Examen im Schaufenster "Big Brother" als Performance

40 Tage lang schrieb Anne Wiltafsky ihre Examensarbeit in einem Osnabrücker Schaufenster. Bei UniSPIEGEL ONLINE erzählt die Studentin der Philosophie, Sozialwissenschaften und Kunst, warum sie sich jeden Werktag von 10 bis 17 Uhr beobachten ließ.


UniSPIEGEL ONLINE:

Das Thema Ihrer Examensarbeit lautet "Jenseits von Wesenskern und Werk - Performance als Leitmodell selbst-bildender Kunst". Warum mussten Sie sich dafür ins Schaufenster der Uni-Galerie Osnabrück setzen?

Anne Wiltafsky: Für mich war das die einzig mögliche Form, über Performance-Kunst zu schreiben. Bei einem normalen Text sieht man das an dieser Kunstform Wesentliche nicht: Es ist ein Ereignis, kein festgelegter Gegenstand. Ein Performance-Künstler ist nur noch Regisseur, ein Teilnehmer am Prozess. Inhalt und Interpretation einer Aktion ändern sich in ihrem Verlauf. Wenn ich mir Bilder einer Performance ansehe, dann ist das Ereignis vorbei, und ich habe es nicht miterlebt. Die Schwierigkeit beim Schreiben über Performances besteht darin, den Prozess nicht festzuschreiben und so das Ereignis in ein Werk zu verwandeln. Indem ich meine Arbeit zur Kunstaktion erklärt und mich ins Fenster gesetzt habe, habe ich erfahren, welche Schwierigkeiten es bei einer Performance gibt oder welche Rolle die Zeit spielt.

UniSPIEGEL ONLINE: Gab es keine Probleme mit Betreuern oder Prüfungsamt?

Wiltafsky: Nein, es bleibt ja eine wissenschaftliche Arbeit. Und es ist nicht aus der Luft gegriffen, wenn ich den Rahmen, in dem die Arbeit geschrieben wird, sichtbar mache. Wenn ich im Schaufenster Bücher lese und meine Examensarbeit schreibe, sehen die Leute meine gesellschaftliche Rolle als Studentin. Dann kommt mit rein, was es bedeutet, dass man Examen macht und unter Stress eine solche Arbeit schreibt. Das verändert die Lesart des Textes.

UniSPIEGEL ONLINE: Und die praktische Seite?

Wiltafsky: Es war rattenkalt. Ich habe die ganze Zeit in Winterjacke im Fenster gesessen. Außerdem war es eben öffentlich. Ich konnte meine Sachen nicht einfach so liegen lassen. Da wurden Sachen wichtig wie: Wo kriegst du was zu essen zwischendurch?

UniSPIEGEL ONLINE: Also kein bequemes Büro im Fenster?

Wiltafsky: Auf keinen Fall. Es ist eine ganz andere Arbeitssituation. Versuch mal, ein Buch zu lesen, wenn du die ganze Zeit angeguckt wirst. Normalerweise vergisst man beim Lesen seinen Körper, aber wenn du dabei angeblickt wirst, wirst du in ihn zurückgeworfen. Nach einer Weile ist man gut trainiert, das zu vergessen. Aber manchmal war ich froh, dass da 'ne Scheibe war. Einmal ist jemand vorbeigekommen, der war völlig betrunken und hat seine blutige Hand gegen die Scheibe gedrückt.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie haben die Passanten sonst reagiert?

Wiltafsky: Querbeet von "beknackte Idee" bis "total toll". Es kamen auch Leute herein, um sich mit mir unterhalten. Manche haben mir Bücher mitgebracht oder gesagt, mir ist zu deinem Thema das und das eingefallen. Oder sie kamen nach einer Woche wieder und sagten, sie hätten die ganze Zeit an mich gedacht - auch wenn sie sonst mit Kunst nichts zu tun hatten. Draußen hatte ich eine Box mit Karten und einem Fotoapparat aufgebaut. Da haben die Leute mir Fragen gestellt und Fotos gemacht. Einer meinte "ganz schön 'Big Brother'-like". Ich habe ihm Unterschiede zu "Big Brother" aufgeschrieben.

UniSPIEGEL ONLINE: Wenn andere sich 100 Tage lang beobachten lassen, um viel Geld und einen Plattenvertrag zu gewinnen - ist das auch ein Projekt?

Wiltafsky: Natürlich. Es beruht auf Performancekunst. Schon in den Siebzigern haben Leute sich selber ausgestellt. Das ist jetzt nur aus einem künstlerischen in einen Medienkontext verschoben worden, und es verdienen eine Menge Menschen Geld mit dem Anschein von Authentizität. Aber das ist natürlich hochgradig künstlerisch gemacht. Meine Aktion ist ganz anders: Wer mich sehen wollte, musste vorbeikommen und war gleichzeitig Teil der Aktion, nicht nur Voyeur. Wer da vorbeiging, wurde zurück angeguckt.

UniSPIEGEL ONLINE: Mit Ihrem Training müssten Sie bei "Big Brother" ja locker gewinnen können.

Wiltafsky: Nee, das interessiert mich nicht. Mich interessieren die Spielregeln, wie etwas funktioniert. Bei meiner Aktion konnte ich sie selber machen. Aber bei "Big Brother" führt jemand anders Regie, wählt Charaktere aus und lässt sie aufeinander los, um eine möglichst brisante Mischung in den Container zu bringen. Ich hätte keine Lust, nur Material zu sein.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie findet sich die Performance in der Examensarbeit wieder?

Wiltafsky: Ich habe die Form des Befragtwerdens übernommen. Ich habe keine hierarchische Gliederung mit Kapiteln und Unterpunkten, sondern stelle mir Fragen und antworte darauf. Die Arbeit stellt sich so selbst in Frage, es herrscht kein Anspruch auf Abgeschlossenheit. Außerdem läuft die ganze Zeit die Performance als Fotoerzählung am Rand des Textes ab. Ich habe bestimmt 500 Fotos.

UniSPIEGEL ONLINE: ... und viele davon zeigen das Gleiche.

Wiltafsky: Ja, ein Wagen parkte zum Beispiel immer um drei Uhr da. Ich würde als alternative Form des Reisens vorschlagen, dass man sich für eine lange Zeit auf den gleichen Fleck setzt. Dann bekommt man mit, wer da wohnt, wer wen kennt und was so abläuft. Ich habe zum Beispiel einen Dealer beobachtet, der die ganzen Bahnhofspunks mit Drogen versorgt hat. Ein anderer Mann saß mir direkt gegenüber am Fenster. Nach zwei Wochen ist er gekommen und hat mich gefragt, was ich da mache. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Was sind meine 40 Tage für eine Examensarbeit gegen ihn, der da immer sitzt!

Das Interview führte Fiete Stegers



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