FDP-Unterwanderung Sponti-Studenten machen Karriere

Vor drei Jahren versuchten jugendliche Quergeister, die FDP zu kapern. Inzwischen ist der Studentenjux umgeschlagen in ernsthafte politische Arbeit - unter Guido Westerwelle sorgen die einstigen Störenfriede für eine Verjüngung der Pünktchenpartei.


Rudi Hielschers ersten Versuch, in die FDP vorzudringen, ahndete die Partei mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Gemeinsam mit Kommilitonen der Berliner Universitäten hatte der Psychologiestudent eine Versammlung der örtlichen Liberalen im Rathaus Tempelhof gestürmt. Es kam zu Handgreiflichkeiten, ein Fotoapparat flog durch den Saal, Blut floss. Erst einer Streitmacht von 18 Polizeibeamten gelang es, das Getümmel zu beenden und die Eindringlinge auszusperren. 30 Monate später hat die FDP für Hielscher Visitenkarten gedruckt und einen Schreibtisch aufgestellt. Im Kampagnenbüro der Bundesliberalen sammelt der 29-Jährige neuerdings Spenden für den kommenden Bundestagswahlkampf. Parteichef Guido Westerwelle hatte sich persönlich für den einstigen Störenfried eingesetzt, nachdem der ihm im Abgeordnetenbüro ausgeholfen hatte. Gnade für die Sponti-Aktivisten Seit seiner Wahl zum Vorsitzenden Anfang Mai hat Westerwelle seiner Partei eine radikale Verjüngungskur verordnet. Mit frischem Personal auf allen Ebenen der Partei will der 39-Jährige das bürgerliche Traditionsbündnis mit der CDU aufbrechen und die FDP als eigenständige Kraft und "Partei für das ganze Volk" profilieren. Gnädig gehen die Liberalen seither mit jugendlichen Quergeistern um. In der Hauptstadt darf sich Sophie-Charlotte Lenski, 22, Hoffnungen auf einen Sitz im Abgeordnetenhaus machen. Wie Hielscher war sie vor drei Jahren der FDP beigetreten, "um die Partei zu unterwandern".

Damals hatten 2700 Studenten versucht, die Stimmenmehrheit in der Berliner FDP zu gewinnen. Die heillos zerstrittene und 1995 aus dem Abgeordnetenhaus hinausgewählte Pünktchenpartei mit ihren knapp 2700 Mitgliedern schien für eine feindliche Übernahme bestens geeignet. Anschließend, so der Plan, wollten die neuen Herrscher den Apparat zum Protest gegen überfüllte Hörsäle nutzen und die Vertreter des nationalliberalen FDP-Flügels aus der Partei werfen. Zwar scheiterte der Masseneintritt an eilig errichteten bürokratischen Hürden, die einige Bezirke den Neuankömmlingen in den Weg stellten. Doch immerhin 750 Spontis schafften die Aufnahmeprozedur ­ von denen sich einige alsbald nach Beschäftigung umsahen. So löste Mathematikstudentin Lenski inzwischen den rechtskonservativen Klaus Gröbig ("Die Stadt darf nicht in die Hand der Kommunisten fallen") als FDP-Chef im Bezirk Tempelhof-Schöneberg ab ­ zwei Jahre nachdem dieser die Studenten mit Polizeihilfe aus dem Saal gedrängt hatte. Die Altvorderen mosern über den "Jugendwahn" Doch die Verjüngungskur stößt nicht überall auf ungeteilte Freude. Vor allem in der von einem Dutzend Ex-Ministern und abgehalfterten Staatssekretären beherrschten Bundestagsfraktion mosern viele über den "Jugendwahn" des neuen Parteivorsitzenden. Vor einigen Wochen erklärte Gröbig gar den Parteiaustritt, weil seine "Leidensfähigkeit erschöpft" sei. "Mission erfüllt", vermerkt Lenski bündig, die sich nun wünscht, nach der Berlin-Wahl am 21. Oktober eine sozial-liberale Zusammenarbeit unterstützen zu können. Die CDU hingegen hat bei ihr ausgespielt, seit sie in ihrem Geburtsort bei Osnabrück mit dem örtlichen Unionsvertreter zusammengerasselt sei: "Weil immer seine Frau einkaufen muss, wusste der nicht mal, was ein halbes Pfund Butter kostet." Nach der Wahl: "Jede Menge spannende Jobs" Der Generationenwechsel kündigt sich auch in der FDP-Spitze an. Bereits beim jüngsten Bundesparteitag bugsierte Westerwelle eine Reihe jüngerer Spezl nach vorn. Dem Berliner Martin Matz, 36, verhalf er zu einem Platz im Parteipräsidium. Etwa jedes dritte Mitglied im 34-köpfigen Bundesvorstand ist jünger als 35 Jahre. Gegen den Widerstand der Altvorderen bekam Matz vorvergangene Woche auch einen Platz auf der Kandidatenliste für das Berliner Abgeordnetenhaus.
DER SPIEGEL
Nach einer jahrelangen Serie von Wahlniederlagen scheinen die guten Umfragewerte der vergangenen Wochen auszureichen, um den Liberalen plötzlich zu einem Siegerimage zu verhelfen. Als einzige Partei im Bundestag vermeldet die FDP steigende Mitgliederzahlen. Seit Jahresbeginn verzeichnete das Thomas-Dehler-Haus fast 4000 Neuzugänge (bei etwa 3000 Austritten), davon sind 44 Prozent jünger als 35 Jahre. Das Durchschnittsalter liberaler Parteigänger sei seit 1998 von damals 56 Jahre auf nunmehr 51 Jahre gesunken. "Die Jugend", jubelt Westerwelle, "kommt wieder zur FDP." Der Nachwuchs hat beste Aussichten auf eine Parteikarriere. "Wenn es im nächsten Jahr bei der Bundestagswahl klappt", hofft Ex-Sponti Hielscher, "gibt es wieder jede Menge spannende Jobs zu verteilen." ALEXANDER NEUBACHER



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