Examensarbeit Achtung Endspurt!

Hochschüler kennen wenige Wochen vor dem Abgabetermin der Abschlussarbeit oft nur noch Stress pur. Schuld daran sind nicht nur die Studenten selbst, auch die Unis müssten etwas für die Kandidaten tun.


Kurz vor dem Examen: Stress pur hat auch diese Studentin
GMS

Kurz vor dem Examen: Stress pur hat auch diese Studentin

Einige Monate vor dem Abgabetermin ihrer Magisterarbeit wähnte sich Isabel Harter noch im Zeitplan. Doch je näher das magische Datum rückte, desto hektischer wurde die Japanologie-Studentin. Die Zeit wurde knapp: "Im letzten Monat kam ich nicht mehr weiter. Ich dachte, ich kriege das nie zu Ende", berichtet die 28 Jahre alte Kölnerin. Heute hat Harter ihre Magistra in der Tasche. Doch nicht alle Studenten haben dieses Durchhaltevermögen.

Schuld am häufigen Scheitern ist allerdings nicht nur ungenügende oder verspätete Planung, wie es häufig heißt. Ein Drittel aller Studienabbrecher scheitert vielmehr an Schreibproblemen während der Examensphase, schätzt Otto Kruse, Psychologie-Professor an der FH Erfurt und Autor eines Ratgebers gegen Schreibblockaden im Studium: "Die Examensarbeit ist eine große Klippe. Viele warten ein, zwei Jahre oder länger, bevor sie sich anmelden."

Nichtsdestoweniger werde das wissenschaftliche Schreiben an deutschen Unis kaum gelehrt, moniert Kruse. Die Hochschulen in Chemnitz, Bielefeld, Bochum, Berlin und Erfurt etwa bildeten Ausnahmen. Dort lernen Studenten in "Schreiblaboren", wie sie sich am besten auf Diplom- und Magisterarbeiten vorbereiten.

Kruse rät Examenskandidaten, ihre Abschlussarbeit kleinschrittig zu planen. "Man braucht ein Thema, Material und ein Problem", erklärt der Experte. "Das Thema soll möglichst eng gefasst sein und vorhandenes Wissen auf eine neue Frage anwenden."

Stichpunkte reichen nicht

Strenge Maßstäbe sollten Studenten anlegen, wenn sie die Literatur sichteten. Ein großer Teil des Materials sei für das Thema der Arbeit nicht relevant. Außerdem sollten die Studenten auf keinen Fall zu spät anfangen, ganze Sätze zu schreiben, rät Andrea Frank, Gründerin des Schreiblabors an der Universität Bielefeld. "Stichpunkte sind sonst oft nicht mehr zuzuordnen." Auch gerate man andernfalls schnell unter Zeitdruck.

Viele Studenten unterschätzen zudem den Zeitaufwand, ihr Examen niederzuschreiben. "Meist dauert das Schreiben länger, als man denkt", mahnt Otto Kruse. Einen Zeitplan aufzustellen, ist daher besonders wichtig. Durch ein Exposé sollten sich die Prüflinge verdeutlichen, wie sie ihre Arbeit gliedern wollten und wie viel Zeit sie für jeden Arbeitsschritt brauchten. Diese Auflistung solle schon zur Prüfungsanmeldung vorliegen, empfiehlt Barbara Schulte-Steinicke vom Schreiblabor der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin. Planung, Themenfindung und das Einlesen in die Fachliteratur sollten ihr zufolge ein Semester vor der Prüfungsanmeldung beginnen.

Doch bei allen Bemühungen warnen die Schreibexperten vor zu viel Perfektionismus: Viele Studenten dächten, sie müssten immer noch mehr tun. Sinnvoll für den Seelenfrieden sei daher, klare Zeitfenster für das Arbeiten einzurichten - und auch deutliche Pause einzubauen. "Der Kopf braucht Zeit, um sich zu erholen", so Schulte-Steinicke.

Auch die Kontakte zu anderen Studenten seien während der Arbeitsphasen wichtig, weiß Schreibspezialist Kruse: "Das Schreiben ist ein einsames Gewerbe." Viele verlören im Examen den Blick dafür, was das gängige Niveau sei. "Sie werden zu perfektionistisch. Daher sollten die Ansprüche an die eigene Leistung nicht zu hoch sein."

Thorsten Wiese, gms



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.