Erwachsenwerden "Alles eine Riesenwundertüte"

Markus Kavka ist MTV-Moderator und gut doppelt so alt wie seine Zielgruppe. Als Opa des Musikfernsehens sieht er sich trotzdem nicht und wäre auch nicht gern noch einmal 20 Jahre jünger - ein Interview übers Erwachsenwerden.

von Merlind Theile


SPIEGEL: Herr Kavka, Sie sind jetzt 41 Jahre alt und moderieren noch immer beim Musiksender MTV, dessen Zielgruppe im Schnitt halb so alt ist wie Sie. Was ist da schiefgelaufen?

Moderator Kavka
MTV

Moderator Kavka

Kavka: (lacht) Schiefgelaufen ist nichts, ich bin halt einfach so jung geblieben! Ich hatte nie den Impuls, an meinem Job etwas zu ändern. Es ist ja nicht so, dass ich das Programm selbst überhaupt nicht mehr gucke oder den Zuschauern und ihren Bedürfnissen total entwachsen bin. Noch fühle ich mich nicht als Opa des Musikfernsehens.

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch bezeichnen Sie sich selbst als "kidult", also eine Mischung aus "kid" und "adult". In deutschen Großstädten sind Berufsjugendliche wie Sie längst ein Massenphänomen. Warum weigern sich immer mehr Leute über 40, ihren Lebensstil von damals aufzugeben?

Kavka: Erst mal liefern Metropolen den perfekten Nährboden dafür: Das Unterhaltungsangebot ist groß, man kann viel ausgehen, alle möglichen Jobs machen und muss keine festen Bindungen eingehen. Das ist ja anders als auf dem Land, wo man viel früher sesshaft wird. Grundsätzlich hat sich in meiner Generation alles nach hinten verschoben, wegen der Ausbildungszeiten, Praktika, Reisen - man eiert lange vor sich hin, irgendwann wird das zur Gewohnheit, und man scheut sich immer mehr davor, Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich überhaupt erwachsen?

Kavka: Ein bisschen was fehlt da noch, wobei ich gar nicht genau sagen kann, was das ist. Ich verbinde mit Erwachsensein eine innere Ruhe, aber mich treibt noch immer irgendetwas um. An guten Tagen würde ich das einfach Neugierde nennen. Aber an schlechten Tagen kann ich darüber verzweifeln, nicht zu wissen, wo ich noch hin will.

SPIEGEL: Ihr Bruder, drei Jahre jünger als Sie, ist verheiratet, hat ein Baby und wohnt in einem Haus bei Ingolstadt, nahe dem Ort, in dem Sie aufgewachsen sind. Gibt es etwas, worum Sie ihn beneiden?

Kavka:Grundsätzlich beneide ich ihn um die festen Größen in seinem Leben. So aufregend und unterhaltsam mein Leben ist, mich umgibt natürlich auch eine permanente Unsicherheit. Ich arbeite in einer Branche, in der es kaum feste Jobs gibt, und auch mein privates Umfeld ist ziemlich unstet. Bei mir ist alles eine Riesenwundertüte. Manchmal würde ich mir mehr Verlässlichkeit in meinem Leben wünschen. Diese Erdung kommt wohl erst mit einem Kind. Bei der Taufe meiner Nichte dachte ich: Donnerwetter, hätt' ich auch gern.

SPIEGEL: Wären Sie gern noch mal zwanzig Jahre jünger?

Kavka: Nö. Ich kann mich noch gut an die Zeit Anfang zwanzig erinnern. Das war lustig und spannend, aber auch ganz schön verwirrend, so als Landei in der Großstadt Nürnberg. Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe. Jetzt bin ich in der Spur, jetzt weiß ich, wie das Leben funktioniert.

SPIEGEL: In Ihrem Buch schwärmen Sie von Ihrer Jugend, von Mixtapes und Jungsstreichen beim Bauern nebenan. Klingt nach "Früher war alles besser".

Kavka: So ewiggestrig bin ich nicht. Ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die der Jugend von heute gern Passivität, politisches Desinteresse und mangelnde Kreativität bei der Freizeitgestaltung vorwerfen. Das ist alles Quatsch. Klar, in den Siebzigern gab es Punk, und in den Achtzigern hat man gegen AKW demonstriert. Diese Jugendbewegungen waren öffentlich eben sehr präsent. Aber dabei übersieht man gerne, dass in den Neunzigern die Revolution schlechthin passiert ist, nämlich die Erfindung des Internet. Die Kids sind alle online gegangen und haben damit praktisch die ganze Weltordnung auf den Kopf gestellt. Darum beneide ich diese Generation.



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