Ersti-Wochen an Unis und FHs "Es knallt und stinkt"

Mit 300 Leuten die Altstadt stürmen, Morde nachstellen und trinken, trinken, trinken: Bei den aktuellen Einführungswochen wird Erstsemestern ganz schön viel zugemutet.

Semesterstart in St. Andrews, Großbritannien: So wild geht es in deutschen Ersti-Wochen normalerweise nicht zu
Jane Barlow/ dpa

Semesterstart in St. Andrews, Großbritannien: So wild geht es in deutschen Ersti-Wochen normalerweise nicht zu


Dozenten stellen sich vor, Tutoren erklären, wie das System der Bibliothek funktioniert, wie Studierende sich anmelden für Kurse und Prüfungen. Das ist der offizielle Teil der Einführungswochen an Unis und Fachhochschulen, in dem es um den Studienalltag geht.

Beim inoffiziellen Teil wird's dann richtig interessant - bei der Stadtrallye. Oft mit dabei: Bierkästen, Hochprozentiges und Spielideen, die sich die Fachschaft überlegt hat. So mussten Hamburger Erstsemester vor eineinhalb Jahren mit Getränkebechern um den Hals durch die Stadt laufen - und sich teilweise entblößen. Denn eine der gestellten Aufgaben lautete: Wer legt die längste Kleiderkette? Das hieß für die Erstis: ausziehen in der Speicherstadt.

Hier berichten aktive und ehemalige Mitglieder von Fachschaften verschiedener deutscher Unis, wie die Orientierungsveranstaltungen bei ihnen ablaufen und mit welchen Aufgaben sie ihre neuen Kommilitonen auf die Probe stellen:


Chris Greifenstein ist 29, studiert Sozialwissenschaften an der Universität Düsseldorf und ist seit drei Jahren aktives Mitglied in der Fachschaft Sozialwissenschaften und Soziologie:

"Zu Beginn der Ersti-Woche machen wir klassische Facheinführungen, in denen wir erklären, wie das Studium abläuft. Außerdem spielen wir Flunkyball und essen Hotdogs.

Mittwochs oder donnerstags treffen wir uns seit zwei Jahren gegen 17 oder 18 Uhr an der S-Bahn-Station Bilk. Da starten wir unseren Kiosk-Crawl mit 200 Erstis und 100 weiteren aus dem Dunstkreis der Fachschaft und Erstis anderer Studienfächer. Auf dem Weg in die Altstadt klappern wir fast zehn Kioske ab. Wir bleiben immer einen Moment stehen, dass sich alle Bier kaufen und trinken können. Meist gehen wir in Nebenstraßen, aber auch auf der Straße. Bei 300 Leuten müssen Autos schon mal stehenbleiben. In der Altstadt gehen wir dann in einen Klub, den wir vorher reserviert haben. Am Vortag gehen auch zwei bis drei Mitglieder der Fachschaft die Route ab und sagen an den Kiosken Bescheid, dass morgen eine größere Menge an Leuten kommt.

Seit 10 bis 15 Jahren machen wir samstags eine Stadtrallye mit den Erstsemestern. Dabei gibt es zwei große Spiele: Die Ersti-Gruppen bekommen ein rohes Ei, das sie gekocht wieder mitbringen müssen und außerdem einen Apfel, den sie gegen etwas Hochwertigeres eintauschen sollen. Letztes Mal haben sie zum Beispiel einen Kunstbildband und einen Umhang aus einem Friseursalon mitgebracht.

Anfang November, einen Monat nach Semesterstart, machen wir noch eine Erstifahrt in die Eifel. Wer mitkommen darf, wird ausgelost. Mit 60 Erstsemesterstudierenden übernachten wir in einem abgelegenen Landhaus. Dort machen wir zum Beispiel eine Waldrallye und kochen einfache Gerichte wie Nudeln oder Chili sin Carne."


Erstsemester an der Uni Hannover beim Pipettier-Spiel
Sven Getschmann

Erstsemester an der Uni Hannover beim Pipettier-Spiel

Anna Elizarova ist 26, hat Wirk- und Naturstoffchemie an der Uni Hannover studiert und war sechs Jahre Mitglied in der Fachschaft Chemie, Biologie und Life Science:

"In der Ersti-Woche macht das Institut für Anorganische Chemie für die neuen Studierenden eine sogenannte Knallvorlesung. Dabei stellen die Doktoranden verschiedene Experimente vor - es ist laut und bunt, es knallt und stinkt. Das macht auf jeden Fall Lust auf Chemie.

Wir von der Fachschaft haben zusammen mit weiteren Studierenden, die uns in der Woche als Tutoren unterstützen, auf und um den Campus verschiedene Stationen aufgebaut, unter anderem Papierfliegerwettrennen im Hörsaal. Oder auch Pipettieren im Labor: Für die Staffel haben wir Schutzkleidung in den größten Größen bereitgelegt. Je einer aus der sechsköpfigen Ersti-Gruppe wird von den Teamkollegen eingekleidet mit Kittel, Gummihandschuhen und einer alten angelaufenen Taucherbrille, auf der noch die Schutzfolie klebt. Irgendwer hat auch mal etwas Butter auf das Visier geschmiert, damit man nicht so gut durchsehen kann. Nacheinander müssen die Erstis dann auf Zeit pipettieren. Und bei Bedarf erklären die Tutoren vorher noch, wie das eigentlich funktioniert.

Die Gruppen können auch Extrapunkte bekommen, indem sie uns bespaßen. Einmal gab es einen Wolkenbruch während der Rallye. Eine Ersti-Gruppe aus Männern ist rausgelaufen, hat die T-Shirts ausgezogen und im Regen einen Regentanz aufgeführt, während die Tutoren aus dem Fenster zuschauen konnten.

Auf dem Campus ist während der Einführungswoche normaler Betrieb ohne Alkohol. Die letzte Station der Rallye haben wir daher in ein Café gelegt. Dort haben wir den neuen Studierenden erst einmal gezeigt, wie man 'Lütje Lage' trinkt. Das sind zwei bis vier Zentiliter spezielles Lütje-Lage-Bier und ein Zentiliter Korn, die man beim Trinken ineinanderlaufen lässt. Wer minderjährig war, noch fahren musste oder einfach keinen Alkohol wollte, konnte die Technik auch mit Fanta und Wasser oder Apfelsaft ausprobieren. Da ist schon manchmal was in die Nase gelaufen."


Angehende evangelische Theologen an der Uni Münster müssen einen Mord nachstellen
Annika Albertz

Angehende evangelische Theologen an der Uni Münster müssen einen Mord nachstellen

Lennart Kehne ist 20, studiert evangelische Theologie auf Pfarramt an der Uni Münster und ist nun im dritten Semester aktives Mitglied in der Fachschaft evangelische Theologie:

"Bei unserer Stadtrallye spielen die Erstsemester um Freitickets fürs Unikino. Sie bekommen einen Apfel und ein Ei zum Eintauschen mit auf den Weg. So hat eine Gruppe vor ein paar Jahren eine Mikrowelle mitgebracht. Die tut heute noch ihren Dienst bei der Fachschaft. Sonst ist vom Strumpfband bis zur Flasche Whiskey auch alles dabei.

Die einzelnen Stationen der Rallye sind an die Umgebung angepasst: Im Kneipenviertel sollen die Teilnehmer ein Bierbekenntnis vortragen, bei der Bibliothek ein verstecktes Buch finden, im Schloss einen Hörsaal. Am Antiquariat Wilsberg sollten die neuen Studierenden eine Mordszene ihrer Wahl als Standbild nachstellen - zum Beispiel die Kreuzigung Jesu oder Caesars Ermordung.

An jeder Station gibt es einen Hinweis auf die nächste und manchmal auch eine Hilfestellung. Einmal ist eine Gruppe trotzdem am komplett falschen Ende der Stadt gelandet."


Und jetzt sind Sie dran!

Ob Erstsemester, Fortgeschrittene oder ehemalige Studierende: Haben Sie Ihre eigene Einführungswoche eben erst erlebt? Haben Sie als Mitglied der Fachschaft oder als Tutor mitgewirkt? Oder ist Ihnen die Orientierungseinheit einfach bis heute nicht aus dem Kopf gegangen?

Schicken Sie uns die lustigsten Aufgaben, Scherze und Pannen aus der Ersti-Woche: spon.bildung@spiegel.de. Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und in sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Eisenvater 04.04.2019
1. Tssss
Sogar zum Saufen brauchen die heut schon ne Einführung. Luschen.
eristtotjim 04.04.2019
2. Wenn ich das so lese ...
... wundere ich mich nicht mehr, das immer jüngere und vor allem forsche "Führungskräfte" in deutschen Unternehmen und Institutionen mit teils spinnerten Ideen Einzug halten. Denen sollte man die Studienberechtigung entziehen und Leuten den Vorzug geben, die wirklich was lernen und später leisten wollen ...
loeweneule 04.04.2019
3.
Zitat von EisenvaterSogar zum Saufen brauchen die heut schon ne Einführung. Luschen.
Betreutes Saufen.
blueshift774 04.04.2019
4. Lustig...
Das verstehe ich überhaupt nicht mehr. Mein erster Tag auf der Hochschule startete um 8.00 mit 2 Stunden Experimentalphysik und anschließend mit 2 Stunden Analysis. Nachmittags gab's die Einteilung in das physikalische Praktikum. Dort erfuhr man, wo die Bibliotheken sind, wo die Kantine war und wo man in Übungsräumen arbeiten konnte. Dann ging's "steil los", Tag für Tag...
ich2010 04.04.2019
5.
Zitat von eristtotjim... wundere ich mich nicht mehr, das immer jüngere und vor allem forsche "Führungskräfte" in deutschen Unternehmen und Institutionen mit teils spinnerten Ideen Einzug halten. Denen sollte man die Studienberechtigung entziehen und Leuten den Vorzug geben, die wirklich was lernen und später leisten wollen ...
Spaß haben UND lernen funktioniert. Sogar besser als verkrusteter und verschulter Uni Alltag aus dem letzten Jahrhundert. und diese Jungs und Mädels sind diejenigen, die Änderungen bewirken und Kreativität in den Unternehmensalltag bringen. Fortschritt erreicht man nicht mit verstaubten Managementmethoden aus dem 50ern.
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