Fahndung nach Vergewaltiger Studenten wehren sich gegen Massengentest

Ein Serienvergewaltiger hat im Ruhrgebiet 19 Frauen überfallen. Die Polizei setzt auf Massengentests, auch im Umfeld der Ruhr-Universität Bochum. Studentenvertreter halten den "freiwilligen Speicheltest" allerdings für hoch problematisch und sprechen von einer Umkehr der Beweislast.


Der Mann ist ein Phantom. Ein Phantom mit verschiedenen Gesichtern, wie es scheint. Es existieren nämlich mehrere Zeichnungen des Täters. Zwischen 25 und 40 Jahren soll er alt sein, so die Polizei, und mindestens 19 Frauen überfallen, zehn von ihnen vergewaltigt haben.

Phantom-Baukasten der Polizei Bochum: Bisher erfolglose Fahndung, auch via Internet

Phantom-Baukasten der Polizei Bochum: Bisher erfolglose Fahndung, auch via Internet

Schon seit 1994 versucht die "Ermittlungskommission Messer", den Gewaltverbrecher zu fassen. Bisher erfolglos. Zahlreiche Speicheltests haben Staatsanwaltschaft und Polizei bereits durchgeführt. Bislang ebenfalls ohne Ergebnis. Auch die Fahndung durch die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" führte nicht zum Ziel.

Nun sollen im Rahmen eines Massenspeicheltests im Stadtteil Bochum-Querenburg, dem Uni-Viertel, auch Studenten und Mitarbeiter der Ruhr-Universität zum so genannten freiwilligen Gentest geladen werden. Das Amtsgericht Bochum erließ einen Beschluss, demzufolge die Verwaltungen der Ruhr-Universität, der FH sowie des Studentenwerks 900 Adressen von Studenten und Mitarbeitern an die Ermittler aushändigen mussten.

Missbrauch der Genanalysen?

Nach Angaben von Dr. Christian Kuhnert, dem Sprecher der Bochumer Staatsanwaltschaft, haben bisher 70 Männer, die auf dieser Liste verzeichnet sind, angekündigt, nicht an dem Gentest teilzunehmen. Es sei davon auszugehen, so Kuhnert weiter, dass die betreffenden Männer damit rechnen müssten, durch einen richterlichen Beschluss notfalls zum Gentest gezwungen zu werden.

Ruhr-Uni Bochum: Die Polizei vermutet den Täter im Uni-Viertel oder in der Nähe

Ruhr-Uni Bochum: Die Polizei vermutet den Täter im Uni-Viertel oder in der Nähe

Der AStA will nun gegen den Massen-Gentest protestieren. Die Studentenvertreter befürchten, dass mit den Genanalysen Missbrauch getrieben werden könnte. Von einer "systematischen Umkehr der Unschuldsvermutung" spricht Hannelore Sinagub vom AStA-Referat für Grund- und Freiheitsrechte: "Eine Person muss so lange als unschuldig gelten, bis ihr das Gegenteil bewiesen ist - allein die Verweigerung eines Speicheltests kann noch keinen konkreten Tatverdacht bedeuten." Sinagub geht davon aus, dass "einige Dutzend Studierende den freiwilligen Gentest verweigert haben."

Vertreten wird der AStA der Ruhr-Universität durch den Rechtsanwalt Johannes Pausch. Er wendet sich gegen den Gentest, weil nach seiner Überzeugung die Kriterien nicht eindeutig geklärt sind, die für solche Reihenuntersuchungen vorliegen müssen. "Man sollte kritisch mit der Frage umgehen: Wie uferlos darf der Kreis derjenigen sein, die ich in so eine Reihenuntersuchung einbeziehe?", so Pausch.

Reihenuntersuchungen seit Jahren umstritten

Massengentests haben bereits das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Die Karlsruher Richter segneten in ihrem Urteil die Durchführung der Reihenuntersuchungen ab. Rechtsanwalt Pausch verweist aber darauf, dass im Münchner Fall, der Grundlage des Verfassungsgerichtsurteils, der Kreis der Betroffenen noch überschaubar war. Damals wurden 750 Porschefahrer zum Test gebeten. Pausch weiter: "Wir haben einen anderen Fall, wo ein ganzes Dorf untersucht werden soll. Und da sagen die Kommentatoren der Strafprozessordnung: Das geht zu weit."

Jedoch gibt der Anwalt zu, dass die Polizei mitunter keine Alternativen zu den Untersuchungen hat: "Es sind immer Situationen vorhanden, wo die Kripo praktisch mit dem Rücken zur Wand ermittelt, lange Zeit keinen konkret Tatverdächtigen gefunden hat, und dann bleibt nur dieses im Grunde ja auch geeignete Mittel. Aber es muss auf der anderen Seite auch das Persönlichkeitsrecht dieser vielen Betroffenen berücksichtigt werden."

Die Bochumer Polizei zeigte sich vom Protest der Studentenvertreter überrascht. "Bislang haben uns die Studierenden bei der Fahndung nach dem Gewalttäter unterstützt", sagte ein Polizeisprecher. Der AStA betonte indes, dass die Ermittlungsarbeit der Polizei keineswegs behindert werden solle.

"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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