Erstsemester-Ebbe Wolle mer se reinlasse?

40 Prozent der deutschen Jugendlichen sollen künftig studieren. Soweit die Theorie. Die Praxis: Dreimal nacheinander schon ist die Zahl der Studienanfänger geschrumpft. Die Länder versperren ihren Abiturienten den Weg - mit hohen Zulassungshürden und Studiengebühren.

Von Antonia Götsch und


Die "Studienanfängerquote" eines Altersjahrgangs soll auf 40 Prozent steigen, Deutschland damit international aufholen. So hat es die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag geschrieben, das streben auch die Länder an. "Deutschland braucht mehr Akademiker", betonen Politiker, Bildungsexperten und Wirtschaftskapitäne unisono.

Studenten an der TU Berlin: Noch hat die Hauptstadt NC-freie Fächer
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Studenten an der TU Berlin: Noch hat die Hauptstadt NC-freie Fächer

Die aktuellen Daten indes sprechen eine ganz andere Sprache: Die Zahl der Studienanfänger ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent gesunken. An den Universitäten sind es minus fünf Prozent; die Fachhochschulen verbuchten lediglich ein Prozent weniger Einschreibungen . "Da zeichnet sich ein Negativtrend ab", so Martin Beck vom Statistischen Bundesamt, das die vorläufigen Zahlen heute veröffentlichte.

Es ist bereits das dritte Mal in Folge, dass die Statistiker weniger Erstsemester melden - obwohl die Zahl der Jugendlichen mit einem Abi oder Fachabitur gestiegen ist. Rund 344.000 Anfänger haben sich zu diesem Sommersemester und Wintersemester immatrikuliert. Vor drei Jahren waren es noch fast 378.000. Damit hat sich die Erstsemesterquote weit vom 40-Prozent-Ziel entfernt - in diesem Jahr sind es nur noch 35,5 Prozent, 2003 war Deutschland schon bei 38,9 Prozent.

Nahezu flächendeckender NC als Uni-Notwehr

Dass weniger Abiturienten sich einschreiben, heißt nicht zwangsläufig, dass weniger sich für ein Studium interessieren. Nach allen Prognosen wird es in den nächsten Jahren zu einem regelrechten Ansturm auf die Hochschulen kommen: Für 2013 und 2014 sagen die Kultusminister den absoluten Rekord von 2,7 Millionen Studenten voraus. Das wären 700.000 mehr als heute. Aber ob es tatsächlich so kommt, ist keineswegs sicher: Die Zahl der Studienplätze hängt hauptsächlich vom politischen Willen ab, sie auch zu finanzieren. Und derzeit müssen viele Hochschulen ihre Zulassungsbeschränkungen verschärfen, weil das Geld für mehr Studienplätze einfach nicht reicht.

Das größte Erstsemester-Minus verzeichnen Sachsen (- 13 Prozent), Nordrhein-Westfalen (- 10 Prozent), Baden-Württemberg (- 9 Prozent) und Bremen (- 8 Prozent). Dort sei die Zahl der Studiengänge ohne Numerus clausus am stärksten gesunken, betonte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Anders sieht es in Berlin, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Hamburg und Thüringen aus: Die Zahl der zulassungsfreien Studiengänge stieg, mehr Studieninteressenten konnten sich einschreiben.

Mit einem Plus von neun Prozent steht Berlin an der Spitze. Die nahezu bankrotte Hauptstadt, die stets weit über ihren eigenen Akademiker-Bedarf ausbildete, hat allerdings Kürzungen angekündigt. Wieviel Studienplätze Berlin im Rahmen des Hochschulpaktes erhalten muss, ist bisher nicht geklärt.

Dass viele Universitäten ihre Zulassungsbeschränkungen zum laufenden Wintersemester nochmals verschärften, hängt auch mit dem Umsatteln von Diplom und Magister auf Bachelor und Master zusammen. Das gestufte Studium sieht eine bessere Betreuung vor. "Wir hatten so viele Bewerbungen wie noch nie, aber weniger Einschreibungen, da wir alle Fächer mit einem Numerus clausus belegen mussten", sagt zum Beispiel Patrick Honecker, Pressesprecher der Kölber Universität. Ähnliches berichten auch die Unis in Dresden, Leipzig, Dortmund, Bochum und Göttingen.

Die Hochschulrektoren schlugen heute prompt Alarm. "Um den Negativtrend umzukehren, brauchen die Hochschulen vor allem bei den neuen betreuungsintensiven Studiengängen bessere Unterstützung", forderte HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. Der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring erklärte, die Wissenschaftsminister vieler Länder bekämen nun eine "schallende Ohrfeige" für hohe Zulassungshürden; die niedrige Erstsemesterquote sei ein "bildungspolitisches Armutszeugnis. Nach Auffassung von Gehring schreckt auch die Einführung von Studiengebühren viele junge Menschen vom Studium ab.

Einfluss der Campusmaut umstritten

Eindeutig belegbar ist dieser Zusammenhang bislang nicht. Die Rektoren sehen keinen klaren Einfluss der Campusmaut auf das Studierverhalten. Auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes lassen diese Frage offen. So bitten Niedersachsen und einige Hochschulen in Nordrhein-Westfalen ihre Erstsemester jetzt schon zur Kasse. NRW-Unis, die erst zum Sommersemester 2007 ihre Studenten zahlen lassen, verzeichneten nicht generell mehr Bewerber als die, die bereits kassieren - der Exodus blieb aus.

Im gebührenfreie Rheinland-Pfalz gibt es zwar mehr Erstsemester als 2005, aber die ebenfalls mautfreien Ostländer oder Schleswig-Holstein profitieren nicht. Flensburg hat keinen starken Zustrom erlebt, an der Uni Kiel hat sich der Anteil der niedersächsischen Nachbarskinder leicht von neun auf elf Prozent erhöht. "Wir haben 100 Studienanfänger mehr aus Bundesländern, in denen bereits Gebühren verlangt werden", sagte der Kieler Rektor Thomas Bauer SPIEGEL ONLINE. Das könne man "noch nicht als Ansturm bezeichnen, aber als Tendenz", die sich erst in den nächsten Jahren überprüfen ließe.

Auch Manfred Scheer von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) kann bisher keine neuen Vorlieben bei den Bewerbern feststellen. Bei Studienplatztausch.de, der größten deutschen Börse für Wechselwillige, ist man überrascht: "Wir haben ganz neue Tauschinteressen erwartet", sagt Geschäftsführer Manfred Bähr, "doch die Unis in Rheinland-Pfalz oder den neuen Ländern sind nicht begehrter als früher."

Der Freie Zusammenschluss von Studierendenschaften dagegen hält die Zahlen für einen "klaren Beweis", dass Studiengebühren eine Abschreckungswirkung entfalten. Das Deutsche Studentenwerk (DSW) nannte es einen "herben Rückschlag", dass sich "seit 2003 anhaltend weniger junge Menschen für ein Studium entscheiden". Die Hochschulpolitik müsse gegensteuern, sagte DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Bund und Länder müssten sich fragen, ob sie die richtigen Signale ausgesandt hätten - zum Beispiel mit dem seit Jahren stagnierenden Bafög, der Absenkung der Altersgrenze beim Kindergeld und der Einführung von Studiengebühren in bisher sieben Bundesländern.



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