Fachmagazine selber machen "Wer nur studiert, bekommt ein Problem"

All die Mühe, die Nächte in der Bibliothek - und dann landen Seminararbeiten in der Schublade. Das muss doch nicht sein: Es ist publistische Gründerzeit an den Unis, nach dem Motto "Zitier dich selbst" veröffentlichen Studenten in eigenen Fachmagazinen. Das übt und verschafft lohnende Kontakte.
Von Max Haerder
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Studentische Fachmagazine: Jugend publiziert

Eigentlich hatte Stefan Collet sich zufrieden zurückziehen und auf den ersten Job konzentrieren wollen, aber nun steckt er doch noch einmal mittendrin, er kann nicht anders. Es ist ja immer noch sein Projekt. Und am 8. Dezember soll einfach alles perfekt werden.

"360°", das Uni-Journal, das er mit einigen Freunden, allesamt Studenten, 2005 in einer Münsteraner WG-Küche ins Leben rief, wird dann im bundesweiten Wettbewerb "Land der Ideen" prämiert. Collet und Kollegen stehen mit ihrer Zeitschrift in einer Reihe mit dem Jüdischen Museum Berlin oder der Berliner Charité, die den Preis von Bundesregierung, Deutscher Bank und BDI schon entgegen nehmen durften. "Diese Auszeichnung", sagt Collet, "ist schon eine dicke Nummer. Nach den vier Jahren sind wir alle stolz, was wir gemeinsam geleistet haben."

Also klemmt sich Collet täglich hinter das Telefon und tut, was er schon die letzten Jahre nebendem Studium für das sozialwissenschaftliche Fachmagazin 360° gemacht hat: Er sucht Sponsoren und Partner. Nicht wie früher für Druckereikosten und Werbeposter, sondern für eine anständige Feier. Die Uni Münster gibt ihr barockes Schloss für die Preisverleihung her, die Redaktion organisiert Podiumsdiskussion und Foto-Ausstellung. Es wird Reden geben, einen Projektfilm und Häppchen zum Empfang. Eine vierstellige Summe wird das kosten. Aber wenn schon, denn schon.

Publizistische Gründerzeit an den Hochschulen

"360º" ist Teil einer neuen publizistischen Gründerzeit - an deutschen Hochschulen. Sie heißen "Freilaw", "IR Journal", "StudZR", "Studere" oder "Bucerius Law Journal" - Uni-Zeitschriften, von Studenten gemacht und für Studenten. Keine der Postillen allerdings, in denen es um Mensa-Rankings, Praktika oder Partys geht. Die neuen Blätter wollen das wissenschaftliche Potenzial ihrer Kommilitonen nutzen. Denn für intelligente Aufsätze, Haus- und Seminararbeiten gab es bislang kaum geeignete Plattformen. Das ändert sich mit den studentischen Journalen. Verstauben war gestern.

Die Macher von "360°" warben einige Zeit mit dem Slogan "Zitier' dich selbst!" Das Heft - Untertitel: Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft - ist ein besonderer Fall, denn Studenten aus mehr als einem halben Dutzend Universitätsstädten arbeiten regelmäßig mit. Sonst sind die Journale eher an einer Uni konzentriert. Gründer Stefan Collet, der Politik und VWL in Marburg und im südafrikanischen Stellenbosch studierte, arbeitete selbst in der Redaktion und im Marketing und saß zwei Jahre im Vorstand des tragenden Vereins.

Praxiserfahrung selbst gemacht

Dank Internet, Telefon, einem eigenen Redaktions-Wiki und vielen selbst bezahlten Bahnreisen wird das Magazin nicht nur in der halben Gelehrten-Republik verkauft, sondern auch überall bearbeitet. Bei Auslieferung jedes Heftes - zweimal im Jahr 2500 Exemplare Auflage für 3,60 Euro pro Stück - liegt dann eine Menge Arbeit hinter den Jung-Publizisten.

Es ist eine sehr lehrreiche Arbeit: Die fast 40 Mitarbeiter fahnden nach griffigen Oberthemen für die neue Ausgabe, redigieren eingereichte Artikel, stimmen das Layout ab und kümmern sich um Interviews. Gleichzeitig müssen sie Druckereiverträge aushandeln, Verkaufsstände und Werbeaktionen organisieren. Um die Kosten im Griff zu halten, werden Pakete mit frisch gedruckten Ausgaben schon mal am Münsteraner Bahnhof Kollegen auf der Durchreise in den Zug gehievt, um billig die anderen Uni-Standorte zu beliefern. Alles für den Anspruch, bundesweit die besten Studenten als Autoren zu gewinnen.

Der Berliner Politikprofessor Thomas Risse, Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums von "360°", ist jedenfalls jedes Mal aufs Neue begeistert, wenn ihn die aktuellste Ausgabe erreicht. "Wer nur studiert, bekommt ein Problem", meint Risse. "Der Praxisschock schlägt dann eben später zu."

Fingerübung für Netzwerker: "Eine Publikation ist auf jeden Fall kein Nachteil"

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Studentische Fachmagazine: Jugend publiziert

Das kann den Jungforschern und Uni-Verlegern nicht mehr so schnell passieren. Collet weiß, was er als "360º"-Chef gelernt hat: "360° war die beste Schule, die ich bekommen konnte", sagt er rückblickend. Die meisten Gründer und Mitarbeiter der ersten Stunde haben das Journal mit Ende des Studiums verlassen. Sie gingen ihren Weg: Heute arbeiten viele in der Politikberatung, in PR-Agenturen oder im Journalismus. Andere sind der Wissenschaft treu geblieben. Collet selbst ist direkt nach dem Abschluss als Projektmitarbeiter bei der Bertelsmann Stiftung eingestiegen. Nicht zuletzt, weil er dort dank eines 360º-Kollegen den direkten Kontakt herstellen konnte.

Und so entdecken Studenten ihr eigenes Tun als Profilierungsmöglichkeit. Sie engagieren sich neben ihrem Studium und stellen etwas Besonderes auf die Beine. Und sie schärfen mit veröffentlichten Texten ihr fachliches Profil, statt ihre Arbeiten nur für den Dozenten und eine gute Note zu schreiben. "Studenten sollten sich immer besser überlegen, welches Bewerbungskapital sie aus ihrem Fachwissen schöpfen können", urteilt Heike Kuss vom Hochschulteam der Berliner Arbeitsagentur. "Für spätere handverlesene Initiativbewerbungen sind dazu passende Publikationen ideal."

Besonders ausgeprägt ist dieser Wille zur Veröffentlichung vor allem an den juristischen Fakultäten. An traditionsreichen Unis wie Heidelberg, Freiburg, Münster oder Bonn, aber auch in Greifswald oder Potsdam haben sich in den letzten Jahren Studenten zusammengefunden, um der US-Tradition der Law Reviews nachzueifern.

Vor allem Juristen veröffentlichen, was das Zeug hält

An der Bucerius Law School in Hamburg feilen Philipp Tieben und Michael Schramm alle zwei Wochen gemeinsam mit ihren Kommilitonen an ihrem Pendant, dem "Bucerius Law Journal" (BLJ). Dann ist Redaktionssitzung. Viel benötigen die Studenten dafür nicht: Die "BLJ" erscheint wie die meisten der Uni-Journale kostengünstig dreimal im Jahr online. Die Privat-Uni stellt Computer und sonstige Ausstattung, die Redaktion sucht sich einen Seminarraum, der gerade frei ist. "Wir brauchen nicht viel Geld", sagt Tieben.

So bleibt Zeit, um sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Im Redaktionszirkel werden die eingereichten Texte besprochen und die besten ausgewählt. Dann beugen sich einzelne Studenten je nach Interesse für Straf-, Privat- oder Staatsrecht ein zweites Mal über die Aufsätze. Einige Professoren der Law School helfen bei Fachfragen.

Die spannendsten Arbeiten finden dann ihren Weg in die nächste Ausgabe. Meist ist es ein gutes halbes Dutzend, häufig von Bucerius-Studenten, aber dank Mail-zu-Mail-Propaganda kommen die Texte mittlerweile aus der ganzen Republik. Dazu gibt es Rezensionen und Gastbeiträge. Auf einen ihrer letzten Coups sind die Redakteure besonders stolz: Die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries plädierte in der ersten Ausgabe 2009 für Kinderrechte im Grundgesetz.

Die Leistung der Jungredakteure findet immer mehr Aufmerksamkeit und Unterstützer. So sponsert die internationale Anwaltskanzlei Morgan Lewis das "BLJ". Für Morgan-Lewis-Anwältin Martha Guttmann ist das eine Eintrittskarte zur Uni. Und für die Studenten eine finanzielle wie berufliche Hilfe: "In einer guten juristischen Karriere publiziert man", sagt Guttmann. "Umso besser, wer früh damit anfängt."

Auch die Studenten sind sich dessen bewusst. "Wir begreifen das als unser Engagement", sagt Michael Schramm zwar, "und nicht als Karrieresprungbrett. Eine Publikation ist aber später auf jeden Fall kein Nachteil."