Facebook ade "Hurra, mich gibt's nicht mehr!"

Völlig Fremde wollen deine Freunde sein, Leute mit langweiligem Leben geben alle zwei Minuten ein Status-Update ab, und vielen ist ihre Web 2.0-Präsenz gar peinlich: SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch hat sich einfach aus Facebook gelöscht - und das seither keinen Moment lang bedauert.

Alles weg. Das Profilbild von mir mit Sonnenbrille auf dem Boot, die Fotos vom Ausflug an die Elbe, meine "Freunde". Hurra, mich gibt's im Netz nicht mehr!

Es war nicht leicht, dahin zu kommen. Vor allem technisch nicht, denn bei Facebook findet den Löschknopf wohl nur, wer die Seite damals programmiert hat. Also googeln: Suchanfrage starten mit den Schlagwörtern "facebook", "account", "löschen". Wow! Die Suchmaschine meldet knapp vier Millionen Treffer. Offenbar bin ich nicht die Einzige.

Wer sich getilgt hat, dem gewährt Facebook zwei Wochen Bedenkzeit. Meldet er sich innerhalb dieser Frist wieder an, ist - wie ein Wiedergänger - alles sofort wieder da. Und die Versuchung lauert überall: Es gibt Facebook fürs iPhone, fürs Blackberry, eigentlich für alle Handys und wahrscheinlich bald auch für die Mikrowelle.

Es gibt ja Leute, die würden sich nie bei einem sozialen Netzwerk anmelden, aus Angst, zu viel von sich preiszugeben: "Und später bewirbt man sich irgendwo, und der Arbeitgeber sieht die Fotos vom Komasaufen in Lloret de Mar."

Facebook nervt, das ist der Grund

Ich war nicht in Lloret, Komasaufen ist nicht mein Ding, und überhaupt gibt es nur reizende Bilder von mir. Furcht ist es nicht, die mich von Facebook entfremdet. Facebook nervt, das ist der Grund.

Ich habe über die Seite keinen totgeglaubten Vetter in Amerika wiedergefunden (so wie mein Ex-Freund), nicht nach einer Naturkatastrophe verschüttete Verwandte gesucht und auch nicht durch subversive Einträge zum Sturz eines Terrorregimes beigetragen.

Das ist alles ganz praktisch - aber der Mehrheit der gut 200 Millionen Nutzer dürfte es eher gehen wie mir. Stunde um Stunde müssen sie belanglose Botschaften ihrer Freunde lesen, doofe Fotos bewundern oder Videos von Freundeskindern anschauen. Nebenbei können sie in Psychotests ergründen, welche Person der Zeitgeschichte sie sind, welche Süßigkeit, welche Stadt oder welcher Filmheld, sie können Fan der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" werden oder sich mit Politikern befreunden.

Ein Freund von mir ist im Exportgeschäft. Markus bereist etwa vier ferne Länder pro Woche. Vor der Facebook-Zeit erzählte er manchmal davon. Dann meldete er sich an, und es gab fast jeden Tag ein Foto oder eine Statusmeldung - Markus vor den Pyramiden, Markus mit einem chinesischen Basketball-Star, Schneeregen in Belgrad. Irgendwann wusste ich nicht mehr, von welcher Reise er mir wirklich erzählt hatte und was ich in Facebook gelesen hatte.

"Wer ist denn eigentlich Christina?", fragten wir Anna

Markus hat viele Freunde. Manche haben offenbar in ihren Privatsphäre-Einstellungen angeklickt, dass auch "Freunde von Freunden" ihre Aktivitäten sehen können. So erschienen auf meiner Seite Fotoalben von Hochzeitsfeiern mir vollkommen unbekannter Griechen, Neugeborene von Fremden blinzelten mich an, darunter die anrührenden Geburtsglückwünsche weiterer Fremder.

Vor kurzem wurde Markus selbst Opfer einer Facebook-Indiskretion: Demnächst fährt er übers Wochenende in seine alte Studienstadt. Er hat Geburtstag und will nur mit wenigen, mit den besten Freunden feiern. Dank Facebook wissen das aber nicht nur die besten Freunde, sondern auch jene, die sich bislang dafür hielten - Markus' Freundin hat die Einladung auf der Facebook-Seite einer ihrer Freundinnen veröffentlicht. Sie hatte "Pinnwand" und "Nachricht" verwechselt.

Auch die Trennung meiner Freunde Thomas und Anna warf ihre Schatten im Netz voraus. Erstaunt nahm sein Bekanntenkreis die wachsende Zahl weiblicher "Freunde" in Thomas' Profil zur Kenntnis. Seine täglichen etwa zwanzig Einträge klangen umso fröhlicher, je weiter er sich von zu Hause entfernte. "Wer ist denn eigentlich Christina?", fragten wir Anna, die sich sogleich bei Facebook anmeldete, um nachzusehen.

Vielleicht bin ich einfach neidisch

Thomas ist jetzt zu Christina gezogen, und Anna blieb als kleine Rache nur, sich in ihrem Facebook-Profil umzubenennen: Da trägt sie nun wieder ihren Mädchennamen - Facebook ist schneller als das deutsche Scheidungsrecht. Und selbstverständlich haben alle ihre Freunde Thomas als Facebook-Freund gelöscht.

"Ach, ich bin nur bei Facebook, weil" - in letzter Zeit höre ich von Bekannten oft verschämte Rechtfertigungen für ihre Web-2.0-Identität. Die einen wollen mit der Tochter beim Schüleraustausch in Australien kommunizieren ("Ich darf aber nichts auf ihre Seite schreiben, das ist ihr peinlich vor ihren Freunden"), die nächsten alte Freunde suchen ("Ich habe neulich Nils aus dem Studium wiedergefunden, aber wir hatten uns nichts zu sagen"), weitere arbeiten als Lokaljournalisten und müssen sich mit der halben SPD-Landtagsfraktion befreunden ("Ich kann die doch nicht ablehnen - aber ich habe jetzt eine A-Liste für richtige Freunde").

Manche meiner ehemaligen Facebook-Kontakte haben mehr als 500 Freunde. Ich hatte nur 27. Vielleicht bin ich einfach neidisch.

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