Ernteeinsatz russischer Studenten Bück dich, Genosse!

Auf den Äckern rund um St. Petersburg graben Studenten Rüben und Kartoffeln aus. Freiwillig oder nach dezenten Drohungen folgen sie einer Tradition aus Sowjetzeiten. Uni-Rektoren und viele Studenten sehen den Feldversuch als romantische Abwechslung.

Von , St. Petersburg


Ruft das Vaterland in schweren Zeiten zum Einsatz, hilft manchmal nur ein Lied, um den Humor zu bewahren:

"Drei Säcke auf dem Rücken,
im Mund ein Meer aus Dreck.
Wir sind hier wie im Krieg –
kann nicht mehr, aber geh doch weiter.
Über menschenleere
Felder wandelt ein armer Student,
er hilft dem
Land in diesem schweren Moment."

So sangen sie, die Petersburger Studenten, bei ihrem diesjährigen Ernteeinsatz auf den Äckern vor der Stadt. Russland im Jahr 2008 ist eine aufstrebende Marktwirtschaft, nichts gibt es mehr umsonst, der Kapitalismus hat das Land erfasst.

Am Rand von St. Petersburg lebte in diesem Herbst eine sowjetische Tradition wieder auf: Tausende Studenten wurden auf die Felder von staatlichen Agrarbetrieben geschickt, um Kartoffeln, Rüben und Kohlköpfe zu ernten. "Alles freiwillig", sagen die verantwortlichen Beamten. Die Studenten benutzen lieber den Ausdruck "freiwillig-obligatorisch".

So wie Schenja, der seit 2007 an der Staatlichen Finanz- und Wirtschaftsuniversität studiert. Der 18-Jährige erfuhr Ende September von Freunden, dass es einen Ernteeinsatz geben wird. "Erst dachte ich, das sei ein Witz", sagt Schenja. Aber dann kursierten auch schon Gerüchte, dass diejenigen, die nicht mitmachen, zum Beispiel keine zweite Chance bekommen könnten, wenn sie in einer Prüfung durchfallen würden.

Towaritsch Student, die Sowchose ruft

Da wählte auch Schenja das kleinere Übel: Mit dem Vorortzug fuhren die Studenten für einen Tag auf irgendeinen Kartoffelacker in der Nähe von St. Petersburg. "Allerdings hab ich mich die meiste Zeit vor dem Arbeiten gedrückt", sagt Schenja lachend. Deshalb gab es auch keinen Lohn für ihn. Den Anwesenheitsstempel hat er aber bekommen - "und das ist das Wichtigste".

Anfang September hatten sich mehrere staatliche Agrarbetriebe, Sowchosen, an die Petersburger Rektoren gewandt. Die Situation auf den Feldern sei verzweifelt, durch die starken Regenfälle sei es unmöglich, Traktoren zur Ernte einzusetzen, erst acht bis zehn Prozent der Kartoffel-, Rote-Beete- und Möhrenfelder seien abgeerntet. Die Betriebe versprachen den Studenten 40 bis 50 Rubel pro Stunde (etwa 1,50 Euro), kostenlose Anfahrt und Mittagessen.

Wladimir Wassiljew, Vorsitzender des Petersburger Rektorenrats, verdonnerte zwölf Hochschulen, in der Stunde der Not ihre Studenten auf die Felder zu schicken. Dabei erwischte es nicht nur die Agraruniversität. Auch Studenten der Staatlichen Finanz- und Wirtschaftsuniversität sowie der Pädagogischen Hochschule musste in die Ackerfurche - mitten im laufenden Semester.

Kartoffeln klauben für mehr Credits

Manche Studenten fuhren "in die Kartoffeln", wie es in Russland heißt, um Geld zu verdienen: In einer Woche auf dem Feld konnte man immerhin einige tausend Rubel verdienen. Aber fleißiger als Schenja zeigten sich auch solche, die Probleme im Studium haben.

Eine Studentin von der Pädagogischen Hochschule, die lieber anonym bleiben will, weiß von Kommilitonen, denen der eine oder andere "satschot" fehlt - ein Teilnahme-Nachweis, vergleichbar mit einem Credit im westeuropäischen Hochschulraum. Diesen Studenten versprach die Universität Entgegenkommen, wenn sie sich für zwei Wochen zum Ernteeinsatz verpflichteten. Sie selbst hatte nach zwei Tagen keine Lust mehr auf die harte Arbeit im strömenden Regen. Zwar warf man ihr vor, ihre Universität nicht zu unterstützen, "aber als gute Studentin konnte ich es mir leisten, einfach Nein zu sagen".

"Alle Studenten sind freiwillig gefahren", sagt Wassiljew. Es habe Aufrufe an den Universitäten gegeben – und jeder, der wollte, habe sich gemeldet. Allerdings will auch der Rektorenratsvorsitzende nicht ausschließen, dass besonders schlechten Studenten nahegelegt wurde, an der Kartoffelfahrt teilzunehmen.

Weil sich die Armee weigert, müssen die Studenten ran

Die Jugendorganisation der liberalen Partei Jabloko sah das anders: "Um eine moderne Marktwirtschaft aufzubauen, braucht man gebildete und freie Menschen - und keine halbgewalkten Uni-Abgänger, die ihre Seminare wegen Landwirtschaftsarbeit verpasst haben." Die betroffenen Unternehmen sollten lieber Landarbeiter einstellen. Mit vier Mann zogen die Jungliberalen vor das St. Petersburger Komitee für Bildung und gaben dort Tüten mit Kartoffeln und Kohlköpfen ab, darauf Botschaften wie "Ich werde ein schlechter Ingenieur - dafür weiß ich, wie man Kartoffeln ausgräbt".

Dass Studenten "in die Kartoffeln" geschickt werden, ist im postsowjetischen Russland kein Einzelfall: Überall im Land fahren Studenten der Agrarhochschulen zur Ernte aufs Feld – und bekommen das als Praktikum angerechnet. Im Internet finden sich viele Hinweise von Studenten aus anderen Städten, die in den vergangenen Jahren den September mit Rüben, Möhren und Kartoffeln statt mit Büchern verbracht haben. Die meisten finden daran allerdings nichts Schlechtes: Schließlich sei die Arbeit im Unterschied zur Sowjetzeiten freiwillig und obendrein bezahlt.

Früher half in Notlagen auch mal der nächste Armeestützpunkt aus – aber 2005 erließ das Verteidigungsministerium ein Gesetz, das es verbietet, "Wehrpflichtige zu Arbeiten zu verpflichten, die nichts mit dem Wehrdienst zu tun haben". Dass die Studentenmobilmachung in St. Petersburg zu einem kleinen Skandal wurde, liegt an der Aktivität der Jabloko-Anhänger.

Erntezwang, romantisch verklärt

Die meisten Russen finden solche Ernteeinsätze nicht weiter schlimm. Zu Sowjetzeiten wurden jährlich Hunderttausende Studenten und Arbeiter aus den Fabriken im ganzen Land auf die Felder geschickt – oft für mehr als einen Monat. Auch die DDR rekrutierte sogenannte "freiwillige Helfer", um Kartoffeln, Rüben, Obst und Gemüse einzusammeln. Außerdem bewiesen künftige Ärzte, Lehrer und Volkswirte ihren Patriotismus auf sozialistischen Großbaustellen.

Heute schwelgen viele Russen in schöne Reminiszenzen: daran, wie die harte Arbeit die Studenten zusammenschweißte und zu einem Kollektiv formte. Kritisches bekam auch die Petersburger Internet-Zeitung "Fontanka" nicht zu hören, als sie die Politiker der Stadt zum diesjährigen Studenteneinsatz befragte. Stattdessen erntete sie "Eindrücke von der goldenen Studentenzeit und der Romantik von Liedern am Lagerfeuer".

Für das nächste Jahr, so Wladimir Wassiljew, sei vorerst kein Kartoffel-Einsatz der Studenten geplant. Aus seiner Stimme hört man ein "Schade" heraus. Er selbst, sagt er, habe an seine Ernteeinsätze in der Sowjetunion "nur die besten Erinnerungen".

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