Ermittlungen gegen jüdische Hochschule Schattenkonten für "Phantom-Professoren"?

Mit einem Haushaltstrick soll die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg etwa 870.000 Euro abgezweigt haben: Die Hochschule habe Professoren und Stipendiaten erfunden und dafür bei Bund, Ländern und dem Zentralrat der Juden abkassiert, berichtete eine Zeitung.


Paul Spiegel: "In guter Absicht gehandelt"
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Paul Spiegel: "In guter Absicht gehandelt"

Seit 1997 habe die Hochschule illegale "Rücklagen" auf einem Schattenkonto angespart, schreibt die "Rheinpfalz" am Mittwoch. Dafür seien eigentlich unbesetzte Professoren-Stellen im Haushalt weiter angegeben und diese "Phantom-Professoren" dann dem Land Baden-Württemberg gemeldet worden. Die Hochschulleitung bestreitet allerdings, beim Etat bewusst getrickst zu haben.

Auch der Träger der Hochschule, der Zentralrat der Juden in Deutschland, wurde angeblich um Gelder geprellt: Die Universität rief beim Zentralrat Stipendiengelder ab, obwohl die Stipendiaten gar nicht existierten, meldete die Zeitung.

Auf einem Konto addierten sich die so abgezweigten Zahlungen demnach auf insgesamt etwa 870.000 Euro. Zwei Drittel der Summe sollen aus den staatlichen Zuwendungen stammen, ein Drittel aus Mitteln des Zentralrats und aus Spenden.

"Nach bestem Wissen gehandelt"

Während die Staatsanwaltschaft noch ermittelt, will der Zentralrat laut "Rheinpfalz" personelle Konsequenzen ziehen: Der Rektor und der Verwaltungsleiter der Hochschule sollen ebenso abgelöst werden wie der Kuratoriumsvorsitzende und Vertreter des Zentralrates an der Hochschule, Michael F.

Der Hochschulrektor Michael G. nannte die Angaben der Zeitung "Falschmeldungen". Er habe "nach bestem Wissen" gehandelt und nicht gewusst, dass Überschüsse im Haushalt, die von Bund und Land nicht zurückgefordert würden, zurückgezahlt werden müssten, erklärte G. gegenüber UniSPIEGEL ONLINE. Von "Schattenkonten" könne nicht die Rede sein; Vertreter des Zentralrats seien außerdem in die Vergabe der Stipendien involviert.

Ausgegeben sind die "Schatten-Euros" offenbar noch nicht. Das Geld "ist zu 100 Prozent da", sagte Zentralratspräsident Paul Spiegel der "Rheinpfalz". Die drei Verantwortlichen hätten "in guter Absicht gehandelt". Die gesparten Gelder sollten den Ignatz-Bubis-Lehrstuhl für Rabbinerausbildung finanzieren.

Staatsanwälte und Ministerium halten sich bedeckt

"Anhaltspunkte für eine persönliche Bereicherung der Beschuldigten liegen nicht vor", stellte auch Jörg Richter von der Staatsanwaltschaft Heidelberg fest. Ansonsten wollte die Staatsanwaltschaft nur bestätigen, dass gegen Verantwortliche der Hochschule ermittelt wird. Es bestehe der Verdacht, dass die Beschuldigten "nicht gerechtfertigte Zahlungen in nicht unerheblicher Höhe" erhalten hätten.

Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium will zunächst die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft abwarten, bevor man die Höhe des Schadens beziffere oder die Vorwürfe kommentiere, so ein Sprecher des Ministeriums. Es sei aber theoretisch möglich, dass zeitweise unbesetzte Professorenstellen weiter bezahlt würden, wenn diese Änderung dem Ministerium nicht gemeldet würde, erklärte der Sprecher weiter.

Von Steffen Heinzelmann



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