Errare humanum est Lateinstudenten erhalten Studiengebühren zurück

Es ist eine höchst seltene Ausnahme: Ist die Lehre in einem Fach desaströs, können Studenten ihre Campusmaut erstattet bekommen. So geschieht es gerade tief im Westen, wo der Lateinstudent verstaubt. Wegen knüppelharter Prüfungen der Latinisten lenkte die Ruhr-Universität Bochum ein.

Für Kirsten Gläsel ist der altsprachliche Spuk vorbei. Sie hat im April ihre letzte Lateinklausur bestanden und ist damit raus aus der Uni und drauf und dran Lehrerin zu werden. Gläsel, 26, studierte Lehramt an der Ruhr-Universität Bochum (RUB), ihre Fächer sind Religion und Latein.

Seit dem vergangenen Wintersemester kämpft sie in der Fachschaft des altsprachlichen Seminars dafür, dass sie und ihre Latein-Kommilitonen ihre Studiengebühren-Euros zurück erhalten. Begründung: Die Lehre am altsprachlichen Seminar im Fach Latinistik soll miserabel, die Anforderungen extrem hoch gewesen sein. Folge: Im Oktober 2008 seien in der letzten, alles entscheidenden Klausur im Fach Latein gleich sieben von acht angetretenen Studenten durchgefallen, sagt Studentenvertreterin Gläsel. Seit Einführung der Studiengebühren zum Sommersemester 2007 sei die Lage unverändert schlecht gewesen.

Die Studenten um Gläsel wollen Geld zurück und berufen sich dabei auf einen Passus im nordrhein-westfälischen Hochschulrecht . Dort steht, dass sich die Gebührenzahler mit Mängeln in der Lehr- und Prüforganisation an ein Prüfungsgremium wenden können. Das Gremium wird von der Hochschule eingesetzt und muss zur Hälfte aus Studenten bestehen. Es kann der Hochschule auch empfehlen, bei erheblichen Mängeln Gebühren zurückzuzahlen.

Es ging nur noch ums bloße Durchkommen

Die Lehrämtler, die Latein an der Uni Bochum belegt haben, liegen schon länger mit den Latinisten im Fachbereich Philologie über Kreuz: Aus Angst, in der knüppelharten letzten Prüfung durchzufallen, würden viele Studenten gar nicht erst antreten und säßen trotz ansonsten vollständig erbrachten Leistungen an der Uni fest, beschreibt Gläsel die Lage der Bochumer Lateinstudenten.

Studenten berichten von verpatzten schriftlichen Klausuren, unter die ein gestrenger Korrektor im Fach Latein zum Beispiel den wenig motivierenden Satz "Das ist keine Note sechs, sondern eine Elf" geschrieben haben soll. Eine Liste mit möglichen Autoren habe so viele Texte eingeschlossen, dass man zur Vorbereitung "15.000 bis 20.000 Seiten hätte lesen können", erinnert sich Gläsel. Sie selbst habe im April "mit Glück" bestanden, allerdings sei es bei ihr wie ihren Kommilitonen nicht um die Note, sondern allein ums Durchkommen gegangen.

"Nec scire fas est omnia", sagt der Lateiner lakonisch - es ist unmöglich, alles zu wissen. Am Bochumer Seminar für Klassische Philologie war man sich noch am Mittwoch auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE keiner Schuld bewusst. Im Sekretariat hieß es zur Frage, ob denn Geld erstattet werde, die Studenten würden wohl nichts zurückbekommen.

Latein "nicht ordnungsgemäß" studierbar

Doch seit Donnerstag ist es amtlich: Das Fach konnte "nicht ordnungsgemäß studiert werden", sagte Uni-Sprecher Josef König SPIEGEL ONLINE. Die betroffenen Lateinstudenten können auf Antrag für zwei Semester von Studiengebühren befreit werden. Wer künftig nicht mehr weiter studiert, erhält bis zu 750 Euro erstattet. "Unzureichende Prüfungsorganisation der Fakultät" habe bei Studenten des Master of Education im Fach Latein im Zeitraum von Sommer 2007 bis Sommer 2008 zu einer "unverschuldeten Verlängerung der Studienzeit" geführt, hieß es in einer schriftlichen Erklärung des Rektorats.

Damit folgt die Spitze der Ruhr-Uni einem Antrag des Prüfungsgremiums, das genau diese Mängel festgestellt hatte. Allerdings hatte das Gremium die volle Rückerstattung verlangt, die Uni will aber nur die Hälfte der Gebühr herausrücken, weil die Mängel ja im zweiten Fach der Lehrämtler nicht aufgetreten seien, so Uni-Sprecher König. Zudem werde erwartet, dass der Fachbereich Latein sich der beschriebene Probleme annehme. So wie bisher darf es also nicht weitergehen.

Dass die Möglichkeit der Erstattung überhaupt besteht, verdanken die Studenten einem ziemlich vollmundigen Versprechen von Andreas Pinkwart (FDP). Der NRW-Wissenschaftsministers und Gebührenfreund, der zahlende Studenten gern "Kunden" nennt, hatte zur Einführung der Gebühren in NRW eine "Geld-zurück-Garantie" angekündigt, mit deren Hilfe Studenten bei schlechter Lehre ihre Campusmaut zurückbekommen sollen.

Das Prüfungsgremium bleibt zahnlos

Was, man kann Geld zurückverlangen, wenn eine Hochschule in der Lehre schludert? Das klang prima und hätte höchst interessant werden können - aber Pinkwart hatte ganz und gar nicht die Absicht, den Hochschulleitungen etwa die Herrschaft über das notorisch murrende und maulende Studentenvolk zu entziehen. Was übrig blieb, war windelweich. Die Studenten erhielten keinerlei Rechtsanspruch auf Erstattungen bei gravierenden Lehr- und Organisationsmängeln, im Gegenteil: In der Begründung des Studienbeitragsgesetzes schützt das Wissenschaftsministerium die Hochschulen sogar ausdrücklich vor Klagen und betont die Uni-"Ermessensspielräume".

Das Bochumer Beispiel zeigt, wie langwierig und kompliziert das Verfahren ist: Das Prüfungsgremium ist nur eine Art Petitionsausschuss und verfügt über keine eigene Entscheidungsbefugnis. Es geht Hinweisen von Studenten nach und empfiehlt, sofern es die Kritik für berechtigt hält, dem Rektorat die Rückerstattung der Gebühren. Die Entscheidung bleibt immer bei der Hochschulleitung - sie kann die Empfehlung jederzeit auch in den Wind schlagen. Selbst Hans-Helmut Weigmann, Gremiumsvorsitzender in Bochum, hält die Einrichtung für "eher schwach".

Stimmt das Rektorat zu, müssen die Studenten schriftlich die Rückgabe ihres Geldes beantragen. Fachschaftsvertreterin Gläsel rechnet damit, dass höchstens 20 betroffene Lateinstudenten des kleinen Fachbereichs das tun können. Auch weil es sich bei Latein um einen winzigen Fachbereich handelt, ist fraglich, ob der kleine Erfolg der Studenten zum Präzedenzfall reicht - denn ginge es um mehr als nur ein paar tausend Euro, würde die Uni vermutlich mauern.

Ruhr-Uni schafft neue Gebührenschlupflöcher

Außerdem beschloss die Leitung der RUB am Donnerstag eine Reihe von studentenfreundlichen Ausnahmeregelungen. Gelten sollen sie ab dem kommendem Wintersemester. Erwarten Studenten ein Kind, müssen künftig beide Elternteile ab dem Zeitpunkt der Schwangerschaft keine Studiengebühren mehr bezahlen. Wer Geschwister hat, die ebenfalls Gebühren zahlen, kann seinen Gebührenbetrag durch die Zahl der Geschwister teilen und zahlt bei einem zahlenden Geschwister nur die Hälfte, bei zweien ein Drittel und so fort.

Zusätzlich können sich Vertreter bestimmter Initiativen mit Uni-Bezug befreien lassen, nämlich Mitarbeiter des Campus-Radios "c.t.", des Studienkreis Film, des Theaterfestivals "megaFon" und des Videofestivals. Die Zahl der Befreiten ist allerdings je nach Initiative auf 6 bis 16 Studenten begrenzt.

Die Zahl der Vertreter des Fachschaftsrats, die keine Campusmaut zahlen müssen, begrenzt die Uni dagegen ab dem kommendem Sommersemesterauf 20 - Fachbereiche mit mehr als 500 Studenten befreien pro 100 Hochschüler einen weiteren Fachschaftler von der Gebühr. Der Senat der RUB hatte die Gebühren im Sommer 2008 von 500 Euro pro Semester auf 480 Euro gesenkt. Zusätzlich müssen alle Studenten den Sozialbetrag bezahlen, der beläuft sich auf 227 Euro inklusive Semesterticket.