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29. Oktober 2013, 09:20 Uhr

Erstsemester über 30

"Ich hab das Gefühl, ich bin verliebt"

Von Anne-Kathrin Gerstlauer

Sie standen im Beruf, jetzt wollen sie's noch mal wissen: Fünf Erstsemester über 30 kehren der Bank, dem Supermarkt oder dem Sekretariat den Rücken und gehen jetzt zur Uni. Hier berichten sie über Bauchkribbeln, Bafög-Sorgen und Butterbrote.

21 Jahre, so alt ist ein deutscher Erstsemester-Student im Durchschnitt. Die jüngsten sind 17 oder 18, manche sogar erst 16. Aber es gibt auch das glatte Gegenteil: Erstis Ü30. So alt starten nur wenige in ein neues oder gar in ihr erstes Studium. Über-30-Jährige machten 2012/2013 nur 3,5 Prozent der Studienanfänger aus, insgesamt sind derzeit 15 Prozent der Studenten älter als 30 Jahre.

Für viele ist es eine zweite Chance. Damals wollten sie nicht studieren, hatten kein Abitur oder einfach nicht die richtige Idee. Jetzt oder nie? Gar nicht so einfach: Die meisten Studenten werden von ihren Eltern unterstützt oder bekommen Bafög. Doch Hilfe vom Staat gibt es für alle über 30 nur in Ausnahmefällen, bei gesetzlichen Krankenversicherungen endet mit dem 30. Geburtstag der Studentenrabatt, die Kosten müssen selbst getragen werden.

Semesterstart heißt deshalb für die Erstsemester Ü30 auch oft: auf Wiedersehen, alter Lebensstil. Hier erzählen die fünf Neu-Studenten Heike, Dominik, Manuela, Dietrich und Tanja von ihrer Motivation und der ersten Uniwoche.

(Um die Protokolle zu lesen, klicken Sie auf die Überschriften)

Heike Lee, 42: "Mama studiert jetzt"

"Ich hab sehr früh geheiratet, mit 18, und dann drei Kinder bekommen. Meine älteste Tochter ist so alt wie meine Mitstudenten, die jüngste wohnt noch zu Hause und gibt manchmal an: Mama studiert jetzt. 2001 hab ich eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht, da war ich schon alleinerziehend. Ich dachte immer, ich kann was bewegen, wenn ich in der Leitung bin. Aber auch da gibt es viel Druck von oben, und ich hab zeitweise 240 Stunden im Monat gearbeitet. Irgendwann hatte ich Schlafstörungen. Da hab ich gedacht, das kann es nicht sein.

Ich hab mich nur an dieser Uni beworben und gedacht, wenn das funktioniert, dann soll es so sein. Eigentlich wollte ich in der Altenarbeit bleiben, aber zukunftsorientierter arbeiten: Was passiert mit alten Menschen? Wie kann man das besser organisieren?

Aber vom ersten Tag an war das, als ob mir jemand auf den Kopf gehauen hat. In der Einführungswoche gab es einen Workshop, der Dozent hat in der Straffälligenhilfe gearbeitet. Ich will das auch machen, weil ich glaube, dass Menschen nicht als schlechte Menschen auf die Welt kommen.

Finanziell ist noch vieles ungeklärt, beim Bafög gibt es Sonderregelungen, und ich versuche, einen Nebenjob zu finden. Aber egal wie das aussieht: Das ist das, was ich machen will, und wenn ich dafür mein Auto verkaufen muss. Zu Hause hab ich schon 15 Bücher aus der Bibliothek liegen. Ich hab das Gefühl, ich bin verliebt."

Dominik Simonis, 30: "Ich geh weiter Vollzeit arbeiten"

"Das Studium war eine Schnapsidee. Ich beklagte mich bei meinem Bruder über meine teure Bahnfahrkarte, da sagte er: Schreib dich doch einfach an der Uni ein. Im August wurde aus dem Spaß eine konkreter Plan, und ich dachte: Du ziehst das jetzt durch, bei der Bank kommst du nicht weiter. Ich hab dort weiter meinen Job, abends arbeite ich noch bei Aldi. Drei Jahre werde ich die Pobacken zusammenkneifen. Vergangene Woche hatte ich ein erstes Blockseminar, dafür habe ich mir freigenommen, der Rest meines Urlaubs wird für die Klausurphase draufgehen.

Wenn es mit der Arbeit passt, werde ich zu den Vorlesungen gehen, sonst gibt's für BWL die Skripte alle im Internet. Freizeitbeschäftigungen werde ich erst einmal komplett knicken, ob es Fußball, Joggen oder Freunde sind. Ich habe mir vorgenommen, zusätzlich zu den Skripten jeden Tag eine Stunde zu lernen. Momentan muss ich so viel arbeiten, weil ich mir gerade einen Kleinwagen gekauft habe, der muss noch abbezahlt werden. Danach lasse ich den Zweitjob sausen.

Ich bin in einer Lerngruppe, auch mit jüngeren Kommilitonen. Das war erst gewöhnungsbedürftig, aber wir ergänzen uns gut. Ich kenne vieles aus dem Job, aber Ableitungen zum Beispiel, die sind bei mir zehn Jahre her. Klar beneide ich die anderen. Bei Mama wohnen, nach Hause kommen, die Sachen in die Ecke und dann relaxen oder den ganzen Tag lernen. Aber ich gönne es ihnen."

Manuela Drzysga, 31: "Die Jüngeren sind richtig knuffig"

"Als kleines Mädchen wollte ich schon studieren, ich war aber faul in der Schule und hab nur die Mittlere Reife geschafft. 2005 hatte ich eine Kurzschlussreaktion, als ich eine Annonce gesehen habe: Holen Sie Ihr Abi nach. In der gleichen Zeit wurde ich schwanger, bin aber trotzdem zu allen Kursen. Danach hab ich die Zeit mit meinem Kind nachgeholt, ich war vorher nur Teilzeit-Mami. Ich hab mich aber immer gefragt: Was mach ich jetzt mit dem Abi? Damit Regale einräumen, dafür bin ich mir zu schade.

Ich habe eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, aber das ist auch nicht der Job, mit dem wir uns später mal was leisten können. Und Naturwissenschaften haben mich immer interessiert.

Nach dem ersten Tag bin ich förmlich zur Tür reingekrochen. Die Uni ist eine Kleinstadt, alleine die Strecken von A nach B und dann die ganzen Treppen. Manchmal wünsche ich mir eine App, hier bin ich grade, und jetzt zwanzig Meter nach rechts.

Die jüngeren Kommilitonen sind superlieb, so richtig knuffig. Ich hatte Angst, ausgegrenzt zu werden, wegen des Alters. Aber das ist die erste Schule, wo ich mich von Anfang an wohl gefühlt habe. Da ist es egal, wo du herkommst, was du gemacht hast und wie alt du bist. Nerdig sind die wenigsten, wobei, wir sind alle Nerds. Science-Fiction diskutieren wir heftig: Doctor Who, Star Trek, Star Wars, Stargate, Perry Rhodan. Einfach alles."

Dietrich Napiontek, 34: "Das ist auch ein Ego-Ding"

"Der Erweckungsmoment kam, als ich mich um eine Stelle im Öffentlichen Dienst bewerben wollte. Ich hatte die Qualifikation. Aber als ich der Frau am anderen Ende sagte, dass ich keinen Abschluss habe, ist der fast der Hörer aus der Hand gefallen.

Ich denke darüber nach, wieder zu studieren, seitdem ich Informatik damals abgebrochen habe. Kurz vor dem Abi haben sich meine Eltern getrennt, danach ist mein Vater gestorben. Ich musste aus der Wohnung und hab's dann in den Sand gesetzt. Ich mache das nicht primär wegen der Arbeit, ich hatte eine gute. Das ist auch ein Ego-Ding. Ich will mir selbst beweisen, dass ich das kann.

Ich hab mich bei der Telekom richtig hochgearbeitet. Erst war ich Zeitarbeiter im Kundenservice in Berlin, am Ende festangestellt in der Zentrale in Bonn. Dieses Jahr haben sie mir ein Angebot gemacht, um mir den Abgang zu versüßen. Die Abfindung nehm ich jetzt zusammen mit meinen Ersparnissen. Ich hab einen Wohngeld-Antrag gestellt, meine Wohnung kostet 670 Euro. Wenn das nicht klappt, muss ich da eine WG draus machen und das Wohnzimmer vermieten. Große Lust habe ich darauf allerdings nicht.

In den ersten Wochen war noch Prassen angesagt, neuer Laptop, die Bücher, Ebook-Reader, neue Schuhe, neue Shirts. Kaufen, kaufen, kaufen. In nächster Zeit hab ich weniger Geld, da deck ich mich jetzt noch mal ordentlich ein."

Tanja Hollensteiner, 32: "Ich werde später weniger verdienen"

"Ich möchte nicht mein Leben lang als Sekretärin arbeiten, da geht noch mehr. Und dann hab ich mir gedacht, dieses Studium gönne ich mir jetzt mal für mich selbst. Der NC bei Psychologie liegt bei 1,3, da hab ich Respekt vor den jüngeren Studenten. Hoffentlich pack ich das. Im ersten Semester wäre es für mich auch okay, eine Drei oder Vier zu schreiben, aber danach sollte es besser werden. Vor zehn Jahren war das noch anders, da war vielleicht ein Zweier-Schnitt gut genug.

Heute gilt das nicht mehr, die Master-Plätze sind begrenzt, und der Druck geht schon ganz am Anfang los. Ich hab das Gefühl, ich bin aus einer Mühle raus und gleich in der nächsten. Trotzdem werde ich glücklicher sein. Früher war ich fremdbestimmt, mein Chef hat gesagt, mach dieses, mach jenes. Jetzt bestimme ich, wie schnell die Mühle läuft.

Später würde ich gerne beim Jugendamt arbeiten, als Schulpsychologin oder bei einer Beratungsstelle wie Pro Familia. Im Job fange ich wieder bei null an, da werde ich weniger verdienen als vorher. Momentan lebe ich vom Ersparten. Gestern Abend waren wir einen trinken, das kostet zehn, zwölf Euro. Danach hatte ich Lust auf Pommes, hab mir aber stattdessen zu Hause ein Butterbrot geschmiert. Irgendwie ist dieses neue Bewusstsein auch schön, sich zu fragen: Brauch ich das wirklich?"

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