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Doktorarbeit nach dem Master: Erst 23 und schon Dozentin

Foto: Anne Krause

Doktorarbeit direkt nach dem Bachelor Platz da, ich promoviere

Sie hat noch keinen Master und ist erst 23 Jahre alt, trotzdem promoviert Steffi Krause schon und unterrichtet an der Uni. Viele Hochschulen ermöglichen ihren Studenten die Promotion auf der Überholspur. Aber ist das sinnvoll?
Von Hannah König

Wenn Steffi Krause den Hörsaal betritt, muss sie sich manchmal daran erinnern, wo ihr Platz ist. Nicht zwischen den Studenten - sondern vorn auf dem Podium. Mit 23 Jahren unterrichtet sie an der Universität Passau Studenten, die vor kurzem noch ihre Kommilitonen waren. Denn statt nach dem Bachelor einen Master zu machen, hat sie direkt mit der Promotion begonnen und leitet seitdem als Wissenschaftliche Mitarbeiterin Seminare und Vorlesungen.

Steffi Krause macht ihren Doktortitel auf der Überholspur. Deutschlandweit bietet inzwischen etwa die Hälfte der Universitäten den sogenannten "Fast Track" an, hat die Hochschulrektorenkonferenz ermittelt. Im Jahr 2011 wagten laut Statistischem Bundesamt 1300 Studenten, den Master zu überspringen und direkt eine Doktorarbeit zu schreiben.

An den meisten Universitäten werden die Promotionsanwärter zunächst in ein einjähriges Vorbereitungsstudium aufgenommen, im Anschluss folgt ein dreijähriges Forschungsstudium. Manchmal läuft die Promotion auch parallel zum Master, dann können sich Studenten nach dem 2. Semester für den Fast Track bewerben. Den Master müssen sie dann trotzdem abschließen.

Warum dann überhaupt eine Turbo-Promotion?

An der Universität Passau gibt es kein spezielles Programm. Krause konnte deshalb direkt mit der Doktorarbeit beginnen - ohne einen einzigen Masterkurs besucht zu haben. Offiziell musste sie nur einen Bachelor-Schnitt von 1,3 oder besser nachweisen, vor allem aber musste sie ihren Doktorvater überzeugen. Denn die Zulassung zur Direktpromotion ist "grundsätzlich immer eine Einzelfallentscheidung", wie es in einer Stellungnahme der Hochschulrektorenkonferenz heißt.

Krauses Betreuer Hans Krah, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, drückt es so aus: "Entscheidend ist, ob man dem Dozenten begreiflich machen kann, dass man geeignet ist." Die Note allein sei nicht aussagekräftig. Von Anfang an fiel die Studentin Krause ihm und seinen Kollegen in Vorlesungen und Seminaren auf, interessiert sei sie gewesen und sehr engagiert. "Sie wollte nicht einfach nur gut sein", erinnert sich Krah. "Sie wollte immer mehr!"

Immer mehr, immer schneller, immer besser. Bachelor-Studenten klagen ohnehin schon über Stress, warum dann überhaupt eine Turbo-Promotion? Zumal fast alle Universitäten die grundständige Promotion ganz ohne vorherigen Abschluss abgeschafft haben. Warum nicht erst mal möglichst viel lernen, reifen, Erfahrungen sammeln, Spaß haben?

Das fragte sich auch Steffi Krause. Denn ihre steile Uni-Karriere hat sie so nicht geplant. Anfangs, sagt sie, sei sie nicht mal sicher gewesen, ob Studieren das Richtige für sie ist. Sie ist in Berlin geboren, im Stadtteil Marzahn aufgewachsen, die Familie zog mehrfach um, Steffi Krause musste sich oft neu eingewöhnen. In der 12. Klasse habe sie die Schule sogar abbrechen wollen, um eine Ausbildung zur Eventmanagerin zu machen, erinnert sie sich. Was genau sie damals umstimmte, wisse sie selbst nicht mehr.

"Ich wollte unbedingt in die Wissenschaft"

Zwar habe sie Angst gehabt vor den "brotlosen Geisteswissenschaften", trotzdem bewarb sie sich auf den Bachelor "Sprache und Text" im bayerischen Passau. Schon ab dem dritten Semester arbeitete sie am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik als wissenschaftliche Hilfskraft. Nebenbei organisierte sie unter dem Motto "Wir machen es selbst" eine Ringvorlesung von Studenten für Studenten. "Damit war es endgültig um mich geschehen", sagt Steffi Krause. "Ich wollte unbedingt in die Wissenschaft."

Die Chance auf den Fast Track kam plötzlich: Kurz nach ihrem Bachelorabschluss wurde an der Uni eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter frei. Sie hätte schon gern den Master gemacht, erzählt Krause - "auch weil ich dachte, dass ich vielleicht noch nicht gut genug bin". Andererseits wusste sie auch: So eine Chance bekommt man selten. Sie überzeugte ihren Doktorvater von der Idee, den Master zu überspringen, und bewarb sich auf die Stelle. Und plötzlich musste sie jene Kommilitonen benoten, die mit ihr den Bachelor angefangen hatten - keine einfache Situation für die damals 22-Jährige.

Selbst heute, ein Jahr später, zweifelt sie manchmal noch: "Bin ich genug vorbereitet, kann ich alle Fragen beantworten, mögen mich die Studierenden - die Nervosität vor dem Semester oder bei Vorträgen geht nie so ganz weg", sagt Steffi Krause. Doch der Respekt kam schneller als erwartet: Sprüche oder Pöbeleien habe sie sich nie anhören müssen.

Das könnte auch an ihrer einnehmenden Art liegen. Die junge Frau wirkt älter und reifer, als sie eigentlich ist. Sie spricht mit fester, ruhiger Stimme, lacht viel und laut. Sie ist selbstbewusst und spricht zugleich über ihre Laufbahn, als wäre sie nichts Besonderes.

Kommt am Ende überhaupt eine Arbeit dabei raus?

Verändert habe sich in ihrem ersten Jahr als Dozentin vor allem ihr Party-Verhalten: "Ich bin auf jeden Fall spießiger geworden", sagt Steffi Krause. Sie könne jetzt nun mal nicht mehr so lange feiern wie der Student in der letzten Reihe. Dass sie wegen ihrer schnellen Promotion etwas verpassen könnte, glaubt sie nicht: Sie habe in den ersten Semestern schon ausgiebig gefeiert, jetzt mache ihr die Arbeit Spaß. Die größte Schwierigkeit als junge Doktorandin sei es eher, sich jeden Tag aufs Neue selbst zu strukturieren, zu motivieren. Daran scheitern viele - selbst wenn sie mehr Erfahrung haben als Krause.

Auch deshalb steht ihr Doktorvater der Promotion nach dem Bachelor eher skeptisch gegenüber. Viel wichtiger als gute Noten sind seiner Meinung nach Durchhaltevermögen und Zeitmanagement. "Wie soll man diese Fähigkeiten in nur sechs Semestern erworben haben?", fragt Krah. Die Qualität der Arbeiten müsse nicht unbedingt schlechter sein. "Die Frage ist eher, ob am Ende überhaupt eine Arbeit dabei rauskommt", sagt der Professor. Nicht alle Studenten seien für die Überholspur geeignet - denn manche Dinge lerne man eben erst mit der Zeit.