"Fat Studies" Achtung, die Dicken kommen

An US-Unis bekommt jeder sein Fett weg. Gegen den Schlankheitswahn etablieren sich "Fat Studies" als neues Forschungsgebiet. Dick und stolz darauf - die Wissenschaftler wollen Übergewichtigen zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen.

Die Frage nach dem Gewicht wiegt zentnerschwer in den USA: Dicke Menschen haben größere Schwierigkeiten, einen Job zu finden, werden schlechter bezahlt und seltener befördert, tun sich schwerer bei der Partnersuche und werden von ihren Mitmenschen häufig auf offener Straße mit Häme und Verachtung übergossen.

"Es gibt immer weniger gesellschaftliche Gruppen, die wir noch hassen und denen wir uns überlegen fühlen dürfen", sagt Susan Wooley, eine Expertin für Essstörungen. "Aber Übergewicht ist das Einzige, woran der Betreffende selbst Schuld zu haben scheint."

Doch nicht alle Fetten schlucken die Attacken einer vom Dünnsein besessenen Gesellschaft weiter klaglos herunter. Im vergangenen Jahrzehnt ist eine politische Graswurzelbewegung entstanden, die für "size acceptance" (etwa: Anerkennung aller Gewichtsklassen) kämpft. Und viele, die so bleiben wollen, wie sie sind, schließen sich unter dem Schlagwort "Fat Pride" mit Gleichgewichtigen zusammen. "Begegne anderen Männern und Frauen deiner Region, die übergewichtig und stolz darauf sind", heißt es zum Beispiel auf der Internet-Seite fatpride.meetup.com.

Warum wird das Übergewicht verteufelt?

Nun drängen diese Aktivisten mit ihrer "Fett? Na und?"-Botschaft auch in die akademische Welt: Sie plädieren dafür, "Fat Studies" als interdisziplinäres Forschungsfeld an den Universitäten einzurichten. Während das Körpergewicht im alltäglichen Diskurs fast ausschließlich als medizinisches - und volkswirtschaftliches - Problem gesehen wird, sollen die "Fat Studies" unter anderem erkunden, wie eine Gesellschaft ihre Vorstellungen des "richtigen", erstrebenswerten Körpers entwickelt, welche ästhetischen, ethischen und politischen Bedeutungen dem Dicksein zugeschrieben werden und warum heute das Übergewicht in den USA so verteufelt wird.

"Ich bin mein Leben lang dick gewesen", sagt die Doktorandin Stefanie Snider, die an der University of Southern California in Los Angeles an einer "Fat Studies"-Dissertation arbeitet, "und ich habe es als echte Befreiung erlebt, mich auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit mit einem Thema zu befassen, das mir gesellschaftspolitisch äußerst wichtig ist."

Ähnlich wie gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht in den "Gender Studies", von Sexualität in den "Queer Studies" und von ethnischer Zuschreibung in den "African-American Studies" hinterfragt werden, um echte oder vermeintliche Diskriminierung zu bekämpfen, soll die Stigmatisierung des Übergewichts in den "Fat Studies" als Auswuchs größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge entlarvt werden.

"Indem man ein eigenes Forschungsfeld einrichtet, verschafft man dem Gedanken Anerkennung, dass das Körpergewicht in unserer Gesellschaft als zentrales Identitätskennzeichen fungiert, ganz ähnlich wie Rasse oder Geschlecht", sagt Paul Campos, Juraprofessor an der University of Colorado, der mit "The Obesity Myth" ("Der Mythos der Fettleibigkeit") ein Grundlagenwerk der "Fat Studies" verfasst hat. "Und dieses Identitätskennzeichen dient nicht nur einfach der neutralen Beschreibung, wie wir gern glauben, sondern ist ein kompliziertes und höchst problematisches gesellschaftliches Konstrukt."

Dicken-Klischee: "Zügellos, faul. gierig"

Wer dick ist, so die Grundthese der "Fat Studies", wird vor allem aufgrund seines Körperumfangs wahrgenommen und beurteilt - und zwar überwiegend negativ. Angesichts der gesellschaftlichen Verdammung von Übergewicht steht ein dicker Mensch im Generalverdacht, so die Soziologin Margaret Carlisle Duncan von der University of Wisconsin, "moralisch suspekt, zügellos, faul, gierig und abstoßend zu sein".

In den USA kommen dazu noch die puritanischen Wurzeln der Askese, der Entsagung und des Verzichts. "Wenn jemand aussieht, als ließe er es sich gutgehen, entwickeln wir ihm gegenüber enorme Feindseligkeit", sagt Esther Rothblum, Psychologin an der San Diego State University.

Dieser Hass aufs Fett hat sich erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt entwickelt; zuvor galt ein gutgepolsterter Leib in den USA wie in Europa als Zeichen von Erfolg, Wohlstand und Fruchtbarkeit. "In Zeiten knapper Ressourcen waren dicke Körper äußerst wertvoll", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Kathleen LeBesco vom Marymount Manhattan College in New York, deren Buch "Revolting Bodies?" (etwa: "Abscheuliche/Rebellische Körper?") die Pathologisierung des Dickseins untersucht. "Aber in der heutigen Überflussgesellschaft ist es viel schwieriger, einen schlanken, harten Körper zu erreichen, und darum ist dieser zum Ideal aufgestiegen."

Seit 2003 macht die "Gesellschaft für Populärkultur", ein Verbund amerikanischer Geistes- und Sozialwissenschaftlern, bei ihren Tagungen die "Fat Studies" zum Thema. Schon liegen Aufsätze und Untersuchungen von Anthropologen, Soziologen, Politikwissenschaftlern, Historikern, Juristen, Psychologen und Geschlechterforschern vor; und es werden Kurse wie "Fett und Gesellschaft", "Die Geschichte der Diätlehre" oder "Das Zünglein an der Waage der Gerechtigkeit" angeboten. Das Feld nimmt schneller zu als der durchschnittliche amerikanische Teenager.

Der Geschichtsprofessor Robert Bucholz etwa, der an der Loyola University in Chicago lehrt, hat sich jahrelang mit der Frage befasst, warum der britischen Herrscherin Anna, die Anfang des 18. Jahrhunderts ihr Land zur Weltmacht führte, heute so wenig Anerkennung zugedacht wird. Er stieß schließlich auf eine Antwort, die ihn selbst überraschte: Anna war fett. "Ich wusste gar nicht, dass ich etwas erforschte, was schon den Namen ,Fat Studies' trug", sagt Bucholz im Nachhinein.

Dass Fett ein Thema für die Gesellschaftswissenschaft werden würde, liegt nahe in einer Gesellschaft, die besessen ist von Körpermaßen und Fernsehserien hervorbringt wie die Reality-TV-Sendung "Fat Actress", in der die kurvenreiche Schauspielerin Kirstie Alley über den Zusammenhang zwischen ihren Pfunden (mehr) und ihren Rollenangeboten (weniger) nachdenken durfte, oder auch die Abnehm-Show "The Biggest Loser", in der pfundige Teilnehmer monatelang auf ein Diät- und Fitnessprogramm gesetzt werden: Wer am dramatischsten abspeckt, gewinnt.

Abnehmkuren und Diätratgeber sind eine Milliardenindustrie in den USA, die sich erfolgreich davon nährt, dass der Großteil aller Fastenversuche scheitert - und die Möchtegern-Verdünnisierer oft mit mehr Hüftspeck als vorher zurückbleiben. "Es ist verrückt anzunehmen, dass Abnehmen wirklich eine Frage der Willenskraft ist", sagt der "Fat Studies"-Verfechter Paul Campos, denn das Schlanksein gelte in der Gesellschaft als erstrebenswertes Ideal und werde entsprechend belohnt.

"Große gesellschaftliche Hysterie"

Rund 66 Prozent der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung gelten nach den gegenwärtigen Maßstäben als zu dick, fast die Hälfte davon wird gar als fettleibig etikettiert. Deutschland erweist sich neuerdings als europäischer Spitzenreiter und kommt auf Werte von 67 Prozent Dicke, darunter 23 Prozent Fettleibige. Die Zahlen sind unter anderem deswegen so hoch, weil die medizinische Definition von Übergewicht in den neunziger Jahren so verändert wurde, dass plötzlich Millionen Menschen in die Schmerbauch-Kategorie fielen, ohne auch nur ein Gramm zugenommen zu haben.

Amerikanische Politiker und Gesundheitsorganisationen haben die gesellschaftliche Verfettung gar zu einer Epidemie erklärt und einen "Krieg gegen das Übergewicht" ausgerufen, der mit Ermahnungen zu mehr Sport, mehr Gemüse und weniger Junk Food gewonnen werden soll.

Doch die Behauptung, dass die Verfettung wie eine Krankheitsepidemie um sich greife, wird zunehmend angezweifelt. "Ein im Grunde gesellschaftliches, kulturelles und politisches Problem ist zu einer medizinische Frage umdeklariert worden", argumentiert Paul Campos, der die Fett-Phobie für "eine große gesellschaftliche Hysterie" hält, "die uns weismachen will, dass wir am Rande einer Katastrophe des Gesundheitswesens stehen". Eine solche Katastrophe sei jedoch - angesichts etwa der weiter steigenden Lebenserwartung der Amerikaner - nicht abzusehen.

Campos verortet den Grund für die Hysterie vielmehr in einem generellen Unbehagen angesichts des gesellschaftlichen Überverbrauchs von Ressourcen. "Wir fühlen uns gerade äußerst unwohl, weil wir merken: Unsere Häuser sind zu groß, unsere Geländewagen verbrauchen zu viel Sprit, und wir kaufen Unmengen von Zeug in gigantischen Einkaufszentren ein", so Campos. "Dieses Unbehagen aber verlagern wir auf Körper, die zu viele Ressourcen verbrauchen - und das sind nicht zufällig die Schwächsten unserer Gesellschaft, denn Dicksein und Armsein gehören in Amerika zusammen."

Und als nächstes "Betrunkenenstudien"?

So wird der "Krieg gegen das Übergewicht" gegen diejenigen geführt, die sich am wenigsten wehren können. Die Botschaft: Dick macht krank. Abnehmen macht gesund - und happy.

Die "Size Acceptance"-Verfechter halten dagegen, dass die wissenschaftlichen Belege für die Verbindung zwischen Körpergewicht und Gesundheitszustand - abgesehen von Diabetes Typ 2 - durchweg mager ausfallen. "Wir wissen nicht, ob die Leute gesünder wären, wenn sie abnehmen würden, denn die Gesundheitspolitik hat ja keinerlei Erfolg mit ihren Diätbemühungen", sagt Paul Campos, "Es gibt schlicht keine Daten darüber."

Wer fett, aber fit sei, so argumentieren die Aktivisten, habe geringere Gesundheitsrisiken als ein schmaler, aber fitnessscheuer Sesselhocker. "Health at Any Size" (etwa: Gesundheit in jedem Format) ist ein Slogan, der sich gegen die fast schon automatische Koppelung von Schlanksein und Gesundheit richtet. Statt das Dicksein per se zu pathologisieren, propagieren die "Health at Any Size"-Vorturner Bewegung und gesundes Essen für Dicke ohne das Ziel des Abnehmens. "Dadurch, dass fette Menschen so massiv diskriminiert werden, sind sie enormem Stress ausgesetzt", sagt die Soziologin Margaret Carlisle Duncan, "und wer weiß, ob es nicht eigentlich dieser Stress ist, der sie krank macht? Eine Entstigmatisierung könnte sinnvoller sein als die gegenwärtige Gesundheitspolitik."

Doch davon sind die USA noch weit entfernt. Die konservative Autorin Cathy Young wirft in ihrem Blog "den Fettakzeptierern und ihren akademischen Verbündeten" vor, ihr Ziel der Entstigmatisierung sei "vollkommen verfehlt", weil es die Gefahren der Fettleibigkeit herunterspiele und die Dicken als Opfer politischer und gesellschaftlicher Unterdrückung zeichne - statt einfach nur als Menschen, die ihre Kalorienzufuhr nicht unter Kontrolle hätten. Warum nicht als nächstes, so Youngs höhnische Frage, "Betrunkenenstudien"?

Große Skepsis über "Fat Studies"

Die Frage, ob Fett wirklich eine Wissenschaft für sich ist, stellen auch eher traditionelle Akademiker, die sowohl die "Fat Studies" wie verwandte Forschungsgebiete mit großer Skepsis betrachten. "In einem Feld nach dem anderen wird das Dampfablassen zum Standard des wissenschaftlichen Arbeitens", sagt der Politikwissenschaftler Stephen Balch, Präsident der Nationalen Gelehrten-Vereinigung der USA. "Diese Studiengebiete befassen sich nur noch damit, die Klagen einer einzelnen gesellschaftlichen Gruppe zu untermauern. Das sollte nicht Sinn und Zweck der Universität sein."

Manche "Fat Studies"-Akademiker verstehen ihre Arbeit in der Tat als "Teil eines größeren Projekts für soziale Gerechtigkeit", wie die Doktorandin Stefanie Snider sagt. Andere hingegen betrachten die Politisierung ihrer Forschung mit gemischten Gefühlen. "Ich sehe die gegenwärtige Phase als Entwicklungsstadium", sagt die Soziologin Margaret Carlisle Duncan, "aber im Augenblick muss das Feld so politisch sein, damit die Leute davon Notiz nehmen. Es muss auffallen und Ärger machen."

Bis jetzt sind die "Fat Studies" ohnehin nur "ein winziger Tropfen im wissenschaftlichen Ozean", so die Psychologin Esther Rothblum, "vor allem im Vergleich mit den Unmengen von Geld, die in die Diätforschung fließen."

Mittelfristig könnten die "Fat Studies" sich zu einem allgemeineren Gebiet wie etwa "Body Studies" entwickeln, das sich mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Körperlichkeit überhaupt befasst. Die Schlanken jedenfalls sollten sich nicht einbilden, dass "Fat Studies" sie nicht betreffen könnten. In einer pathologisch auf die Waage starrenden Gesellschaft kriegt jeder sein Fett weg: Die Dicken werden mit Hass gestraft, und die Nicht-Dicken leben in der ständigen Anspannung, sie könnten ihren Normkörper verlieren. "Du bist entweder fett, oder du hast Angst davor, fett zu werden", sagt die Aktivistin Marilyn Wann, "und dadurch sind alle von diesem Thema betroffen."

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