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15. Oktober 2010, 16:56 Uhr

Etiketten für die Jugend

Talkin' 'bout my Generation

Ritalin, Facebook, Bachelor, Yogamatte: Die Generationen-Labels sind so zahlreich wie nie und zugleich ganz schön nervig, finden Cosima Schmitt und Manuel J. Hartung. Wir sind zu vielfältig, um uns auf ein Schlagwort reduzieren zu lassen, schreiben die Journalisten in ihrem Buch.

Wir können sie nicht mehr hören: die ganzen Etiketten, die uns angeheftet werden. Die Schlagworte, mit denen Forscher und Feuilletonisten meinen, in fünf bis acht Silben das Wesen unserer Generation zu erfassen: "Generation Facebook", "Generation @", "Generation iPod", "Generation Ritalin", "Generation Chucks", "Generation Moleskine", "Generation Bionade", "Generation Yogamatte". Großartig, da müssen wir ja nur eins ankreuzen.

Dabei sagt keins der Etiketten viel über unser Lebensgefühl. Uns 20- bis 35-Jährigen, das belegt auch der neue Studentenspiegel, eint vor allem eins: Wir lassen uns nicht fassen, schon gar nicht unter eine Zwei-Worte-Überschrift. Selbst Studenten sind keine homogene Gruppe, sie splittern sich auf in ihren Werten, Wünschen und Zielen.

Und doch leben wir in einer Zeit, die sich berauscht an Generationenetiketten. Die 68-er sind bis heute die 68-er, die Babyboomer bleiben auch mit grauen Schläfen die Babyboomer, die Generation Golf heißt weiter so, selbst wenn sie nun Volvo oder Porsche Cayenne fährt. Uns aber wird alle paar Wochen ein neues Label verpasst. Schluss damit!

Etiketten sind Vereinfachungen. Sie sind okay, wenn sie einen wahren Kern treffen. Sie sind problematisch, wenn es bei ihnen nur um eine knallige Headline geht, die von Unterstellungen lebt, nicht von Substanz. Gerne wird behauptet, dass uns Weltereignisse wie der Mauerfall weniger beeinflusst haben als Konsum, Popkultur oder die Internet-Flatrate.

Aber was sagt es schon aus, dass wir Freunde lieber bei Facebook treffen als in Eiscafé Venezia? Dass wir den Liebsten eher SMS schicken als parfümierte Briefchen? Sind wir, nur weil wir täglich die Mails checken, "Generation Internet"? Einen yahoo-Account haben längst auch unsere Opas und die "digital natives" in der Grundschule twittern viel schneller als wir. Sind wir "Generation Doof", nur weil viele von uns Nachrichten lieber online lesen statt in der Zeitung? Die Formen, mit der wir uns die Welt aneignen, sagen nichts über die Inhalte; die Materie ist nicht wichtiger als der Geist. Menschen ähneln sich nicht, nur weil sie das gleiche Medium nutzen - der eine guckt online nur youtube-Videos, der zweite liest ethnologische Aufsätze, der dritte tauscht sich im Ziervogelforum über die Brutlust des Braunohrsittichs aus. Dass wir eher das Netbook aufklappen statt zum Telefon zu greifen, verrät nichts über unsere Werte. Und dass wir Galao trinken, offenbart keine neue Weltsicht.

Wir haben ja nichts gegen den Begriff "Generation". Wir finden durchaus, dass es Erlebnisse gibt, die die meisten von uns geprägt haben. Zwar eint uns nicht das eine große Trauma, wie die in den zwanziger Geborenen, die als Fast-noch-Kinder in den Schützengräben liegen mussten. Uns verbindet eher die Beharrlichkeit, mit der sich Krisen in unser Leben drängen: Erst die Angst vor Waldsterben und einem zweiten Tschernobyl. Später der 11. September, die "Generation-Praktikum"-Debatte, Klimakrise, Bildungskrise, Finanzkrise. Und doch sind wir keine "Generation Dauerkrise". Die Dauerkrise hat uns beeinflusst, aber sie ist nicht unser Lebensmotto. Wir haben sowieso nie geglaubt, dass Karrierewege planbar sind und wir bis zum 30-jährigen Dienstjubiläum in derselben Firma bleiben. Längst haben wir begriffen, dass nichts sicher ist, es aber immer irgendwie weitergeht.

Warum aber der Etikettenwahn?

Er ist der Versuch, eine Jugend zu begreifen, die den Älteren fremd geworden ist, sich mit ihren Denkschemata schwer fassen lässt. Manche Ältere brauchen einen Headline, die Orientierung verspricht.

Die Jungen heute lassen sich kaum mehr nach Klasse, Milieu, Einkommensgruppe einteilen, weil sich alles zu schnell wandelt und die alten Abgrenzungen verwischen. Der junge Architekt fühlt sich als Teil einer Bildungselite, auch wenn seine Einkünfte nur für die Einzimmerwohnung mit Ofenheizung reichen. Das Großbürgerkind macht eine Sitzblockade gegen Stuttgart 21. Der junge Grünenanhänger trägt Sakko, der Typ mit Rastas wählt die FDP, und beide treffen sich bei der Anti-Atom-Demo. Der eine findet es romantisch, seiner Freundin mit 25 einen Verlobungsring anzustecken, der zweite sieht es als Liebesbeweis, sich ohne Trauschein und Steuervorteil immer wieder zueinander zu bekennen. Der eine schließt mit dem ersten Arbeitsvertrag gleich eine Riesterrente ab, der zweite steckt sein Geld lieber in ein Around-the-world-Ticket.

Wir sind zu vielfältig, um uns mit einem Schlagwort zu beschreiben. Wir sind eine zersplitterte Generation, vereint in den prägenden Ereignissen, aber individuell in den Reaktionen.

Wir brauchen kein Label. Wir wollen keins. Wir sind die Generation ohne Generation.

Cosima Schmitt, 35, und Manuel J. Hartung, 29, sind die Autoren des Buchs "Die netten Jahre sind vorbei. Schöner leben in der Dauerkrise". Es ist gerade im Frankfurter Campus-Verlag erschienen und kann über den SPIEGEL-Shop bestellt werden.

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