Sexismus-Streit über "Avenidas"-Verse Umstrittenes Gedicht wieder an Hauswand zu sehen

Eine Berliner Hochschule ließ das Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer übermalen, weil Studenten es sexistisch fanden. Nun ist es wieder da - ganz in der Nähe.
Das Gedicht an zwei Fassaden der Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" Hellersdorf

Das Gedicht an zwei Fassaden der Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" Hellersdorf

Foto: Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" Hellersdorf

Das umstrittene Gedicht "Avenidas" von Eugen Gomringer prangt seit einigen Tagen erneut an zwei Häuserfassaden in Berlin - und zwar nur zwei Kilometer von der Alice Salomon Hochschule entfernt. Dort war es vor mehr als einem Jahr entfernt worden, weil Studierende es sexistisch fanden.

Das Gedicht besteht aus 20 aneinandergereihten Worten und erzählt von einer Szene auf den Ramblas in Barcelona, die der Dichter Eugen Gomringer in den Fünfzigerjahren beobachtet hat. Sie lauten übersetzt so: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer".

Der Asta der Hochschule hatte sich bereits vor drei Jahren über das Gedicht beschwert: "Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", kritisierten die Studierendenvertreter. "Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

"Avenidas"

"Avenidas"

Foto: Wohnungsgenossenschaft "Grüne Mitte" Hellersdorf

Die Wohnungsgenossenschaft Grüne Mitte Hellersdorf zeigt es nun auf Deutsch und Spanisch auf etwa acht mal zehn Metern an den Fassaden und lässt es sogar beleuchten, wenn es dunkel ist.

Der Vorstand der Genossenschaft, Andrej Eckhardt, hat es so entschieden. "Mich nervt total in der Stadt, dass alles permanent negativ betrachtet wird", sagte er dem SPIEGEL. Bei diesem Gedicht sei ihm der Kragen geplatzt. Er könne absolut nicht verstehen, was daran sexistisch sein soll. Eckhardt ist der Meinung, dass die Studierenden damit zu weit gegangen seien.

Er habe sich damals schon gedacht: "Leute es reicht, kriegt euch mal ein!" Man könne ja über alles diskutieren, aber "wollen wir auch das Lächeln der Mona Lisa abhängen?" Eckhardt sagt, die Genossenschaft wolle damit Flagge zeigen.

Der 93 Jahre alte Poet Gomringer hatte die geplante Übermalung seines Gedichts an der Hochschulfassade damals scharf kritisiert: "Das ist ein Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie." Es gehe den Verantwortlichen um die Entfernung eines "nicht weichgespülten Gedichts" im Sinne einer falsch verstandenen Political Correctness.

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) rügte die Entfernung des Gedichts ebenfalls scharf. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei."

kha
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