Entscheiden FRAUEN ALLEIN IM HÖRSAAL

In Wilhelmshaven werden Studentinnen in einer männerfreien Zone zu Wirtschaftsingenieurinnen ausgebildet. Doch noch sind die Frauen skeptisch ­ und kämpfen mit Vorurteilen.


Kathrin Meyer, 23, hielt sich für einen ziemlich hoffnungslosen Fall. Auf der Schule in Emden hatte sie für mündliche Beteiligung in Mathe und Physik nur Fünfen bekommen. Trotz ihrer Technikbegeisterung kriegte sie "einfach nicht den Mund auf", wenn Jungs dabei waren. Statt eines Technikstudiums lernte sie Einzelhandelskauffrau und stellte, nur mit weiblichen Auszubildenden zusammen, fest: "Auf einmal hatte ich die größte Klappe."

Meyer fasste neuen Mut für ihr altes Berufsziel, als sie von einem Wirtschaftsingenieurstudium an der Fachhochschule Wilhelmshaven hörte ­ nur für Frauen. Vier Semester ist sie nun dort dabei ­ und alles sieht nach einem Erfolg aus. Ihr Studium wird von Volkswagen finanziell unterstützt, in den Kursen beteiligt sie sich häufig, und die letzte Matheklausur bestand sie als eine der Besten mit der Note 1,3.

1997 bot die FH Wilhelmshaven als erste deutsche Hochschule einen männerfreien Studiengang an. Inzwischen belegen 76 Studentinnen den "frauenspezifischen Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen". In allen Vorlesungen und Seminaren bleiben sie unter sich, studieren aber dieselben Inhalte wie der gemischte Parallelkurs, der fast ausschließlich von Männern besucht wird. Andere Hochschulen ziehen nach: In Bielefeld bleiben Frauen im Studiengang Energieberatung und -marketing in den meisten Fächern unter sich, die FH Stralsund will im kommenden Wintersemester ein Wirtschaftsingenieurstudium nur für Frauen anbieten.

Die Hochschulen haben die Frauen als Zielgruppe entdeckt, seit die Zahl der Ingenieurstudenten sinkt und die Industrie wegen der drohenden Knappheit an Nachwuchs alarmiert ist. Deutschland hat Nachholbedarf: In den klassischen Ingenieurfächern liegt der Frauenanteil gerade mal bei acht Prozent. Selbst in der Türkei studieren mehr Frauen diese Fächer. Dabei sind Ingenieurinnen in der Industrie beliebt: Technikerinnen, so die Erfahrung der Wirtschaft, würden ganzheitlicher denken, Probleme kreativer lösen und obendrein ihr Wissen besser weitergeben.

"Da liegt ein ungeheures Potenzial brach", sagt Manfred Siegle, 49, der den Studiengang in Wilhelmshaven ins Leben gerufen hat ­ dort ist inzwischen die Hälfte der Wirtschaftsingenieurstudenten weiblich. Doch bundesweit stagniert die Zahl der Frauen, die ein Ingenieurstudium beginnen, seit fast zehn Jahren. Kein Wunder, meint Axeli Knapp, Professorin für Sozialpsychologie an der Uni Hannover und Leiterin der Begleitforschung des Frauenstudiengangs in Wilhelmshaven: Auch wenn die Männer in technischen Fächern nicht mehr mit den Füßen scharren, wenn eine Studentin den Hörsaal betritt, hätten "Frauen ein typisches Minderheitenproblem: Sie sind immer im Blick. Ständig werden sie rausgepickt oder mit diskriminierenden Beispielen konfrontiert. Das erzeugt Stress". Vor allem aber würden Mädchen systematisch entmutigt, überhaupt ein Technikstudium aufzunehmen.

Als Nicole Striess, 28, heute angehende Wirtschaftsingenieurin in Wilhelmshaven, in der Schule die Leistungskurse Mathematik und Physik wählen wollte, reagierte die Familie entsetzt. "Das ist doch viel zu schwer. Warum willst du dir das antun?" Der Start ins Ingenieurstudium wurde so nicht gerade unterstützt. Mit ihren Wilhelmshavener Professoren ist Striess nun sehr zufrieden, denn sie setzen technisches Wissen nicht automatisch voraus.

Anderswo orientieren sich die Vorlesungen an der männlichen Mehrheit ­ und die hat oft eine technische Ausbildung. Schon die Art der Erklärung, so der Wilhelmshavener Professor Siegle, mache einen gewaltigen Unterschied: Frauen verstünden das Prinzip der Hydraulik besser, wenn es am Beispiel des menschlichen Körpers und nicht eines Baggers erklärt werde. Egal mit welcher Erklärung ­ am Prüfungstag muss das Wissen da sein: Die Klausuren in Wilhelmshaven sind für Frauen- und Parallelkurs gleich. "Inhaltlich wird den Frauen nichts geschenkt", betont Siegle.

Aber die Atmosphäre ist lockerer: "Hier geht es kameradschaftlicher zu als bei den Männern, die sich nicht mal alle mit Namen kennen", sagt Nicole Striess, die allerdings bedauert, "dass der Flirtfaktor wegfällt". Auch die Skeptiker im Wilhelmshavener Professorenkollegium wie Antonius Bergerfurth, Professor für Energiewirtschaft und Anlagenbetriebstechnik, zollen den Frauen Respekt: "Das Niveau im Frauenkurs war genauso hoch wie im gemischten Kurs." Dennoch bleiben Vorbehalte: "Die Frauen müssen sich später ja auch in einer Männerwelt durchsetzen."

Bei derartigen Argumenten zitiert Leiter Siegle gern Hillary Clinton und Madeleine Albright, Absolventinnen von Frauen-Colleges in den USA. Solche Studentinnen machen doppelt so häufig Karriere wie Frauen aus anderen Colleges. Ein überproportional hoher Anteil schafft es bis in die Führungsetagen. Aber das ist nicht ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Viele der Frauen-Colleges sind Elite-Institutionen mit hohen Studiengebühren und einer langen Tradition. Und: Das Smith College in Massachusetts hat gerade als erstes der 84 Frauen-Colleges Ingenieurstudiengänge eingerichtet.

Wilhelmshaven, so der Traum von Siegle, soll einmal ähnlich erfolgreiche Frauenkarrieren wie in den USA befördern. Die Chancen stehen nicht schlecht. Der Lehrplan ist mit den zukünftigen Arbeitgebern abgestimmt. Sie forderten Reformen, die den Interessen der Frauen entgegenkommen: mehr Rhetorik, weniger Fertigungstechnik.

Ein ähnliches Programm im Frauenstudiengang an der FH Stralsund soll den Studentinnen auch die erfolgreiche Selbstvermarktung beibringen. "Der Umgang mit Männern ist ja nicht das Problem", meint die zuständige Leiterin Petra Jordanor, "sondern, dass die Frauen oft denken, durch Fleiß schon irgendwann aufzufallen und weiterzukommen." Die Maschinenbau-Professorin hofft, aus dem Studiengang könne sich dann ein Karriere-Netzwerk entwickeln.

Doch noch kämpfen die Frauen mit dummen Sprüchen und Vorbehalten ­ auch den eigenen. "Ich dachte, wenn das so ein Emanzenhaufen ist, fang ich gar nicht erst an", sagt Bianca Gaida, 22, aus Wilhelmshaven, die sich von Bekannten Gespött über ihr "Puddingstudium" und "den Lesbenhaufen" anhören musste. Die Männer im Parallelstudiengang zweifeln, dass die Frauen dieselben Leistungen bringen müssen. "Bei uns wird härter ausgesiebt", mault Wirtschaftsingenieurstudent Michael Solbach, 22.

Vielleicht liegt es auch an diesen Vorurteilen, dass die Wilhelmshavener Einschreibelisten nicht voll sind und Leiter Siegle die Info-Hotline zum Frauenstudium nach Dienstschluss auf sein Handy umleitet, um ja keinen Anruf zu verpassen.

An der Fachhochschule Aalen, die schon zweimal einen Frauenstudiengang in Mikro- und Feinwerktechnik anbieten wollte, meldete sich keine einzige Studentin an. Auch an der Gesamthochschule Paderborn scheiterten Pläne für einen Frauenstudiengang in Elektrotechnik.

Unternehmen wie Hewlett-Packard und VW warten allerdings schon ungeduldig auf die Wilhelmshavener Absolventinnen: Ingenieurinnen hätten die Bedürfnisse der Kunden meist besser im Blick als ihre männlichen Kollegen, lobt Traudel Klitzke, Leiterin der Frauenförderung bei VW. Deswegen sollen künftig 30 Prozent aller Führungskräfte bei VW Frauen sein. Die Quote ist nicht leicht zu erfüllen, fürchtet Klitzke: "Wo soll ich die hernehmen, wenn die Hochschulen zu wenig Absolventinnen haben?"

CORDULA MEYER



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