Ex-Langzeitstudent Annen "Ich bin durchgerasselt, wie andere auch"

Sie verspotteten ihn als "ewigen Studenten" und "SPD-Milchgesicht": Niels Annen saß als Deutschlands bekanntester Langzeitstudent im Bundestag. Im Interview erzählt er, wie er sich doch noch zum Master durchbiss - und sagt, was die Piratenpartei besser macht als die SPD.

Langzeitstudent Annen (2003): Manchmal führen Umwege am Latinum vorbei
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Langzeitstudent Annen (2003): Manchmal führen Umwege am Latinum vorbei


SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Herr Annen! Sie haben doch noch Ihr Studium abgeschlossen! Eigentlich ein Grund zum Feiern. Aber Ihnen scheint es eher unangenehm zu sein...

Annen: Ich freue mich natürlich darüber, auch wenn meine Uni-Laufbahn sicher erst zum Ende eine Erfolgsgeschichte geworden ist. Aber mein Lieblingsthema ist es nicht, ich spreche lieber über meine politische Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt waren Sie 14 Jahre lang als Student in Hamburg eingeschrieben. Sie zogen ohne Abschluss in den Bundestag ein, blieben immatrikuliert, brachen später das Geschichtsstudium ab. Manche Zeitungen, vorneweg die "Bild"-Zeitung, verspotteten sie als "ewigen Studenten" und "SPD-Milchgesicht".

Annen: Ich habe nie einen Hehl aus meiner langen Studienzeit gemacht, auf meinem Wahlzettel stand 2005: Niels Annen, Student. Ich habe da nicht irgendeine ungeschützte Berufsbezeichnung hinschreiben lassen, um meinen Status zu verschleiern. Und: Damit habe ich meinen Wahlkreis gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Spott Sie getroffen?

Annen: Nein. Politiker müssen damit leben, dass es Vorurteile gegen sie gibt. Und gerade bei jungen Politikern fragen sich viele Leute: Was bringt ein 30-Jähriger überhaupt mit in den Bundestag? Dass es für eine große Zeitung verführerisch ist, daraus eine Geschichte zu machen, kann ich verstehen, muss es aber nicht gutheißen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihnen damals Parlamentarierkollegen ins Gewissen geredet: Jetzt reiß dich halt zusammen und mach's fertig?

Annen: Nein, das war kein großes Thema. Ich war ja nicht der einzige Abgeordnete, der sein Studium nicht abgeschlossen hatte. Warum mir nun das unsagbare Glück widerfuhr, eine so große Aufmerksamkeit zu erfahren, kann ich Ihnen nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Es hat ja dann doch noch geklappt: Sie sind vom Magister auf Bachelor und Master umgeschwenkt.

Annen: Ja, und auf einmal wird man dann sogar "Gewinner des Tages" in der von Ihnen genannten Zeitung. Das Leben ist voller Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben von der umstrittenen Bologna-Reform also profitiert?

Annen: Ja, wenn Sie so wollen, bin ich ein Bologna-Veteran, aber ich bin da bei weitem nicht der Einzige: Viele haben die Reform genutzt, um doch noch einen Abschluss zu erwerben.

SPIEGEL ONLINE: Viele kritisieren die Reform als verkorkst und bürokratisiert.

Annen: Da wird längst nachgesteuert. Es ist doch normal, dass bei Reformen nicht alles von Anfang an glatt läuft.

SPIEGEL ONLINE: Studenten klagen über Prüfungsterror und überfrachtete Studiengänge.

Annen: Der eine oder andere Hochschulplaner hat sich beim Umstellen nicht ausreichend Gedanken gemacht, das stimmt. Was mich besorgt: Vielen Studenten bleibt zu wenig Zeit, sich außeruniversitär zu engagieren, im Ausland zu studieren und sich zu orientieren, so wie ich es getan habe - wenn auch ein bisschen zu lang.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie hatte Bologna den Vorteil, dass Sie in Berlin einen Bachelor machen konnten, für den Sie kein Latinum brauchten. Daran waren Sie vorher in Hamburg mehrfach gescheitert.

Annen: Ich bin durchgerasselt, wie viele andere auch. Damals war ich Abgeordneter, die Arbeit kostete Zeit und Kraft. Und die Wählerinnen und Wähler meines Wahlkreises hatten mich ja nicht in den Bundestag geschickt, damit ich meine Prüfungen schaffe.

SPIEGEL ONLINE: 2009 verloren Sie Ihr Mandat - und schafften es schließlich als Ex- Studienabbrecher an die renommierte School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Washington.

Annen: Ein bisschen überrascht hat mich das auch. Aber es war eine tolle Erfahrung, an einer der besten Unis Amerikas zu studieren und sich intensiv mit Themen zu beschäftigen. Als Abgeordneter hetzen Sie von Sitzung zu Sitzung; vieles lesen Sie da nur noch quer oder lassen es sich von ihren Mitarbeitern erklären.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie anderen Studenten raten, eine parteipolitische Karriere anzustreben?

Annen: Für Ratschläge bin ich vermutlich der Falsche. Aber mich besorgt schon, dass sich zu wenige junge Leute in den Parteien engagieren, nicht nur in der SPD.

SPIEGEL ONLINE: Die fühlen sich vielleicht besser aufgehoben bei den Piraten.

Annen: Klar, die Piraten zeigen, dass sich viele Jüngere bei den etablierten Parteien nicht zurechtfinden. Da hat es uns Sozialdemokraten auch nicht geholfen, dass wir schon seit Jahren über Netzpolitik diskutieren. Ich vermute aber auch, dass manchem Politik zu unbequem ist: Zur Demokratie gehört eben auch der Streit. Diese Konflikte muss man aushalten.

SPIEGEL ONLINE: Manch ein Pirat pflegt aber auch einen eher deftigen Umgangston, von Konfliktscheu keine Spur.

Annen: Vielleicht haben viele die Brisanz der Netzpolitik zu spät erkannt, auch wir. Das hat auch mit einem Mangel an persönlicher Erfahrung zu tun: Einige meiner damaligen Bundestags-Kollegen lassen sich ihre E-Mails noch immer ausdrucken und haben nicht erkannt, wie stark das Internet inzwischen Teil des Alltags geworden ist. Große Organisationen lernen eben langsam, auch in der Politik.

Das Interview führte Oliver Trenkamp



insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
Pinon_Fijo 09.10.2011
1.
Seine Schäfchen hat er doch schon längst ins Trockene gebracht.... Die interessante Frage, was 30-jährige Grünschnäbel im Parlament zu suchen haben, wurde leider nicht beantwortet (die Frage stelle ich mir als gerade mal 36-jähriger und habe sie mir auch schon vor 15 Jahren gestellt). Was weiß ein unter 30-jähriger vom Leben ? Eigentlich nix...
mischpot 09.10.2011
2. Wie sieht denn die Bilanz von Herrn Annen aus
Studiert 14 Jahre auf Steuerzahlerkosten, hat einen Sitz im Bundestag auf Steuerzahlerkosten. Was hat Herr Annen in seinem Leben geleistet, wieviel Steuern hat Herr Annen in diesem Land bis heute gezahlt. Das sind die Sozialschmarotzer an denen dieses Land krankt. Und dann gehören Sie auch noch einer Sozial Demokratischen Partei an. Das ist doch ein Hohn. http://www.bild.de/news/politik/politik/job-fuer-diesen-bundestagsabgeordneten-6495498.bild.html http://www.focus.de/politik/deutschland/nils-annen-gastkommentar-von-niels-annen-kommentar_3812523.html http://www.taz.de/!19077/
AKI CHIBA 09.10.2011
3. Und ich bin 72!
Zitat von Pinon_FijoSeine Schäfchen hat er doch schon längst ins Trockene gebracht.... Die interessante Frage, was 30-jährige Grünschnäbel im Parlament zu suchen haben, wurde leider nicht beantwortet (die Frage stelle ich mir als gerade mal 36-jähriger und habe sie mir auch schon vor 15 Jahren gestellt). Was weiß ein unter 30-jähriger vom Leben ? Eigentlich nix...
und war auch mal ein Grünschnabel und habe mein Studium so recht und schlecht hingewackelt. Aber die Frage, ob ein 30 Jähriger im Bundestag was zu suchen hat, habe ich mir mit 36 nicht gestellt. Sogar Jüngere dürfen im Bundestag was suchen - Gott sei Dank! Unser demokratisches Spektrum schreit geradezu nach "Grünschnäbeln" die noch nicht so viel vom Leben wissen. Manche Altgediente wissen zu viel vom Leben - viel zu viel!
Hompster 09.10.2011
4. Kt
Zitat von mischpotStudiert 14 Jahre auf Steuerzahlerkosten, hat einen Sitz im Bundestag auf Steuerzahlerkosten. Was hat Herr Annen in seinem Leben geleistet, wieviel Steuern hat Herr Annen in diesem Land bis heute gezahlt. Das sind die Sozialschmarotzer an denen dieses Land krankt. Und dann gehören Sie auch noch einer Sozial Demokratischen Partei an. Das ist doch ein Hohn. http://www.bild.de/news/politik/politik/job-fuer-diesen-bundestagsabgeordneten-6495498.bild.html http://www.focus.de/politik/deutschland/nils-annen-gastkommentar-von-niels-annen-kommentar_3812523.html http://www.taz.de/!19077/
Er ist in den Bundestag GEWÄHLT worden. Es steht ihnen frei das Gleiche zu tun und es besser zu machen.
mischpot 09.10.2011
5. Da liegt das Problem
Zitat von HompsterEr ist in den Bundestag GEWÄHLT worden. Es steht ihnen frei das Gleiche zu tun und es besser zu machen.
Diese fragwürdigen und auf Seilschaften aufbauende Politsystem der BRD ist doch marode und gehört abgeschafft da es nur unter diesem Deckmantel zigfach mißbraucht wird. http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ha&dig=2011%2F08%2F17%2Fa0034&cHash=735b86b96e
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