Exportware Bildung Elite-Unis wetteifern im Wüstensand

Weil Unis von Weltruf schicke Außenstellen brauchen, haben Harvard und die Pariser Sorbonne längst Filialen in fernen Ländern gebaut. Auch die RWTH Aachen unterrichtet mittlerweile am Strand des indischen Ozeans. Doch die deutschen Unis fallen mehr und mehr hinter die globale Konkurrenz zurück.

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Uni-Exporte: Elite-Unis gründen Filialen in aller Welt
Justine Chitengi Sipho hat ein hehres Berufsziel: Er will Diktatoren jagen, Kleptokraten verklagen, Völkermörder verurteilen. Deshalb sitzt der 34-jährige Afrikaner im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin und lauscht einem Vortrag über Völkerrecht.

Gerade wurde in seiner Heimat Sambia hochrangigen Persönlichkeiten um den Ex-Präsidenten Frederick Chiluba wegen Korruption der Prozess gemacht. Sie sollen, so die Anklage, aus der Staatskasse des armen Landes viele Millionen Dollar für sich abgezweigt haben, unter anderem mit Einkäufen in Genfer Edelboutiquen für mehr als eine halbe Million Dollar. Doch den Klägern fehlten schlüssige Beweise, Chiluba wurde im August freigesprochen.

Über diesen Prozess will Justine Chitengi Sipho promovieren. Sein Traumjob: Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Das ist der Plan, dafür hat Sipho sich in einem deutschen Studiengang eingeschrieben - in Kapstadt.

"Transnational Criminal Justice" heißt das einzigartige Fach, das die University of the Western Cape gemeinsam mit der Berliner Humboldt-Universität anbietet. Knapp 3.000 Euro kostet die Studenten das einjährige Programm. Im milden Licht zwischen Surfstrand und Tafelberg ergründen junge Afrikaner das Recht in dunklen Zeiten: Bürgerkrieg, Staatsauflösung, Völkermord. Für einen zweiwöchigen Sommerkurs ist Sipho nach Berlin gereist, mit 30 Kommilitonen, die aus Angola, dem Kongo, Uganda oder Kenia stammen.

2025 reisen sechs Millionen Bildungsnomaden um den Globus

Der Studiengang am Kap der Guten Hoffnung ist kein Einzelfall. Deutschland profiliert sich derzeit in der ganzen Welt als Exporteur universitärer Bildung - ein Markt, den Nationen wie die USA oder Großbritannien schon länger entdeckt haben. Die Hochschulen wollen teilhaben an einem Mega-Trend: der Globalisierung der Universitäten.

Derzeit studieren knapp drei Millionen Menschen außerhalb ihrer Heimatländer, um sich ausbilden zu lassen. Es gibt Prognosen, denen zufolge sich in den kommenden 15 Jahren die Zahl mehr als verdoppeln wird - eine akademische Völkerwanderung.

Auch die Politik hat die Bedeutung des Themas erkannt. Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach noch als Außenminister der vorigen Bundesregierung von "Außenbildungspolitik als Sicherheitspolitik". Vor allem aber gelte es, dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen: "In zehn Jahren könnten uns etwa eine Million Akademiker fehlen."

Deutsche Filialen in Singapur, Delhi, São Paolo und New York

Nach einer ersten Gründungswelle, in der zum Beispiel das German Institute of Technology in Singapur entstand, sollen neue Leuchttürme in der Ferne für das Land der Dichter und Denker werben. In São Paolo und Moskau werden derzeit neue "Wissenschaftshäuser" als "Schaufenster für den Innovationsstandort Deutschland" aufgebaut, noch in diesem Jahr sollen Tokio, Delhi und New York folgen. Dazu ist eine türkisch-deutsche Universität in Istanbul geplant. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) präsentiert sich jedes Jahr auf 80 Bildungsmessen in aller Welt.

Währenddessen werden deutsche Lehrpläne in alle Welt exportiert, nach Singapur, Tokio, Saudi-Arabien, Buenos Aires. Rund 60 deutsche Organisationen fördern ausländische Jungakademiker.

Doch diese Vielfalt an Aktivitäten offenbart eine Schwäche des Systems: Es gibt keine einheitliche Linie, diverse Landes- und Bundesministerien, dazu Stiftungen, Universitäten und Fortbildungseinrichtungen experimentieren und kooperieren mit- und gegeneinander. Die Kleinstaaterei wirkt auf viele Ausländer verwirrend. Derzeit stagniert der Zustrom ausländischer Studenten, der Exportmotor für die akademische Bildung muss sich noch warmlaufen.



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