Erst Fußballprofi, jetzt Student Tobias Rau ist wie ausgewechselt

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2. Teil: Skeptische Kollegen: "Überleg dir das lieber noch mal"


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Tobias Rau: "Ratzfatz, dann fliegst du"
Der Ex-Profi hat das Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mächtig Spaß zu haben. Lerngruppen, Studentenpartys - herrlich! Das Erstsemesterwochenende der Fachschaft, für das er sich sofort angemeldet hat - großartig!

Mit 3,7 hat Tobias Rau in Braunschweig an einer Gesamtschule Abitur gemacht. Niemand würde behaupten, dass er ein guter Schüler war. "Aber ein kreativer", sagt Peter Larisch, der sechs Jahre Raus Klassenlehrer war. "Obwohl er wegen des Fußballs oft gefehlt hat, bemühte er sich, meinen Stoff auf andere Art nachzuholen. Er hätte ganz in den Sport abdriften und die Schule auf ein Mindestmaß reduzieren können. Aber dafür war Tobias zu weltoffen."

Während Rau bei Eintracht Braunschweig seine Profi-Karriere begann, ließ Larisch ihn englische Dramentexte analysieren. "Er war anspruchsvoll und sein Unterricht verdammt anstrengend", erinnert sich sein ehemaliger Schüler. "In meinem neuen Beruf ist er ein Vorbild für mich."

Er entschied sich nicht gegen den Fußball, sondern für das Studium

In seiner Fußballkarriere hat Rau häufig Jugendmannschaften trainiert oder war bei Fußballcamps dabei. Zu sehen, dass er Kinder motivieren kann, sei ein tolles Gefühl gewesen, sagt er. Bald wird er den Jugendlichen von Formeln statt von Flanken erzählen müssen. "Das wird sicherlich komplizierter", sagt Rau. "Die meisten Schüler sehen im Unterricht nicht gerade ihre Leidenschaft. Aber das ist meine große Herausforderung."

Ja, klar, es ist spannend, so ein neues Leben, es macht Freude, neue Ufer zu erobern. Aber noch hat Rau nicht erklärt, wie er verzichten konnte auf die ganz große Karriere, die grellerleuchtete Weltbühne des Fußballs, auf künftige Sommermärchen, den Kitzel, das Geld, die Fanchöre. Wenn es um die Frage nach seinen Motiven geht, entweicht Raus Blick ins Nirgendwo, mit der flachen Hand wischt er immer wieder quer über den Tisch. Ihm liegt viel daran zu erklären, dass sein Schritt keine Entscheidung gegen den Fußball war, sondern für das Studium. Immer wieder sagt er das.

Nach seiner Entscheidung, ein Studium aufzunehmen, mitten in der Profi-Karriere, sei ganz, ganz viel Druck von ihm abgefallen, sagt Rau. Der Druck - da klingt wieder einmal an, was es alles auszuhalten gilt in dieser Liga der Besten, da sind die hässlichen Seiten des Fußballgeschäfts, die spätestens seit dem Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke vom Stammtisch bis zum Feuilleton intensiv besprochen werden.

Grätschen, auch wenn's ein Freund ist? Es war ihm zuwider

Da war der Konkurrenzkampf. Mit ihm ist Tobias Rau nie ganz zurechtgekommen. "Jeden Tag musste ich besser sein als irgendwer", sagt er. "Manchmal habe ich im Zweikampftraining gegen einen guten Freund gespielt. Zur Not auch mit Grätsche." Er hat mitgemacht, aber es war ihm zuwider. Genau wie die Regeln.

"Davon gab es schon verdammt viele. Wer einen Termin nicht einhielt, bekam sofort Ärger." Und die Verletzungen, die waren besonders bitter. Während eines Trainings beim FC Bayern München im September 2003 wollte Rau einen Freistoß treten. Beim Schuss riss ihm fast der ganze Muskel im vorderen Oberschenkel ab. Sechs Monate Pause. Dann: rankämpfen an die alte Form.

Zufällig fiel das Bekanntwerden von Raus akademischem Start mit dem Erscheinen der Biografie Sebastian Deislers zusammen. Auch Deisler spielte beim FC Bayern München. Auch er beendete seine Karriere mit nur 27 Jahren. Beide haderten mit den Mechanismen des Profisports. Allerdings litt Deisler unter schweren Depressionen.

Lieber in Bielefeld studieren als in Griechenland kicken

Deisler und Rau, das sind unterschiedliche Geschichten. Tobias Rau war einfach ein Fußballer, zu dem das Millionengeschäft nicht passte. Er wollte sich nicht in dieses Leben pressen lassen. Wollte, anders als die meisten Kollegen, das stete Leiden nicht akzeptieren als Preis für die Karriere.

"Ich bin nicht zu weich für Fußball", sagt er, es hört sich wie eine Rechtfertigung an. Wieder wischt er mit der Hand über den Tisch. Dann schiebt er mit einem Lächeln hinterher: "Ein ganz kleines bisschen lag mein Ausstieg aber schon auch an diesen ganzen Sachen."

Die Gelegenheit für einen Neustart war im Sommer günstig. Arminia Bielefeld stieg ab in die zweite Liga, Raus Vertrag wurde nicht verlängert. Er hatte zwar Angebote von anderen Zweitligisten und einem griechischen Erstligaverein, die für ihn "fußballerisch super Möglichkeiten und ein Sprungbrett nach oben" bedeuteten. Aber er habe mehr Lust auf die Uni gehabt, sagt Rau.

Als sein Entschluss bekannt wurde, tauchten auf dem Display seines Handys viele Namen alter Fußballerkollegen auf. "Wie, Studium?" und "Überleg dir das lieber noch mal", hörte er. Wie kann er nur, das war die Frage dahinter.

"Das ist bewundernswert", findet Fußballer Benny Lauth

Nur Benny Lauth, der Stürmer, zweifelte nicht. Er war über die Jahre zu einem der besten Freunde Raus geworden. Er ist genauso alt wie Tobias, die beiden spielten zusammen in der Nationalmannschaft. Und als Rau zu den Bayern kam, war Lauth bei 1860 München. Abends waren sie oft zusammen unterwegs. "Das war nie nur eine Fußballfreundschaft", sagt Lauth. In ihren Gesprächen ging es weniger um den Sport, schon damals erzählte Rau seinem Kumpel, dass er sich das mit dem Studium vorstellen könne.

"Ich finde seine Entscheidung mutig", sagt Lauth. "Er verzichtet auf schöne Zeiten, und klar, Fußballer stehen finanziell ziemlich gut da. Aber Tobias hat eine konkrete Idee. Eine andere Idee. Das ist bewundernswert." Wenn Benny Lauth kein Fußballprofi geworden wäre, hätte er nach seinem Abitur auch studiert. Jetzt spielt er immer noch bei 1860 München. In der zweiten Liga. Er ist weit davon entfernt, wieder in die Nationalmannschaft zu kommen.

Viele Fans können nicht verstehen, dass Rau den Schritt vom Großverdiener zum Studiengebührenzahler freiwillig gemacht hat. Auf YouTube gibt es seit kurzem ein kleines Video, über dem "Tribut für Tobias Rau" steht. Es zeigt Bilder aus seiner Profi-Karriere, die mit der Pianohymne "Hallelujah" von Leonard Cohen unterlegt sind. Auf dem letzten Foto liest man: "Alles Gute, Tobi, du wirst uns fehlen." Man könnte meinen, Rau wäre gestorben. User ronaldo339 hat dazugeschrieben: "Ein Opfer ist das. Studiert lieber, als Profi zu sein."

Rau sieht das natürlich anders. Er steht auf, Elsa auch, sie müssen los. Aber vorher erzählt er noch schnell, wie er neulich in der Mensa 20 Liegestütze machen musste. Er hatte mit seinen Freunden auf ein Champions-League-Spiel getippt und lag falsch: Der FC Bayern verlor, anders als von Rau vorausgesagt.

Alle Jungs hätten geschaut, die Mädchen nur den Kopf geschüttelt, erzählt Tobias. Elsa verdreht die Augen, Tobias grinst, schultert die alte Tasche und schlendert mit seiner Freundin davon.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
frubi 22.01.2010
1. .
Zitat von sysopTobias Rau galt als großes Fußballtalent, spielte in der Nationalmannschaft und für Bayern München in der Champions League. Mit 27 beendete er abrupt seine Karriere - weil er studieren und Lehrer werden will. Es war ein Befreiungsschlag und der Start in ein neues Leben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,668333,00.html
Er verzichtet dabei auf viel Geld. Das macht nicht jeder. Ich denke, durch seine Zeit als Profi kann er bei den Kids als Lehrer ganz anders rangehen. Die Kiddies entwickeln dadurch eventuell einen automatischen Respekt weil Fußballprofi`s doch oftmals auch hoch angesehen werden. Bei uns war vor ca. 9 Jahren mal Oliver Neuville an der Schule und hat an einer Sportstunde teilgenommen weil er die Sportlehrerin privat kannte. Die ganze Schule war auf den Beinen und es gab kein anderes Thema.
smithtology 22.01.2010
2. Warum Bewundernswert?
Mit der finanziellen Sicherheit, die er in den Jahren als Profi errungen hat, ist es doch leicht seine Träume zu erfüllen... Ich sehe da nichts besonderes, denn wer das nötige Kleingeld hat, hat es leichter seine Wünsche zu erfüllen.. Trotzdem bin ich mir sicher, dass aus ihm ein guter Lehrer wird!
optaeck 22.01.2010
3. Ich lach mich tot!
Was hätte er noch groß reißen sollen? Bei Bielefeld nicht mal mehr im Kader. Den wollte eh keiner mehr haben. Vielleicht ist der Konsum von Alkohol nicht das beste Mittel, um mit dem Druck beim FC Bayern fertig zu werden.
faustjucken_de 22.01.2010
4. bewundernswert
Bewundernswert, wenn einer weiß, was er will. Wenn einer nicht mehr der Spielball anderer sein will, sondern sein eigenes Leben konsequent geht. Glückwunsch!
spiegelreflex_zone 22.01.2010
5. Nachdenken hilft...
Zitat von smithtologyMit der finanziellen Sicherheit, die er in den Jahren als Profi errungen hat, ist es doch leicht seine Träume zu erfüllen... Ich sehe da nichts besonderes, denn wer das nötige Kleingeld hat, hat es leichter seine Wünsche zu erfüllen.. Trotzdem bin ich mir sicher, dass aus ihm ein guter Lehrer wird!
Nachdenken hilft bei einer Antwort: Natürlich ist es bewundernswert, wenn einer nicht den vermeintlich klaren Weg weitergeht und aus dem Fussballerdasein möglichst weiter die letzten Cents rausquetscht, danach als 3.4. oder 5.Liga Trainer durch die Lande tingelt (wie so viele Ex-profis). Man muss nicht besonders Fan von Rau oder Lauth sein, um den Gedanken Lauths nachzuvollziehen. Es zeugt von einem eigenen Gedanken, einer eigenen Idee fürs Leben. Richtig dämlich finde ich daher diese Gedanken: ... nichts aus der Enke/Deisler usw.- Gechichte gelernt, oder...
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