Europas Superhirn-Gipfel Invasion der Intelligenzler

Köln ist schlau wie nie - denn am Rhein treffen sich zur Zeit 330 Hochbegabte aus 20 Ländern Europas. In allen Mitgliedern des Mensa-Vereins wohnt ein Hirn mit mindestens 130 PS. Sie wissen aber: So viel Grips macht das Leben nicht zwangsläufig leichter.


Buchautorin Nicole Schuster: "Ich war lange verzweifelt"
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Buchautorin Nicole Schuster: "Ich war lange verzweifelt"

Julian kommt mit acht Jahren schon in die vierte Klasse und hat einen erstaunlichen Intelligenz-Quotienten von 142. Nicole Schuster, 23, hat bereits ein Pharmaziestudium abgeschlossen, ist Buchautorin, Journalistin und hält Vorträge. Die beiden gehören zu den Schlausten aus Europa, die sich seit Donnerstag in Köln treffen. 330 Hochbegabte aus 20 Ländern sind bei der ersten europäischen Tagung der besonders intelligenten Menschen dabei.

"Wir sind ganz normale Leute, nur eben mit einem Intelligenzquotienten über 130. Es ist aber nicht so, dass hier lauter kleine Einsteins rumlaufen", sagt Arnd Felten, 26. "Ich bin auf der Suche nach intelligenten Gesprächen und Erfrischungen für den Kopf. Es ist selten so, dass wir generell für alles begabt sind, sondern wir sind bei bestimmten Themen besonders schnell und kommen auch besser in komplexe Themen rein." Zugleich betont der Mainzer Medizinstudent: "Ein IQ über 130 ist kein Garant für ein erfolgreiches Leben - Vorteile ergeben sich nur, wenn man lernt, seine besondere Begabung richtig einzusetzen."

Autorin Nicole Schuster hat das mühsam gelernt. "Als Autistin und Hochbegabte war ich lange verzweifelt, fühlte mich als Kind und Jugendliche abgelehnt und kam mir überall wie ein Fremdkörper vor." Erst mit 18 Jahren wurde ihre Veranlagung entdeckt, dann gab sie Vollgas: "Ich habe ein fotografisches Gedächtnis für Details und schreibe leidenschaftlich gern", erzählt sie. "Während meines Pharmaziestudiums habe ich angefangen, bundesweit Vorträge über Hochbegabung und den richtigen Umgang mit hochintelligenten Kindern zu halten - vor allem für Lehrer, denn die haben bei mir früher vieles falsch gemacht."

"Vielleicht werde ich mal Hai-Forscher"

Davon kann auch Julian Nogli aus dem schleswig-holsteinischen Brokstedt ein Lied singen. Er hat die zweite Schulklasse übersprungen. "Es war alles so leicht in der ersten Klasse, vor allem in Mathe", erzählt der achtjährige Knirps, der Geige spielt und gern tüftelt und bastelt.

"In der Schule war er auffällig und unglücklich, die Lehrerin sprach von ADS oder dass er einfach schlecht erzogen ist", erzählt Julians Mutter. "Daraufhin haben wir seinen IQ testen lassen - und durften uns dann eine beliebige Klasse aussuchen." Inzwischen geht der Junge wieder gern zur Schule und weiß bereits: "Ich werde später mal Architekt oder vielleicht auch Hai-Forscher."

Weltweit hat Mensa 110.000 Mitglieder, davon 7000 in Deutschland. Mit einem in Tests nachgewiesenen IQ ab 130 aufwärts gehören sie zu den intelligentesten zwei Prozent der Bevölkerung - aber über den genauen IQ spricht man unter den "Mensanern" nicht. Ziel des Vereins ist es, Wissenschaft und Forschung zur Hochbegabung zu fördern und die hellsten Köpfe zusammenzubringen - über Vorträge, Feste, Stammtische oder Gruppen mit speziellen Interessen.

Christine Warlies, 45, ist Vize-Vorsitzende. Sie möchte "Netzwerke aufbauen, Kontakte bis in die kleinsten Dörfer hinein herstellen" und Talente ermutigen. "Viele fühlen sich irgendwie anders und unverstanden, wissen aber nichts von ihrer Hochbegabung", so Warlies. Sie spricht fünf Sprachen und arbeitete zunächst als Krankenschwester, gründete danach zwei Firmen, war später Lektorin eines Fachverlages und ist nun selbstständig als Vertriebs- und Marketingspezialistin in Hamburg.

Lebensfallen für Hochbegabte

Die deutschen Mensaner hatten sich bereits im April in Hamburg getroffen und unter anderem "Scotland Yard" gespielt. Die Kölner Veranstaltung hat jetzt Warlies federführend organisiert. Zusätzlich zum Erfahrungsaustausch können die Teilnehmer aus einem besonderen Programm auswählen: "Wir bieten in einer sehr konzentrierten Form eine geballte Menge an Wissen an - entsprechend der schnellen Auffassungsgabe der Hochintelligenten", so Warlies.

"Hirnnahrung" wird versprochen. In den Referaten geht es um Themen wie die Masse des Merkurs, Chaos-Modelle, Schwarm-Intelligenz und -dummheit oder Symmetrien. Die für den Durchschnittsmenschen mit einem IQ um die 100 eher schwer verdauliche Kost wird den Teilnehmern zwischen sieben und 70 Jahren noch dazu in englischer Sprache serviert.

Auch "Lebensfallen für Hochbegabte" werden von den schlauen Köpfen in Köln heiß diskutiert: "Eine Nebenwirkung der Hochbegabung ist ja, dass wir sehr schnell denken und erklären und uns dann wundern, dass unser Gegenüber uns nicht versteht", sagt Warlies. Hochintelligente sollten sich dieser Unterschiede bewusst sein, denn: "Wer gilt schon gerne als Besserwisser oder Rechthaber?"

Zu Beginn der Tagung schenkte Mensa dem Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) als Dank für seine Schirmherrschaft einen Gutschein über einen IQ-Test. Den werde er zunächst mal in seinem Büro parken, meinte Schramma: "Ich muss vorher noch trainieren."

Yuriko Wahl, dpa

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