Geschwistersuche Schalom, ihr müsst mit mir verwandt sein

Habe ich Verwandtschaft in Israel? Das fragte sich Studentin Jennifer Bligh oft, denn sie wusste, ihr Vater war mal mit einer Israelin verheiratet. Reden wollte er nie darüber. Also flog Jennifer in den Nahen Osten und machte sich auf die Suche.

Jennifer Bligh

Wenn mich jemand gefragt hat, ob ich Einzelkind bin, wusste ich nie, was ich antworten soll. Vielleicht. Mein Vater war mal mit einer Israelin verheiratet, sie sollen zwei Kinder gehabt haben. Heißt es. Er wollte mir nie viel davon erzählen, eigentlich ist das ganze Leben meines Vaters bis zur Hochzeit mit meiner Mutter ein Mysterium. Offen gesprochen hat er darüber nie, das hat sich bis zu seinem Tod nicht geändert.

Im Grunde wusste ich immer, dass ich dieses "Vielleicht" einmal angehen muss. Vielleicht im nächsten Jahr. Vielleicht nach meinem Volontariat. Vielleicht nach dem Studium. Vielleicht nach dem Master. Vielleicht bald.

Manchmal, nachts, habe ich im Internet nach ihnen gesucht. Aber wie sucht man nach jemandem, von dem man nicht genau weiß, wie er heißt, wo er wohnt, woher er kommt und ob es ihn überhaut gibt? In guten Momenten sehe ich sie vor mir mit weit ausgebreiteten Armen und Freudentränen. In schlechten Momenten stelle ich mir vor, dass es die beiden nicht gibt, dass sie gestorben sind oder mir sagen, dass sie mit mir nichts zu tun haben wollen.

So einfach soll das sein?

Jetzt, mit 32 Jahren, kurz nachdem ich meine Master-Arbeit abgegeben habe und nur noch auf die Note warte, bin ich ins Flugzeug nach Israel gestiegen. Im Flugzeug erzähle ich einem alten Israeli von meiner Geschichte. Er rät mir, mich an das Innenministerium zu wenden, dort gebe es eine darauf spezialisierte Abteilung. Als erstes gehe ich aber zur deutschen Botschaft, sie kommt mir vertrauter vor - zumal ich kein Hebräisch spreche.

Durch ein Sprechfenster erzähle ich der Mitarbeiterin, was ich weiß, also eher was ich nicht weiß. Ich kenne keine Namen, keinen Geburtsort, keinen Geburtstag. Ich weiß nur, dass die Ehefrau Miriam hieß und irgendwann vor 1970 an einem Gehirntumor gestorben ist. Das sei ja eine spannende Geschichte, sagt die Mitarbeiterin. Ob ich schon mal im Internet gesucht hätte?

Ich gehe gleich weiter zum Innenministerium. Ich habe keine Ahnung, wie die Abteilung heißt, die mir womöglich helfen kann, und alle Schilder im Gebäude sind auf Hebräisch. Etwas hilflos erzähle ich meine Geschichte einer Dame am Informationsschalter. Sie hört aufmerksam zu, aber ich bin nicht sicher, wie viel sie versteht. Dann beugt sie sich vor und sagt: "Gehen Sie zu Schreibtisch Nummer vier!"

Mit wackeligen Knien setze ich mich einer Beamtin gegenüber. Ich zeige ihr meinen deutschen Pass, sage, wie ich heiße, wie mein Vater heißt und wann er geboren wurde. Sie tippt in ihren Rechner und atmet tief ein. "Es stimmt." Ob sie mir die Namen und Adressen aufschreiben soll?

Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht: So einfach soll das sein? So viele Jahre habe ich gegrübelt, verdrängt, so oft hat mich ein schlechtes Gewissen geplagt, so lange habe ich im Internet gesucht. Zwei Monate Zeit habe ich mir für die Suche genommen, schon zehn Minuten später stehe ich mit einem Zettel wieder vor der Tür. Ich habe eine Schwester und einen Bruder: Sie heißen Orit und Yuval, 54 und 52 Jahre alt. Angeblich leben beide in Jerusalem.

"This is Orit" - meine Beine knicken weg

Im Jerusalemer Telefonbuch steht jedoch nur die Nummer meines Bruders Yuval. Ich speichere sie ins Handy und überlege, was ich sagen soll. Aber ich befürchte, dass er einen Herzinfarkt bekommt, wenn ich einfach anrufe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden nichts von meiner Existenz wissen. Woher auch. Soweit ich weiß, hatten die beiden nie Kontakt zu meinem Vater. Also schreibe ich einen Brief, den ich am nächsten Tag einwerfen will.

Am Abend kann ich nicht einschlafen und fahre nachts den Laptop wieder hoch. Ich gebe den Namen meiner Geschwister ins Facebook-Suchfeld ein. Ich finde meine Schwester Orit. Das Foto ist nicht sehr aussagekräftig, und das Profil sieht vergessen aus. Keine "Likes", keine "Posts", und vielleicht 50 Freunde. Aber ich kann nichts verlieren und kopiere meinen Brief mit meiner Telefonnummer in eine Nachricht.

Am nächsten Morgen klingelt mein Handy: "Hey Jenny, this is Orit." Meine Beine knicken weg.

Wir reden gleichzeitig los, lachen, und stellen Fragen über Fragen. Nach einer Stunde schlage ich vor, dass wir uns auf Skype treffen, damit wir uns sehen können. Im Schlafanzug sitze ich vor dem Computer. Ich erfahre, dass ich dreifache Tante bin, wir reden wild durcheinander und versuchen, das Leben unseres Vaters zu rekonstruieren. Mir schwirrt der Kopf, und ich befürchte, dass die Hälfte aller Neuigkeiten einfach an mir vorbeirauscht, so geplättet bin ich, dass ich mit meiner Schwester telefoniere. Orit erzählt mir, dass sie bereits Yuval angerufen und ihm meine E-Mail weitergeleitet hat. "Er braucht Zeit", sagt Orit. Über tausend Ecken hatten sie mitbekommen, dass mein Vater noch mal geheiratet hat und dass es ein Kind gibt. Mich. "Aber wir dachten, dass du nichts von uns weißt, und wollten dein Familienleben nicht stören", sagt Orit. Außerdem wussten sie meinen Namen nicht und hatten seit mehr als 50 Jahren keinen Kontakt zu meinem Vater.

Wie selbstverständlich es sich anfühlt

Ich würde Orit gern treffen. Das geht aber nicht, weil sie inzwischen in London lebt. Keine Zugstunde von Brighton, wo ich das vergangene Jahr verbracht habe.

In den folgenden Wochen schickt mir Orit Namen und Telefonnummern von ihren Tanten und Onkel, ich lerne Cousins und Cousinen kennen und feiere Chanukka mit Orits und Yuvals Familie in Israel. Viele erinnern sich an meinen, nein, unseren Vater und erzählen mir, was für ein charmanter Kerl er war.

Auch Wochen später hat sich Yuval immer noch nicht gemeldet, auch nicht auf eine direkte Kaffee-Einladung per SMS. Bis heute habe ich ihn nicht kennengelernt. Orit hingegen ruft mich regelmäßig an und fragt, ob sie zu meiner Uni-Abschluss-Zeremonie nach Brighton kommen darf. "Wenn meine kleine Schwester schon ihren Hut und ihren M.A.-Titel bekommt, dann will ich dabei sein", sagt sie. Wie selbstverständlich es sich nach so wenigen Wochen anfühlt.

Als ich in London lande, steht sie in einer roten Winterjacke und mit breitem Grinsen am Gate. Sie ist ein ganzes Stück größer und stämmiger als ich. Ihre Umarmung fühlt sich an wie von einer Bärenmama. Wir beide können nicht aufhören, uns anzusehen und zu grinsen. Nach einer Weile sagt sie: "Komm, wir fahren zu mir, da hast du ab jetzt immer ein Zuhause."



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