Exzellenzinitiative Was von der Elite übrig blieb

Den Standort Deutschland an die Weltspitze der Wissenschaft zurückführen - das ist das Ziel eines milliardenschweren Wettstreits der Universitäten. Die Finalisten jauchzen. Aber das Elite-Casting offenbart auch das ganze Elend des Heiligen Bildungsföderalismus.

Von Hermann Horstkotte und


Nun jubilieren die Sieger, einige Verlierer ziehen lange Gesichter. Am Freitag kürten die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat jene Universitäten, denen sie Spitzenforschung und überzeugende Zukunftskonzepte attestierten. Zehn Hochschulen beeindruckten die Experten besonders. Es sind beileibe nicht allein die üblichen Verdächtigen: Manche Favoriten schafften tatsächlich den Parcours mit Bravour, wie die beiden Münchner Universitäten, Heidelberg oder Aachen. Andere dagegen patzten überraschend - die Berliner Humboldt-Uni, die Technischen Hochschulen Darmstadt und Dresden. Dafür schlich als einzige norddeutsche Hochschule die Bremer Universität in die Spitzengruppe der glorreichen Zehn und weidete sich vergnügt an der "Sensation".

Uni Heidelberg: Erhob als erste das Hirn
DDP

Uni Heidelberg: Erhob als erste das Hirn

"Exzellenzinitiative" lautet der Fanfarenstoß, der den deutschen Universitäten einen neuen Energieschub geben soll. Ein Trainingscamp der Jugend, der Leistungsstarken und Innovationshungrigen, kurz die deutsche "Eliteuni" - mit dieser Idee trötete Kanzler Gerhard Schröder vor zwei Jahren gegen die gefühlte Mittelmäßigkeit und Altersschwäche im Lande. Sein politischer Marschbefehl: "Aufbruchstimmung, aber subito!". Die künftigen "Hochleistungsuniversitäten" von internationalem Format zauderten nicht lange und spannten zackig ihre Schirme für den erhofften Euroregen auf. Denn Spitze finden sie sich schon lange.

Schröders kunstvoll inszenierte "Innovationsoffensive" verblüffte selbst seine glücklose Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, amüsierte zunächst die Fachwelt und ließ politische Gegner über die "Polit-Show" schäumen. Und doch zwang sie eine Uni nach der anderen in die Bütt. Als erste Hochschule putzte sich Heidelberg für das Elite-Casting heraus und türmte Projektskizzen auf, lange bevor der Wettbewerb Konturen gewann. Sogleich träumte auch der Präsident der Technischen Universität München, Wolfgang Herrmann, vom Munich Institute of Technology, ganz nach Art des Vorbilds im US-Staat Massachusetts (MIT). Skeptiker spöttelten derweil eher über Schröders Heimatadresse Hannover als künftiges Harvard an der Leine.

Geplatzter Traum vom großen Sprung

Am Anfang ging es um kaum mehr als Stimmungsaufhellung und Sympathiegewinn für eine Politik kraftstrotzenden Selbstvertrauens, um rosige Träume vom Weltniveau. Im Rückspiegel erscheint ein zwiespältiges Bild: So viel Bewegung war nie an deutschen Hochschulen, einerseits. Nachdem sie über Jahrzehnte systematisch ausgehungert wurden, keimte wieder Hoffnung auf öffentliche Anerkennung und vor allem auf fresh money. Andererseits: Übrig geblieben ist vom Symbol der "Elite-Uni" heute wenig bis nichts. Wie die Idee eines großen Wettbewerbs aller Universitäten von den Landesfürsten zerredet, zerlegt, zermalmt wurde - das ist ein Trauerspiel und ein Lehrstück für die Tücken des Heiligen deutschen Föderalismus ™.

Vom Plan einer prunkvollen, international konkurrenzfähigen Voll-Universität musste sich die damalige Bundesregierung schnell verabschieden - und Bulmahn vom unfassbar hirnlosen Motto "Brain up!", das eine Agentur für den Wettbewerb ersann. Am Ende geht es jetzt, ganz unspektakulär, um Graduiertenschulen für Master-Studenten und Doktoranden sowie um Verbünde ("Exzellenzcluster") zwischen Universitäten und anderen Forschungsstätten wie etwa der Max-Planck-Gesellschaft, der deutschen Nobelpreisschmiede.

Nur in der "dritten Förderlinie" werden Universitäten belohnt, die ein "Zukunftskonzept" für ihre Neuprofilierung vorlegen. Bis zu zehn sollen es sein, nicht nur eine oder zwei. Die gesamte Aufteilung dient dazu, dass kein Bundesland ganz in die Röhre schaut. So funktioniert "föderaler Wettbewerb", ergo: Regionalproporz, ohne Gesichtsverlust.

Zur politischen Einigung kam es im Juni 2005 erst nach lähmendem Gerangel um Bundes- und Länderaufgaben. Den "Föderalismusstreit" nutzte vor allem Hessens Roland Koch zur Profilierung: Bis zuletzt gab er immer reihum den Bremskraftverstärker, die Gummiwand, den "Mr. Njet" . In Wirklichkeit wollten die großen Parteien nur verhindern, dass eine von ihnen mit einem Hochschulbonus in Bundestagwahlen 2006 ziehen könnte. Aber dann kündigte Gerhard Schröder vorgezogene Neuwahlen an. Bis dahin waren noch keine Früchte der Exzellenzinitiative zu erwarten - hinfort war der Grund, die Entscheidungen weiter hinauszuzögern.

Manege frei für Fantasterei

Auf einmal konnte und musste alles ganz schnell gehen. Burkhard Rauhut, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, erinnert sich: "Man hatte uns anderthalb Jahre ziellos durch die Manege geführt, plötzlich mussten wir über die Ferien bis September unsere wohldurchdachten Anträge stellen. Ein chaotisches Zeitmanagement!"

Hingegen machte DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker, aus der Not eine Tugend. Er rief die Universitäten auf, ihrer "Fantasie freien Lauf zu lassen". In der Eile, kritisiert etwa Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, wurde darauf verzichtet, klare Erfolgskriterien vorzugeben wie zum Beispiel die Internationalisierung der Studenten- und Professorenschaft.

Wer nach der ersten von zwei Bewerbungsrunden in welcher "Förderlinie" weiterkommen soll, empfehlen internationale Fachkommissionen. Die beim Schaulaufen der Kandidaten ausgewählten Universitäten müssen jetzt an ihren Anträge feilen. Das letzte Wort hat ein Bewilligungsausschuss, mehrheitlich besetzt mit Wissenschaftlern, aber auch mit Vertretern der Politik und Wissenschaftsverwaltung.

Den Besten - also den Dreifach-Siegern mit Graduiertenschule, Forschungsverbund und Zukunftskonzept - winken jährlich annähernd 25 Millionen Euro Sondermittel. Das ist ein Drittel aller sonst eingeworbenen Mittel, mit denen beispielsweise eine mittlere Uni wie Bonn im laufenden Jahr rechnet. Zum Vergleich: Die amerikanische Elite-Uni Stanford erhält vom Ölriesen Exxon und anderen Firmen auf zehn Jahre jeweils 20 Millionen Dollar allein für die Entwicklung neuer Energietechnologien. Ihr Jahresbudget liegt bei zwei Milliarden Dollar. Lee Bollinger brachte als Präsident der Staatsuniversität Michigan im Jahre 2000 nur von Spendern und Stiftern 250 Millionen Dollar zusammen. Und Harvard, weltweit der Krösus unter den Universitäten, verfügt über ein Vermögen von 22 Milliarden Dollar.

Spitze im Wolkenkuckucksheim?

Für deutsche Hochschulen sind das Mondsummen . Dennoch bemerkt Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, ganz unbescheiden: "Wir wollen es einigen wenigen Universitäten ermöglichen, sich in der internationalen Spitze zu etablieren." Dabei erlaubt das politisch gewollte Splitting der Fördergelder gar keine großen Sprünge, wie sie sich Big Science in Harvard, Stanford oder am MIT leisten kann.

Obendrein sichert der Bund nur drei Viertel der Fördergelder, den Rest muss das jeweilige Land aufbringen, für einen Höchstgewinner von fast 25 Millionen jährlich also laufend rund sechs Millionen. Brigitte Reich, Sprecherin des Berliner Wissenschaftssenators, erklärt: "In unserem Haushaltsplan 2006/07 ist für die Mitfinanzierung bereits ein leerer Titel vorgesehen. Nach den Hochschulverträgen bleiben die Etats der Unis und FHs unangetastet, das Geld muss also zusätzlich aus allgemeinen Landesmitteln aufgebracht werden." Wolkiger äußert sich ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums in Baden-Württemberg, wo gleich vier Unis mit ihren Zukunftskonzepten brillierten: "Es ist Vorsorge für alle nötigen Aufwendungen getroffen." Wo dafür gespart oder umgeschichtet werden soll, ist noch ein Geheimnis.

Die Lehre spielt keinerlei Rolle mehr, ausschließlich Forschung zählt. Die Verknüpfung zwischen beiden ist indes das Alleinstellungsmerkmal der Hochschulen gegenüber der außeruniversitären Forschung. "In den monatelangen politischen Diskussionen ist das Band gerissen", bedauert DAAD-General Bode, "aus der Exzellenzinitiative ist in erster Linie ein Instrument der Forschungsfinanzierung geworden."

Jüngsten Prognosen zufolge wird die Studentenzahl im laufenden Jahrzehnt von 1,9 auf 2,2 Millionen steigen und erfordert mithin deutlich bessere Lehrkapazitäten. Danach ruft auch der Deutsche Hochschulverband, die Standesvertretung der Universitätsprofessoren. Denn, so weiß jeder Coach, Spitzensport kann nur bei gepflegtem Breitensport gedeihen. So ist es auch an den Universitäten: Ohne solide Basis bleibt Spitzenforschung ein Wolkenkuckucksheim.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.