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13. Januar 2011, 08:41 Uhr

Ex-Bischöfin an der Uni

Käßmanns Antrittsgottesdienst

Von , Bochum

Vor knapp einem Jahr trat Margot Käßmann von ihrem Chefposten der evangelischen Kirche zurück - jetzt zelebriert die Ruhr-Uni Bochum ihr Comeback. In einem zum Festsaal geschmückten Audimax hielt sie ihre Antrittsvorlesung. Manche Studenten sind nicht begeistert.

Gleich mit zwei Terminen inszenierte die Ruhr-Uni Bochum die Ankunft ihrer neuen Star-Theologin. Margot Käßmann war als Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) beliebt. Seit ihrem Rücktritt und der öffentlichen Reue, weil sie vor knapp einem Jahr betrunken über eine rote Ampel fuhr, ist sie fast schon ein Popstar.

Käßmann kennt Bochum. Vor mehr als 20 Jahren hat sie hier promoviert, und bei ihrer Rückkehr kommen die Bochumer in Scharen: Mit mehr als 1800 Zuhörern war Käßmanns Antrittsvorlesung im Audimax am Mittwoch bis auf den letzten Platz gefüllt.

Am Dienstag, bei der vorbereitenden Pressekonferenz, schien es, der Trubel werde ihr zu viel. Als sie vom Blitzlichtgewitter der Fotografen genug hatte, ging sie aus dem Raum.

Käßmann sucht Ruhe nach einem turbulenten Jahr

Sie wünsche sich mehr Ruhe, hatte Käßmann vor ihrer Antrittsvorlesung gesagt. Verständlich. Auf dem Kirchentag 2010 absolvierte sie nach ihrem Rücktritt ihre ersten öffentlichen Auftritte - und gleich ein knappes Dutzend. Dann ging sie im Herbst als Gastprofessorin nach Atlanta in die USA. Vergangenen Donnerstag dann schaute sie, gerade aus Amerika zurück, bei der CSU in Wildbad Kreuth vorbei.

Als Gastprofessorin an der Ruhr-Uni, kein Jahr nach ihrem Rücktritt als Vorsitzende der EKD, findet sie die Ruhe zumindest zum Auftakt nicht. Für zwölf Monate ist sie nun "Max-Imdahl-Professorin für die Einheit von Wissen und Gesellschaft". Hinter diesem sperrigen Titel stehe der Gedanke, Persönlichkeiten der Zeitgeschichte "einen akademischen Wirkraum" zu bieten, sagt der Rektor der RUB, Elmar Weiler.

In ihrer ersten Vorlesung spricht sie über "Multikulturelle Gesellschaft - Wurzeln, Abwehr und Visionen". Sie spricht über die Sarrazin-Debatte, fehlende Berührungspunkte der Kulturen. Ihre Ausführungen passen sich dem universitären Duktus an.

Studenten, Neugierige, darunter auch viele wohlsituierte Damen und Herren mittleren Alters, klassisches Kirchentagspublikum, und 300 geladene Gäste lauschen still. Nur die Fotografen am Rand begleiten jeden Seitenblick, jede Geste Käßmanns mit dutzendfachem Klicken. Ab und zu schließt ein Zuhörer die Augen. Käßmann füllt den riesigen Raum mit ihrer Präsenz - auch, weil ihr Bild in vielfacher Vergrößerung an eine Leinwand hinter ihr projiziert wird.

Vor der Antrittsvorlesung "ganz schön geschwitzt"

Käßmann kritisiert die deutsche Debatte um verfehlte Integration. Deutschland habe eine "ungeheure Einwanderungsleistung" nach 1945 und in der jüngeren Zeit erbracht. Viele würden nur auf die Probleme starren, "statt auf Gelungenes zu sehen". Wichtig seien vor allem Bildung und Offenheit im Umgang miteinander.

Ihre Berufung hatte an der Fakultät für evangelische Theologie einiges durcheinandergewirbelt. Die Studenten sind nicht alle glücklich über ihre neue Promi-Professorin. Timon Wawreczko studiert Theologie und Sinologie. Für die Ruhr-Uni habe er sich schon gefreut, als er die Nachricht von Käßmann Berufung hörte. "Aber für mich selbst hat sie keine besonders große Bedeutung", sagt er. "Mich interessiert der Inhalt, nicht die Person, die ihn vorträgt." Es gebe aber auch Kommilitonen, "die gezielt Seminare belegen wollen, die von ihr gegeben werden".

Damit werden sich die Käßmann-Fans unter den Studenten noch etwas gedulden müssen. Sie wolle im laufenden Wintersemester zunächst Seminare und Vorlesungen ihrer Kollegen besuchen und so die Fakultät kennenlernen. Schon für ihre Antrittsvorlesung habe sie "ganz schön geschwitzt. So etwas schüttelt man ja nicht aus dem Ärmel".

Lehr- und Forschungsschwerpunkt der Theologin sollen Sozialethik und Ökumene werden. Im deutschsprachigen Raum sei dafür "niemand besser geeignet als Margot Käßmann", sagt Rektor Weiler über seine neue Kollegin.

Käßmann sieht die kommenden zwölf Monate vor allem als Chance auf die Ruhe, die sie so dringend will: "Es ist geschenkte Zeit zum Lesen und Lernen, auch zum Reden und Weitergeben, aber in jedem Fall eine Zeit, die nicht so unter Termindruck steht, wie etwa ein bischöfliches Amt."

Den Wirbel, den ihre Berufung an der Fakultät ausgelöst hat, nahm Käßmann gelassen. Weniger gelassen, so erscheint es den Studenten, war die Reaktion der Uni.

"Im Moment wird geschaut, was die Fakultät für Margot Käßmann tun kann"

Nach der Käßmann-Vorlesung stehen Studenten beisammen und tratschen über die Aufregung, nachdem bekannt wurde, dass Käßmann kommt. Flure seien frisch gestrichen und sogar Kerzen auf der Damen-Toilette aufgestellt worden, als Käßmann einmal vor ihrem Antritt in Bochum vorbeischaute. Und für Seminare, die Käßmann in den kommenden Tagen besuchen will, würden die Teilnehmer inhaltlich besonders intensiv vorbereitet, erzählen die Studenten.

All der Rummel um die Person kommt bei Theologie- und Philosophiestudent Majk Feldmeier nicht gut an. Als im August klar war, dass Käßmann wirklich nach Bochum kommt, hatte er "das Gefühl, dass über nichts anderes mehr geredet wurde", sagt Feldmeier. Skeptisch sei er deshalb in die Antrittsvorlesung gegangen. "Aber sie hat mir besser gefallen, als ich erwartet habe. Auch wenn sie in Zukunft gerne etwas wissenschaftlicher sein könnte."

Lara Süßmann, die nicht Theologie, sondern Religionswissenschaft studiert und deshalb keine Seminare bei der neuen Professorin belegen wird, gefiel die Vorlesung. Interessant sei sie gewesen, genau wie auch die Person Käßmann: "Es ist gut, dass es Menschen gibt, die sich so aktiv in die öffentliche Debatte einmischen wie sie", sagt Süßmann.

Diese Einmischung provoziert wiederum einiges an Aufmerksamkeit, besonders seit Käßmanns Rücktritt als oberste Hirtin der deutschen Protestanten. Die Uni behandele ihre neue Star-Professorin mit besonderer Sorgfalt, beinahe zu sehr, findet Student Julian Skocki: "Im Moment wird geschaut, was die Fakultät für Margot Käßmann tun kann. Ich hoffe, dass es bald andersherum sein wird."

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