Falsche Job-Versprechen "Ehrliche Arbeit, ehrlicher Lohn"

Die Uni macht Pause – endlich Zeit zum Geldverdienen. Die Stellenanzeigen für Studentenjobs hören sich gut an: "Schnelle Haute Cuisine" oder "Arbeiten im Trendmekka Europas". Doch was steckt wirklich hinter den Anzeigen? Hier die Wahrheit.


Darum nimmst du den Job an:

Weil deine Tante immer sagt, dass du so ein bunter Hund bist, wenn sie dein Lippenpiercing sieht. Und weil dich deine finanziellen Mittel höchstens bis zur Mecklenburgischen Seenplatte bringen.

So sieht die Realität aus:
Nachdem du abends mit Hilfe kleiner Plastikbecher, in denen sich Gratis-Wackelpeter mit Wodka befindet, möglichst viele Menschen in Mikes Disco "Trance Island" gelockt hast, darfst du selbst in den Club - um bis Ladenschluss leere Gläser in stickiger Luft einzusammeln. Du arbeitest sieben Tage die Woche, schon nach zwei Tagen kündigt ein schriller Ton in deinem Ohr einen Tinnitus an, und deine Unterkunft ist ein Zelt auf dem Campingplatz außerhalb der Stadt. Da dieses ab 6 Uhr morgens in der prallen Sonne steht, treibt es dich nach wenigen Stunden Schlaf ins Freie. Als dir schließlich ein LSD-berauschter Künstler dein Lippenpiercing ausreißt, weil ihn "der Glanz des Metalls so inspiriert", und du dich bei Mike über die unmenschlichen Bedingungen beschwerst, schmeißt dieser dich raus - wegen deiner "Unlockerheit".

Während der Arbeit denkst du an:
"Wetten, dass ..."-Abende mit deinen Eltern, den Schwarzwald, gesunde Ernährung, Fruchtsäfte und Blümchensex.

Darum nimmst du den Job an:
Weil du schon lange darüber grübelst, ob dein Jurastudium etwas für dich ist, und weil deine Freundin behauptet, dass du ein bisschen aussiehst wie Jamie Oliver, wenn du auf dem Wochenmarkt an den Pfirsichen schnupperst.

So sieht die Realität aus:
Während deine Kommilitonen sich im Riesenrad und beim Autoscooter auf der heimischen Kirmes vergnügen, beobachtest du sie aus der Ferne - von deinem Verkaufswagen aus, in dem du von mittags bis in die tiefe Nacht riesige Champignons frittierst. Auf deinem Kopf trägst du dabei eine Kochmütze in Pilzform, und während dir das alte Fett auf die Haut spritzt, erzählt dir dein einziger Stammgast von der guten alten Zeit - es ist der betrunkene Besitzer des Kettenkarussells nebenan. In der Hoffnung auf Liebe und Mitleid läufst du nach der Arbeit zu deiner Freundin, doch die will nicht mehr mit dir schlafen - du stinkst zu sehr nach Fett.

Während der Arbeit denkst du an:
Welche Verstöße gegen die Gewerbeordnung man dem Besitzer des "Le Champignon" juristisch sauber nachweisen könnte.

Darum nimmst du den Job an:
Weil man heute auch als Geisteswissenschaftler auf dem ökonomischen Auge nicht mehr blind sein darf.

So sieht die Realität aus:
Alle Menschen sind im Sommerurlaub, nur du stehst in der leeren Fußgängerzone und wartest mit einem Block und Stift in der Hand auf weibliche Passanten, zwischen 50 und 65 Jahre alt, nicht rauchend und vermögend - um sie im Auftrag eines chinesischen Klingenherstellers nach ihren Rasiergewohnheiten zu fragen. Als nach einer guten Stunde die erste Passantin kommt, die in das Profil passt, wirst du von ihr wüst ob deiner zu privaten und frechen Fragen beschimpft. Und wirst wenig später, ohne etwas verdient zu haben, entlassen - es handelte sich um die Mutter deines Chefs.

Während der Arbeit denkst du an:
Karl Marx - "Das Kapital".

Darum nimmst du den Job an:
Seit der schönen Delphine aus der französischen Partnerklasse deines Schüleraustausches in der 9. lässt dir das Land keine Ruhe. Außerdem freust du dich auf philosophische Gespräche mit einem französischen Rentner, ausgedehnte Spaziergänge und Schachpartien im Park.

So sieht die Realität aus:
Die stickige Wohnung des Pensionärs verlässt du genau einmal pro Tag: um ihm neue Zigaretten am Kiosk zu besorgen, wofür er dir das Geld abgezählt hinwirft. Als du ihn einmal zu einem Besuch des Louvres überreden kannst und ihn im Rollstuhl durch die Ausstellungsräume schiebst, wirst du pro Bild zweimal angeschnauzt und als Nichtsnutz beschimpft. Als ihr auf dem Rückweg die Metro verpasst und er deshalb seine Lieblingssendung versäumt, den nackt vorgetragenen Wetterbericht auf einem schmierigen Lokalsender, vertrimmt er dich mit seinem alten, knorrigen Hickory-Gehstock.

Während der Arbeit denkst du an:
Den zweiten Teil von "La Boum - die Fete" mit Sophie Marceau und Pierre Cosso.

Darum nimmst du den Job an:
In deinem Philosophiestudium hängst du bei der Lektüre hoffnungslos hinterher. So richtig fit fühlst du dich eigentlich auch nicht, aber das wird schon nicht gleich auffallen.

So sieht die Realität aus:
Du wirst in einem Wohnheim am Stadtrand für sechs Wochen in ein Mehrbettzimmer mit frustrierten Arbeitslosen gesteckt, die Landserromane tauschen. Das Kreislaufmedikament, an dessen Entwicklung du mithilfst, ist noch nicht ausgereift: Hämmernde Kopfschmerzen, dauernde Übelkeit und ein nervöses Zucken des rechten Augenlids machen es dir unmöglich, dich deinen philosophischen Klassikern zu widmen, manchmal fühlst du dich selbst von den freigiebig gereichten "Fix und Foxi"-Comics überfordert.

Während der Arbeit denkst du an:
Platon, der mit Comic-Lupo Würstchen grillt und dabei zotige Witze über Hannah Arendt reißt, die kurz danach auf einem Skateboard vorbeifährt und die Marseillaise auf einer Maultrommel intoniert.

Darum nimmst du den Job an:
Da dein Psychologiestudium dir zu verkopft ist, möchtest du dich in den Ferien ein wenig "erden" lassen: Du willst mit deinen eigenen Händen Brot backen, von einfachen Menschen umgeben sein und abends wissen, was du getan hast.

So sieht die Realität aus:
Da es sich um eine Großbäckerei handelt, kriegst du während deiner ganzen Arbeitszeit kein einziges fertiges Brot in die Hand. Stattdessen musst du säckeweise Zutaten abladen und zu Maschinen bringen, während die Backautomaten die Temperatur in der Stube auf annähernd 80 Grad Celcius erwärmen. Die Kollegen sprechen entweder nicht deine Sprache, machen sich in ihrer eigenen über dich lustig - oder drängen dir Gespräche über die aktuelle Reality-Fernsehshow auf.

Während der Arbeit denkst du an:
Dein Lieblingscafé, in dem du bald wieder end- und ziellose Gespräche führen willst, und dass deine einzige Handarbeit darin besteht, Zigaretten zu drehen.

VORGELEGT VON MATHIAS IRLE UND CHRISTOPH KOCH

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