Facebook Hochzeits- und Babybauchfotos - sofort raus aus meiner Timeline!

Verlobungsringe, Brautsträuße und Ultraschallbilder, die einem fremdes Glück ins Gesicht brüllen. Vor allem sonntags hält Jule, 28, ihre Facebook-Timeline vor Neid kaum aus - und hat dafür nur eine Lösung.
Zur Person
Foto: Alexandru Herca

Jule, 29, schreibt aus Leidenschaft über die Liebe, vor allem auf ihrem Blog . Wenn sie nicht gerade über die Irrungen und Wirrungen der Gefühlswelt nachdenkt oder durch Berlin läuft, arbeitet sie im IT-Bereich einer Bank.

Das Glück der anderen deprimiert mich. Besonders wenn ich wieder mal sonntags verkatert herumliege und durch meine Timelines scrolle. Dann sehe ich nämlich nur: eklige Facebook-Posts voller Zufriedenheit und Lebensglück.

Dabei haben sie eigentlich gut angefangen, die Beziehungen zu meinen Facebook-Freunden. Wie bei den meisten, sind auch meine Freundschaften in den sozialen Netzwerken eher digitaler Natur. Ein reales Treffen hat oft ausgereicht, damit wir uns virtuell die Treue geschworen haben. Und so wurde ich ein Teil im Leben der anderen: Knapp hundert mir eigentlich fremde Personen bekommen mit, ob ich mich über die unpünktliche Bahn beschwere. Überhaupt kein Problem.

Schwierig wird es allerdings, sobald ihr Leben in meines drängt. Es gibt durchaus witzige Personen, die täglich meine Timeline füllen. Und: Wie sollte ich sonst mitbekommen, welche Trends, Sprüche oder Politiker gerade angesagt sind oder wie das Wetter auf anderen Kontinenten ist? Doch dann kommt er, dieser Moment, in dem sich das Leben der Unbekannten drastisch verändert. Plötzlich haben sie einen Ring am Finger, ein Baby im Bauch oder den romantischsten Heiratsantrag des Jahrhunderts erlebt.

In mir steigt Neid auf. Die Menschen, die auf meinem digitalen Fernseher zu sehen sind, scheinen alles zu erreichen, was ich mir eigentlich für mein Leben vorgestellt hatte. Warum bin nicht ich es, die den großen Klunker in die Kamera hält? Warum bin nicht ich es, die stolz ein Ultraschallfoto postet? Ich bin die, die ein Like dafür vergibt, dass das Leben der anderen so perfekt erscheint. Wer gibt mir ein Like dafür, dass ich anscheinend abseits der "normalen" Lebensentwicklung schlittere?

Ich will ihr Glück nicht sehen

So sehr ich es den Menschen gönne, so intensiv sind die Stiche, die ihre Freude mir versetzt. Ich will ihr Glück nicht sehen. Ich sollte mich auf wichtigere Dinge konzentrieren, oder? Doch ich sitze weiterhin vor meiner digitalen Seifenoper und schließe Wetten ab, welcher Beziehungsstatus sich als nächstes auf "Verlobt mit…" setzen wird oder welcher dicke Babybauch mir als nächstes fremdes Glück ins Gesicht brüllt.

Und was poste ich? Partyfotos und ab und zu eine Katze. Zumindest gibt es eine Sache, mit der ich den anderen mitteilen kann: Seht her, bei mir ist alles super! Die Partyfotos. Ein breites Grinsen auf dem Gesicht, die Bierflasche in der Hand, das ist mein kleines Wochenendglück. Während andere die Couch durchliegen, Spieleabende veranstalten oder Windeln wechseln, verbrenne ich durchschnittlich 2000 Kalorien am Abend, während ich zur Musik hoch- und runterhüpfe.

Wir, meine Freunde und ich, sind meistens die letzten im Klub und torkeln bei aufgehender Sonne und Vogelgezwitscher unseren Betten entgegen. Wir hätten auch um ein oder zwei Uhr gehen können, aber wozu? Ein verkaterter Sonntag ist doch perfekt, um nicht in Depressionen zu verfallen. Wenn ich bis zum Nachmittag durchschlafe und dann Pizza bestelle, juckt es mich nicht, dass ich den letzten Tag der Woche auch mit Brunch, Spaziergängen oder ausgiebigem Kochen hätte verbringen können.

Vergeht ein Wochenende ohne Tanzexzesse, wird das zum Problem. Plötzlich ist da so viel Zeit, die mich zum Nachdenken bringt. Ich liege auf der Couch und starre an die Decke. Hätte ich doch mal, was wäre gewesen, wenn - all diese Gedanken kreisen wie Scheißhausfliegen durch meinen Kopf. Fast alle meiner Ex-Freunde und Ex-Affären sind jetzt verheiratet, einige haben Kinder. Und ich? Ich habe zwei Katzen. Irgendetwas ist da doch schiefgelaufen.

Es würde mir besser gehen, wenn mir die liebe Social-Media-Welt nicht ständig vor Augen führen würde, was ich hätte haben können, wenn ich mich nur genug angestrengt hätte. Oder so. Auch wenn ich weiß, dass das Quatsch ist: Es macht mich wahnsinnig.

In solchen Momenten wünsche ich mir eine Facebook-Funktion, die mich all das ausblenden lässt, was mir zeigt, wie viel mir eigentlich fehlt. Ich will in meiner Blase gelassen werden, in der ich der Meinung bin, am Ende doch alles richtig gemacht zu haben. Für Fälle, in denen das nicht funktioniert, gab mir ein Freund den vielleicht besten Rat seit Langem: "Ansonsten tut's von Zeit zu Zeit auch ein gepflegter Hass-Post."

Also liebe Facebook-Freunde, wenn demnächst unter jedem Hochzeitsfoto "Du siehst fett aus in dem Kleid!" steht oder knuffige Neugeborene mit einem "Ich dachte, es gibt keine hässlichen Babys?" bedacht werden, denkt an mich und seht es mir nach. Denn während ihr euer perfektes Leben genießt, bestelle ich wahrscheinlich gerade verkatert eine Pizza.

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