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Der Student bleibt daheim: Mit den Milliarden seiner Hightech-Offensive schafft Bayern eine virtuelle Uni.


Überfüllte Hörsäle, feste Vorlesungszeiten und die lästige Parkplatzsuche vor der Uni ­ das gibt es bald nicht mehr. In der virtuellen Hochschule geht es bequem von zu Hause per Password ins Seminar, mit dem Dozenten wird über E-Mail oder Live-Chat kommuniziert, und auch Leistungsnachweise in Form von Credit-Points kann der computerisierte Student übers Netz erwerben.

So oder so ähnlich wird der Alltag in der "Virtuellen Hochschule Bayern" (vhb) aussehen, die derzeit als ein Projekt der "Hightech-Offensive Bayern" entsteht.

2,6 Milliarden Mark aus Privatisierungserlösen steckt Edmund Stoibers Staatsregierung seit Anfang des Jahres in zukunftsträchtige Projekte. Und Zukunft, das ließ sich der Regierungschef unlängst auf einer Reise ins kalifornische Silicon Valley bestätigen, hat alles, was mit Kommunikation, Internet und neuen Technologien zu tun hat. Immerhin 22 Millionen Mark aus dem Hightech-Topf sind für die geplante Online-Bildungsstätte reserviert.

"Die vhb soll natürlich nicht ohne Menschen stattfinden", beruhigt Paul Held, Psychologie-Dozent an der Universität Erlangen-Nürnberg, der die virtuelle Hochschule zusammen mit seinem Kollegen Walter Kugemann koordiniert. "Wir wollen keine anonyme Masse, die irgendwo vor dem Bildschirm sitzt und Wissen aus dem Netz saugt. Ohne Betreuung, ohne festen Rahmen funktioniert Lernen einfach nicht."

Die vhb ist keine Neugründung einer kompletten Uni im Internet. Geplant ist vielmehr ein Zusammenschluss sämtlicher bayerischer Universitäten und Fachhochschulen. Jede steuert einige Veranstaltungen bei, die dann von allen Studierenden genutzt werden können. Einzige Voraussetzung: Die Nutzer müssen an einer bayerischen Hochschule eingeschrieben sein. So kann etwa ein Bamberger Student in den Genuss eines exotischen Seminars kommen, das nur in München angeboten wird.

Im Mai startet die vhb mit Verwaltungssitz an der Fachhochschule Hof in die erste Pilotphase. Einzelne Kurse sollen dann von "Probestudenten" getestet werden. Zunächst kann man Angebote aus fünf Fachbereichen wählen, die allerdings so nicht heißen, sondern ­ very hightech ­ als "Schools" bezeichnet werden.

Informatik, Medizin, Technik, Wirtschaft und "Schlüsselqualifikationen" wie etwa spezielle Sprachkurse werden die ersten Schools sein, die man an der vhb besuchen kann. In hochschulübergreifenden Fachräten entscheiden Professoren und ihre Mitarbeiter über Lehrangebot und Aufbau der Kurse.

Am Institut für Elektrotechnik der Universität Erlangen-Nürnberg setzt man schon lange auf virtuelle Lehre. Von dort kommen auch gleich drei Angebote für die vhb. Einen der Kurse hat Brigitte Eberle, 25, soeben als Vorbereitung für ihre Diplomarbeit absolviert.

"Ich fand es gut, in meinem eigenen Tempo lernen zu können", urteilt die frisch diplomierte Elektrotechnikerin. Für ihre Arbeit über integrierte Schaltungen, die Grundbausteine jedes Computers, musste sie eine spezielle Hardware-Beschreibungssprache lernen.

Abseits fester Seminarzeiten nutzte sie dafür einen Kurs, den die Elektrotechnik-Doktoranden Martin Padeffke, 31, und Thomas Gentner, 28, entwickelt haben. "Das Programm ist sehr übersichtlich aufgebaut", lobt Eberle. "Wenn zum Beispiel unbekannte Wörter auftauchen, gibt es gleich einen Link zur Erklärungsseite."

Nach einer Woche saß der Lehrstoff. Den gesamten Uni-Betrieb vor dem Rechner zu erleben, kann sich Eberle trotzdem nicht vorstellen: "Manchmal ist es schon gut, wenn einem jemand gegenübersitzt."

Das weiß auch vhb-Koordinator Held: "Es ist eine irrige Annahme, dass eine neue Technologie die alte komplett ablöst. Die virtuelle Hochschule wird vor allem eine Erweiterung der Möglichkeiten sein."

Auch Wolfram Glauert, Professor für Rechnergestützten Schaltungsentwurf in Erlangen und Mitglied des Fachrats der Technik-School, setzt in erster Linie auf eine Ergänzung des herkömmlichen Lehrbetriebs. "Die "Universität der Zukunft", prophezeit Glauert, "wird ganz ähnlich aussehen wie heute. Es wird nur mehr Hilfsmittel geben, mit denen sich die Studenten vieles selbst erarbeiten müssen."

Nicht nur das vhb-Projekt, auch Helds Arbeitsplatz ist greifbares Zeugnis des allgegenwärtigen Stoiber-Angriffs auf die Zukunft. Der rote Backsteinbau, in dem das Erlanger Institut für Psychologie seinen Sitz hat, steht auf ehemaligem US-Armeegelände und wurde im Rahmen der "Offensive Zukunft Bayern", einem Vorläufer der Hightech-Offensive, für die Universität renoviert.

Auch damals wurde schon einmal Staatsbesitz privatisiert und der Erlös in den technischen Fortschritt des Freistaats investiert. Für die laufende Hightech-Offensive trennte sich die Staatsregierung von ihren Anteilen an der Viag AG. Der Verkauf an den Viag-Fusionspartner Veba brachte 3,1 Milliarden Mark ­ weit mehr als zunächst erwartet.

Für 500 Millionen Mark wird damit nun ein Zukunftfonds eingerichtet, der die Folgekosten der Offensive decken soll. Der Rest kommt rund 250 Einzelprojekten an Universitäten, Forschungseinrichtungen und in der Wirtschaft zugute, die ohne die Privatisierungserlöse kaum finanzierbar wären.

Der Schwerpunkt liegt in der Förderung so genannter Schlüsseltechnologien. Informations- und Kommunikationstechnologie gehören genauso dazu wie die biomedizinische Forschung, die im bayerischen Hightech-Sprachgebrauch allerdings unter "Life Sciences" läuft.

Dafür sind 690 Millionen Mark eingeplant. Gründerzentren wie Martinsried bei München für die medizinisch orientierte, "rote" Biotechnologie oder Weihenstephan bei Freising für die "grüne", im Bereich der Landwirtschaft einsetzbare Biotechnologie sollen weiter ausgebaut werden.

Schon wurde das Geld für eine weitere offensive Runde flüssig gemacht. Im Dezember wechselte die Staatliche Molkerei Weihenstephan den Besitzer. Angenehmer Nebeneffekt des Deals: Für eine Million Mark im Jahr spendiert einer der Käufer, der schwäbische Milch-Multi Müller, einen Lehrstuhl für grüne Biotechnologie an der TU München.

JULIA KOCH



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