Fake-Figuren Die Welt der Phantome

Loriots legendäre Steinlaus, der unverwüstliche Abgeordnete Jakob Mierscheid oder das antike Fußballspiel Apopudobalia - damit bespaßen Politiker und Wissenschaftler sich und den Rest der Welt. Ein Besuch bei den schönsten Phänomenen und Phantomen.

Die Steinlaus, ein scheuer und hungriger Nager

Loriots Erfindung der gemeinen Steinlaus alias "Petrophaga lorioti" ist ein echter Klassiker und ein Paradebeispiel des akademischen Witzes. Schon vor gut einem Vierteljahrhundert schaffte es das Tier, quasi entfernt verwandt mit dem bayerischen Fabelwesen Wolpertinger, in den Pschyrembel, ein bekanntes medizinisches Wörterbuch. Zwischenzeitlich tilgte die Redaktion den Eintrag, rehabilitierte das fiktive Nagetier aber umgehend in der nächsten Ausgabe - die Leserproteste waren groß.

Begonnen hatte es mit einer Loriot-Parodie auf den Tierfilmer Bernhard Grzimek, der in den siebziger Jahren die ungemein populäre Sendereihe "Ein Platz für Tiere" moderierte. 1976 beschrieb Loriot in einem ARD-Sketch die Steinlaus als scheuen Nager, der sich von Steinen ernähre - mit einem Tagesbedarf von 28 Kilogramm Beton und Ziegelsteinen, schwangere Weibchen noch deutlich mehr.

Beim Wissenschaftsverlag de Gruyter, der den Pschyrembel herausgibt, hat die Steinlaus offenbar einen großen Freundeskreis. Auf einer eigenen Steinlaus-Website  startete der Verlag vor einigen Monaten einen Wettbewerb. Gesucht wurden Autoren für wissenschaftliche Texte zum Nager: "Der Beitrag sollte unbedingt den medizinischen Aspekt der Steinlaus-Forschung fokussieren und als Lexikonartikel für unser medizinisches Wörterbuch, den Pschyrembel, verfasst werden."

Im Februar gewann der Steinlaus-Forscher Peter A. Brauch. Titel seines Textes: "Neue Mutationen der Steinlaus Petrophaga lorioti für therapeutische Zwecke entdeckt: Petrophaga cervans und Petrophaga nasus foratrex". Neben der "guten und fachübergreifenden Argumentation" lobte die Jury besonders die "wunderschönen Zeichnungen der neuen Steinlaus-Mutationen".

Zwitschern mit Jakob Maria Mierscheid

Das ist sensationell: "Hallo Welt. Endlich gibt's mich auch auf Twitter" - das zwitscherte Jakob Mierscheid am 30. Dezember 2008 auf der Twitter -Seite. Und inzwischen hat der wackere SPD-Abgeordnete auch satte 2616 Followers. Der Mann ist den modernen Medien aufgeschlossen: Dass er unter die Blogger geht, hatte er bereits 2005 angekündigt.

Angeblich ist Jakob Maria Mierscheid katholisch, verwitwet und vierfacher Vater. Er sitzt seit 1979 im Bundestag und unterhält dort sogar eine eigene Website . Der Legende nach feierte er am 1. März seinen 76. Geburtstag - aber das alles ist frei erfunden und ein alter Parlamentarierspaß.

Mierscheid, Mitglied der Gewerkschaft Landwirtschaft und Forsten und des Kleintierzüchtervereins Morbach, geistert schon ewig als typischer Hinterbänkler durch die Politik. Vor allem mit visionären Vorschlägen sorgte er für Aufsehen und schlug der SPD-Fraktion zum Beispiel vor, große Hunde wie Neufundländer wohngeldfähig zu machen, um ihre Unterbringungsmöglichkeiten zu verbessern. Außerdem setzte er 1983 die Produktion von Rohstahl in Beziehung zum Wahlergebnis der SPD - das sogenannte Mierscheid-Gesetz ging als statistische Meisterleistung in die Annalen des Bundestags ein.

Für seine Diplomarbeit über Phantome in Politik und Kultur versuchte der Hamburger Designstudent Stefan Schröter, Kontakt zu Mierscheid aufzunehmen. Mit Erfolg: Der Politiker antwortete prompt per E-Mail - und zeigte sich unglücklich, dass Fotos von ihm erscheinen. Auch mit der Namensgebung einer Mierscheid-Brücke war er nicht einverstanden: "Über diese Brücke gehe ich nicht. Sie ist mir zu windig."

In die Schlagzeilen geriet Mierscheid auch mit seinem angeblichen Austritt aus der SPD. Den Wechsel zur Linkspartei dementierte er aber auf SPIEGEL ONLINE höchst selbst und scharf. Auf seinen Fotos hat der Abgeordnete verblüffende Ähnlichkeit mit einem gewissen Karl Ranseier - und das ist kein Zufall.

Karl Ranseier ist tot

Sind Jakob M. Mierscheid und Karl Ranseier Zwillinge, bei der Geburt getrennt? Die Bilder zeigen: Die beiden sind sich nicht einfach nur ähnlich, sie sind identisch vom Schnauzbart über den Blick bis zur Frisur - nur die Brille trägt der Genosse exklusiv. Das Porträtfoto erbte Mierscheid, nachdem er lange Jahre ohne Bild auskommen musste, von Karl Ranseier.

Karl Ranseier ist ebenfalls eine Kunstfigur. Damit entzückte jahrelang die muntere Comedy-Truppe von "RTL Samstag Nacht" das Studio- und Fernsehpublikum. Die Sendung lief von 1993 bis 1998, Ranseier gehörte bald zum Inventar und wurde stets von Stefan Jürgens mit einer Trauerrede gewürdigte, die immer gleich begann: das Ranseier-Foto, dazu die Worte "Karl Ranseier ist tot". Weiter ging es mit "der wohl erfolgloseste (...) aller Zeiten".

So war Ranseier mal als erfolglosester Showmaster aller Zeiten, mal als erfolglosester Koch oder Kapitän dahingeschieden. Erfunden hatte die Figur Jacky Dreksler, der die RTL-Sendung gemeinsam mit Hugo Egon Balder produzierte. Der Loser wurde schnell zum Running Gag, wie andere regelmäßige Sketche, darunter "Kentucky schreit ficken" oder "Neues vom Spocht".

Zur letzten Sendung am 23. Mai 1998 schenkte die "Samstag-Nacht"-Redaktion sich und den Fans eine Traueranzeige im "Kölner Stadt-Anzeiger" - da war Karl Ranseier der "erfolgloseste Engel aller Zeiten", der nach dem Engelbeförderungsschein zu Jürgen Fliege degradiert wurde, "das war die Hölle". Im Web lebt er fort - und bringt es bei Google auf immerhin 15.000 Einträge.

Vielfach Totgesagte leben am längsten. Da nimmt es nicht wunder, dass auch Ranseier twittert, am 10. Februar zum Beispiel: "Bewegte mich heut durch den Tag wie ein Geist, stand irgendwie neben mir. Scheiss melangolie... macht wohl der Winter." Mit nur zwei Einträgen und drei Followers ist er aber gegenüber Mierscheid deutlich im Hintertreffen.

Der Diplomat Edmund Friedemann Dräcker

Seine Biografie trägt einen eindrucksvollen Titel: "Ministerialdirigent a. D. Dr. h. c. Edmund F. (Friedemann) Dräcker. Leben und Werk. Vom Kaiserlichen Vizekonsul zum indischen Guru. Eine Dokumentation." Dräckers Leben und Werk ist aber auch eindrucksvoll.

Dräcker, der inzwischen als verstorben gilt, verdankt seine wundersame Karriere dem Durst. An einem heißen Sommertag, 1936 in Rom, ersann der Legationsrat Hasso von Etzdorf die Identität Dräckers, um sich aus einer Sitzung in der Deutschen Botschaft zu stehlen. Dringend müsse er den gerade angereisten Ministerialdirigenten Dräcker treffen - in der nächsten Eckkneipe warteten schon Etzdorfs Freunde auf ihn. Seitdem machte Dräcker die Runde, auch und vor allem, nachdem er 1953 eigentlich in den Ruhestand ging.

Geboren wurde er der Legende nach am 1. April 1888 in Ostpreußen als Kind hugenottischer Einwanderer. Seine wechselvolle Diplomatenkarriere führte ihn weit hinaus in die Welt - er war unter anderem Vizekonsul in Bombay und besuchte 1914 auch den Juristen Friedrich Gottlob Nagelmann (siehe unten) in Ostafrika.

Bereits 1953 ging Dräcker in den Ruhestand, blieb aber höchst umtriebig. So assistierte er dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke 1962 beim Staatsbesuch in Indien, zuletzt war er Sonderberater der EU-Kommission in Brüssel für die Normierung von Seemannsgarn. 1989 soll Dräcker schließlich 101-jährig verstorben sein. Die Umstände des Todes sind jedoch nach wie vor ungeklärt. Eine Rückkehr des Ministerialrats ist also nicht ausgeschlossen - schließlich galt Dräcker schon einmal, 1959, vorübergehend als vermisst.

Der schillernde Jurist Friedrich Gottlob Nagelmann

Eine ähnlich pompöse Vita hat der Verfassungsjurist Friedrich Gottlob Nagelmann. Ihn verbindet viel mit dem Politiker Mierscheid, dem Diplomaten Dräcker oder auch dem fiktiven Psychologen Ernst August Dölle, dem die Düsseldorfer Uni eine Website  widmet ("Dichotomie und Duplizität").

Als Student, Rechtsreferendar und Doktorand überzeugte Nagelmann, geboren 1889, mit sonderbaren Noten wie "besonders befriedigend", "ganz gut" und "elegantissime". Als Mitarbeiter des Bundesverfassungsgerichts glänzte er später mit wegweisenden Arbeiten wie "Jagdrecht im Stadtpark" oder "Der Asylanspruch von Asylbewerbern aus der Schweiz". Und seine These zur Rechtsvergleichung gilt als Klassiker der juristischen Fachliteratur: "Manches ist anders, manches genauso!"

Nagelmann soll später im Reichsjustizministerium gearbeitet und nebenher Gedichtbände veröffentlicht haben. Nach der Entnazifierung setzte er die Karriere bruchlos im Bundesjustizministerium und beim Verfassungsgericht fort. 1992 wirkte er in hohem Alter noch als "Beauftragter für mystische Sachverhalte" bei den Juristen der Uni Potsdam. 1994 soll er gestorben sein, als ihm ein Frosch im Halse stecken blieb.

Fürs Gemeinwohl hat Nagelmann sich stets eingesetzt - vor allem als Mentor des Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid. Und wieder schließt sich ein Kreis.

Jürgen Möllemann und der Blieshaimer in uns allen

Als Jürgen Möllemann von 1987 bis 1990 Bundesbildungsminister war, reiste er viel durchs Land und verteidigte, oft mit hochrotem Kopf, die Hochschulpolitik vor aufgebrachten Studenten. Immer wieder machte er sich den Spaß, Studenten und Professoren auf das Werk von Theodor Blieshaimer hinzuweisen. Es handelt sich um epochale Werke wie "Wege aus dem Nichts" oder "Neue Wege zu wahrer Tiefe".

Über viele Jahre strickte Möllemann emsig an der Blieshaimer-Legende. Demonstrativ vertiefte sich der FDP-Politiker, der 2003 mit dem Fallschirm zu Tode stürzte, einmal auch bei einer Kabinettssitzung in die Schriften des Philosophen; dafür hatte er eigens einen Buchumschlag anfertigen lassen. Und Staatsgästen empfahl Möllemann den Besuch von Schapsdetten, "Geburtsort von Theodor Blieshaimer im Münsterland, ein Ort der Inspiration und Besinnung".

Blieshaimer war natürlich eine Fiktion - aber damit foppte Möllemann gern die Öffentlichkeit. Dazu erfand er auch noch die Ehefrau "Eleonore Blieshaimer-Sack, die mit dem etwas flapsig anmutenden Titel 'Die Zelle fällt nicht weit vom Stamm' einen ebenso ernsthaften wie wichtigen Beitrag zur aktuellen Gentechnik-Debatte geleistet" habe.

Ein Kurzinterview im SPIEGEL 1989:

SPIEGEL: Gibt Ihnen Blieshaimer tatsächlich Antworten auf Ihre Fragen?

Möllemann: Ja, auch wenn ihm das vielleicht nicht recht ist.

SPIEGEL: Sein Konzept scheint bislang aber auf Ihren Wirkungskreis begrenzt?

Möllemann: Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass die Bundesregierung, aber auch die Oppositionsspitzen sich dem Einfluss Blieshaimers nicht länger entziehen können. Bisher habe ich auch noch niemanden getroffen, der offen zugab, Blieshaimer nicht zu kennen.

SPIEGEL: Was brachte den Bildungspolitiker Möllemann und seinen Vordenker Blieshaimer zusammen?

Möllemann: Ungefähr 25 Glas Pils in der Düesberg-Klause in Münster.

SPIEGEL: Und das soll der Beginn eines langen und fruchtbaren Austauschs gewesen sein?

Möllemann: Wir haben immerhin einiges zustande gebracht. Etwa das Buch "Wege aus dem Nichts". Zwischen den Buchdeckeln findet sich dieses Nichts auf 303 Seiten, denn es handelt sich bei Blieshaimer im Prinzip um jenen Blieshaimer in uns allen.

Football's coming home: Apopudobalia

Mit einem hübschen kleinen Streich narrte Mischa Meier die Redaktion eines Lexikons: Als Fachbegriff schmuggelte er "Apopudobalia" hinein, angeblich eine Frühform des Fußballs, die dann durch die römischen Legionen England erreichte - nichts wäre es dann gewesen mit dem Mutterland des Fußballs.

Meier ist Althistoriker und Experte für das antike Griechenland. Für die 1996 erschienene Ausgabe des "Neuen Pauly", eine renommierte Enzyklopädie der Antike in 15 Bänden, fingierte er die Sportart. Im ersten Band führte er dazu aus, das Spiel sei bereits im vierten Jahrhundert vor Christus in den "Gymnastika" des Achilleus Taktikos belegt; es habe "prominente Apopudobalonten" gegeben. "Trotz seiner offensichtlich hohen Popularität wurde der Sport bereits in der frühchristl. Lit. verdammt", schrieb der Doktorand weiter.

Die bibliographischen Angaben  könnten aufmerksame Leser stutzig machen: Genannt werden die Autoren "A. Pila" und B. Pedes" - Pedes ist lateinisch für Füße, Pila ist der Ball. Verwiesen wird auch auf eine "FS M. Sammer", also eine Festschrift für Matthias Sammer.

Der Karriere des Historikers hat der Lexikon-Fake nicht geschadet: 1998 erhielt Meier den Doktortitel an der Ruhr-Universität Bochum, arbeitete dann an der Universität Bielefeld und ist heute Professor an der Tübinger Uni.

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