Exklusive Studienberatung Teures Rendezvous mit dem Professor

Der größte deutsche Professorenverband bietet die Kollegen jetzt per Internet zur Miete feil: 350 Euro soll ein exklusives Beratungsgespräch für Studierwillige bei "Genius" kosten, der "Studienberatung der Professoren". Die Wissenschaftsminister allerdings sind mit den außeruniversitären Beraterjobs keineswegs einverstanden.

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Der Deutsche Hochschulverband (DHV) beendete seinen Verbandstag standesgemäß. Wissenschaft und Forschung, so sagte der streitbare Präsident und Professorenlobbyist Hartmut Schiedermair, "dürfen nicht käuflich sein". Der Chef der Vereinigung von rund 18.000 Uni-Professoren wandte sich in Koblenz pauschal gegen die Kommerzialisierung der Hochschulen, vor allem durch Drittmittel aus der Industrie.

Hartmut Schiedermair: Gegen Kommerzialisierung, aber für Miet-Professoren

Hartmut Schiedermair: Gegen Kommerzialisierung, aber für Miet-Professoren

Was Schiedermair zu erwähnen vergaß: Sein Verband will selbst Geschäfte machen mit der Käuflichkeit von Professoren - jedenfalls der zeitweiligen. Ratsuchende Abiturienten können sich neuerdings über die Homepage des Hochschulverbandes für 350 Euro eine Studienberatung kaufen. Seit einigen Tagen bietet der DHV unter dem verlockenden Titel "Genius - die Studienberatung der Professoren" die Kollegen zur Vermietung an. Noch ist die Dienstleistung kein Verkaufsschlager. 18 Studienwillige hätten sich in den ersten Tagen für den neuen Karriere-Service interessiert, heißt es beim Hochschulverband. Bisher soll ein einziger Studiosi in spe willens sein, den Kontrakt zu schließen. Anderswo herrscht brennendes Interesse - in den Wissenschaftsministerien landauf, landab. Kontakte & Kontrakte: Dürfen die das?Als "verspäteten Aprilscherz" empfindet Jürgen Zöllner das Angebot. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister hielt noch Dienstagabend beim DHV-Verbandstag eine Rede. Die "Studienberatung der Professoren" erwähnten seine Gastgeber mit keinem Wort. Dass die umtriebige Standesvertretung eine wichtige Dienstleistung offeriert, bezweifelt niemand. Kaum etwas ist in der zerklüfteten deutschen Hochschullandschaft so gefragt wie Wegweiser. Nachdem die Zahl der Studienanfänger Ende der neunziger Jahre sank, steigt sie seit zwei Jahren wieder. Vergangenes Jahr versuchten 340.000 neue Studenten, sich in den Massenuniversitäten zurechtzufinden. Oft genug sind sie dabei auf das trial-and-error-Verfahren angewiesen. Zeit und Rat sind das kostbarste Gut an den 320 Hochschulen der Nation, die seit der Bildungsexpansion in den siebziger Jahren unter Professorenmangel leiden. Die schlecht koordinierte Studieneingangsphase sehen Hochschulforscher als Hauptursache für ausufernde Studienzeiten, die hohe Rate von Studienabbrechern und -wechslern.Guter Rat ist teuer: Orientierungstrip für 500 EuroIn diese Beratungslücke stößt nun der Hochschulverband. Er bietet dem orientierungsbedürftigen Studienanfänger an, einen Professor für ein persönliches Gespräch zu finden. "Wenn Sie nach der richtigen Hochschule suchen und wenn sie keine Zeit mitfalschen oder unnützen Informationen verlieren wollen", wirbt der Hochschulverband, "dann sind sie bei uns an der richtigen Adresse." Die Studienberatung findet beim Hochschulverband in Bonn statt. Beide, ungewisser Zögling und teurer Berater, müssen also zur individuellen Laufbahnplanung auf Reisen gehen. Spesen und Reisekosten inklusive dürfte der Orientierungstrip mindestens 500 Euro kosten. Das wäre so viel, wie sich viele als Studiengebühr im bislang kostenfreien Hochschuldeutschland wünschten - für ein ganzes Semester allerdings und nicht nur für ein einmaliges Beratungsgespräch.Dem SPD-Vordenker Zöllner geht es nun wie vielen Wissenschaftsministern: Er ärgert sich. Eine Studienberatung der Professoren gibt es nämlich formell schon - umsonst und an den Hochschulen. Reihum wird in den Hochschulgesetzen der Länder Studienberatung zu den vornehmsten Aufgaben der Hochschullehrer gerechnet. Schamlose Geschäftemacherei?"Es ist höchst bedenklich", sagte Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) gegenüber UniSPIEGEL ONLINE, "wenn die Gespräche zur Studienberatung nun nicht mehr innerhalb der Hochschule stattfinden, sondern außerhalb". Der parteilose Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger denkt ähnlich. Die Hochschulen müssten sicherzustellen, dass die Studienberatung funktioniert, fordert Dräger. Er will aber zunächst abwarten, wie sich die Nachfrage für das DHV-Beratungsangebot entwickelt. Schweres Geschütz fährt dagegen Niedersachsens Wissenschaftsstaatssekretär Uwe Reinhard (SPD) auf: "Es ist ein Skandal, wenn die Professoren an dem Angebot des Hochschulverbandes verdienen." Reinhard will notfalls Konsequenzen ziehen - und Strafen verhängen. "Wenn ein niedersächsischer Professor eine Beratertätigkeit bei Genius ausübt, dann werde ich prüfen lassen, inwieweit das Ganze disziplinarrechtlich relevant ist."Damit ginge Niedersachsen über die Reaktion anderer Bundesländer hinaus, deren Wissenschaftsverwaltungen zunächst auf die Nebentätigkeitsverordnungen verwiesen. Die Hochschulen, so hieß es unisono in München, Hamburg, Hannover und Stuttgart, müssten die Beraterjobs ihrer Professoren genehmigen.Die Kultusbeamten sind nicht amüsiertHinter vorgehaltener Hand sprechen die Beamten freilich von massiven Kollisionen der teuren Studienberatung mit Buchstaben und Geist universitärer Gepflogenheiten. Müssen Studierende, so fragen sich die Kultusbeamten, für die aufwendige Reisetätigkeit der Berater-Profs büßen? Was geschieht, wenn der solvente Zögling im Studium wieder auf den gekauften Hochschullehrer stößt - bringt das Vorteile oder undurchsichtige Abhängigkeiten? Und wie verträgt es sich, dass in den Hochschulen die Studienberatungen unter Kürzungen leiden - und so die Preise für externe Karriereberater erst hochtreiben?Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, befürchtet: "Gerade solche Nebentätigkeiten führen dazu, dass Professoren ihre universitären Aufgaben nicht mehr in dem Maße wahrnehmen, wie sie es tun sollten."Für den Hochschulverband sind solche Befürchtungen abwegig. "Die Professoren führen die Beratungen zum Privatvergnügen durch", sagt Genius-Leiter Ulrich Josten. Und auch mit dem Arbeitspensum der Hochschullehrer gebe es durch die Studienberatung in Bonn wohl keine Probleme. Schließlich, so der DHV-Referent, "dürfen sich Professoren ihre Zeit ja frei einteilen."



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