dass Einführungsrituale, die einschüchtern oder erniedrigend sind, nicht toleriert werden", so Durant.

Bizarre Aufnahmeprüfungen für Studenten gibt es nicht nur in Großbritannien, sondern auf der ganzen Welt, vor allem bei Studentenvereinigungen. Für die die oft grausamen und erniedrigenden Rituale gibt es Bezeichnungen wie Fala (Polen), Nonnismo (Italien) oder Trote (Brasilien). In Frankreich sorgt die Bizutage immer wieder für Proteste.

Demütigungsrituale gibt es weltweit

An US-Unis werden Bewerber bei Studentenverbindungen beim Hazing bisweilen mit Eiswasser übergossen, mit Urin eingerieben oder erhalten Elektroschocks. Auch auf Erstsemester in den Niederlanden warten groteske Prüfungen: Die Tierschutzbehörde teilte im vergangenen Jahr mit, dass Studenten gezwungen worden sein sollen, lebende Goldfische zu schlucken; auch von Sex mit Hühnern ist die Rede. Regelmäßig werden zudem holländische Studenten hinter der deutschen Grenze ausgesetzt und sollen nach Amsterdam zurückkehren - nur mit Strumpfhosen und Müllsäcken bekleidet.

In Cheltenham geht es offenbar drastisch zu. Gloucestershire-Studentin Natalie Sutton sagte der BBC über ihre Einführung in das Hockeyteam der Uni: "Ich musste in einen dunklen Keller auf einem Eimer aufs Klo gehen, der voll war mit dem Urin von anderen. Die Leute haben geweint und gekotzt."

Student Nick Levy sagte dem Sender, er habe erst exzessiv trinken und dann nackt durch Cheltenham rennen müssen. Danach traktieren ihn die Mitstudenten mit brennenden Streichhölzern im Genitalbereich, und er musste noch mehr Bier trinken. "Das war schon ein wenig quälend, aber wenn ich es nicht getan hätte, hätten sie mich einen Schwächling genannt", sagte Levy.

Massiver Alkoholkonsum bei Einführungsritualen an Hochschulen hat in Großbritannien bereits Todesopfer gefordert: So starb in Exter im Jahr 2006 ein Student nach der Aufnahmeprüfung für den Golfclub der Uni. Dass er nach drei Gläsern Cider, einem Glas Wein und etlichen Schnäpsen ein weiteres ganzes Pintglas Schnaps austrinken sollte, endete mit einer tödlichen Alkoholvergiftung, berichtete die britische Tageszeitung "Telegraph".

cht/rtr

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