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Fechterin Britta Heidemann: Allez!

Foto: PLAYBOY/ Andreas H. Bitesnich

Fecht-Ass Britta Heidemann Die Siegerin

Sie ist Deutschlands Golden Girl des Fechtsports. Dieses Jahr hat Britta Heidemann nicht nur die Fechtweltmeisterschaften gewonnen, sondern auch ihr Diplom bestanden. Note im Fach chinesische Regionalwissenschaften: 1,7. Wie macht sie das bloß?

Diese Frau fällt auf. Sie ist groß, sie ist schlank, sie ist blond. Britta Heidemann geht zielstrebig zu ihrer Sporttasche, die an der Wand der Turnhalle lehnt, zieht ihren Degen heraus, streift sich die Maske über. Dann steht sie ihrem Trainer gegenüber, sie kreuzen die Klingen. Prêt - allez!

Der Kampf beginnt, und Britta Heidemann wird wohl wieder siegen.

Heidemann ist 26 Jahre alt und die erfolgreichste Degenfechterin aller Zeiten. Sie hat ein Triple geschafft, das es so noch nicht gegeben hat: 2007 gewann sie die Weltmeisterschaften, 2008 die Olympiade, 2009 die Europameisterschaften.

Eine Ausnahmesportlerin. Als genüge das nicht, brillierte Heidemann wie nebenbei auch als Studentin. Sie hat chinesische Regionalwissenschaften an der Kölner Universität studiert. Sie lernte die chinesische Sprache, das chinesische Recht, die chinesische Kultur. Sie machte Scheine, Scheine, Scheine und schloss im April dieses Jahres dann ihr Studium ab. Note: 1,7.

Wie schafft ein Mensch das alles?

Heidemann lacht, sie sitzt an einem Tisch in der Mensa des Bundesleistungszentrums Fechten in Bonn und antwortet: "Ich lerne gern."

Ihr Leben, ein einziger Wettbewerb

Das ist es also? So simpel, Freude am Lernen? Oder kann es sein, dass der Sport gar nicht in Konkurrenz zum Studium steht, dass im Gegenteil die stetige Meisterleistung sich aus dem Fechten erst speist, aus all der Kampfkunst und dem Siegeswillen, der Heidemann fast täglich durchströmt? Dann wären Fechtkurse, die fast alle Hochschulen anbieten, perfekte Trainingslager für ein erfolgreiches Studium.

Die Schulung der Britta Heidemann begann allerdings lange vor der Uni. Seit Kindertagen ist ihr Leben ein einziger Wettbewerb, eine Aneinanderreihung von Höchstleistungen. Ihr Vater ist Sportlehrer in Bergheim bei Köln, die Mutter Sportärztin. Als Fachleute erkannten die Eltern rasch die Talente ihrer Tochter. Mit zehn wurde Britta Kölner Schülermeisterin im Hochsprung, mit zwölf Westdeutsche Schülermeisterin im Schwimmen, dann konzentrierte sie sich ganz auf den Fechtsport. "Ich wollte etwas Besonderes machen", sagt Heidemann. Es war ziemlich schnell klar, dass da ein Star heranwächst.

Doch egal, wie erfolgreich Fechter auch sein mögen in ihrem Sport: Sie brauchen einen Beruf. Es gibt kein hochbezahltes Profi-Dasein; sie verdienen lange nicht so viel wie Fußballer oder Tennisspieler. Auch dann nicht, wenn sie so attraktiv sind wie Heidemann, die schon mal ein Playboy-Cover zierte und Werbeaufträge an Land gezogen hat. Sie entschied sich für ein Studium.

"Dreimal nicht da, und du bist weg"

Heidemann hatte es zunächst nicht leicht an der Universität. Die Professoren wollten ihre Extravaganzen nicht dulden. Warum sollte sie Klausuren nachschreiben dürfen, wenn alle anderen pünktlich antreten mussten? Warum sollte sie sich Fehlstunden genehmigen dürfen, wenn es bei allen anderen hieß: "Three strikes and you are out", dreimal nicht da, und du bist weg?

Heidemann redete auf die Professoren ein, immer wieder, erklärte ihnen, dass sie nicht nur aus Lust am Wettstreit, sondern auch für Deutschland zu Turnieren und Meisterschaften fuhr. Irgendwann verstanden sie. Einer Frau, die für sich und ihr Land um Goldmedaillen kämpft, dürfe man keine Steine in den Weg legen, hieß es. Erst recht nicht, wenn sie sich für das Leben nach dem Sport wappnen wolle.

Heidemann trainierte weiterhin zweimal am Tag, fünf Tage die Woche. Und las, lernte, übte vor und nach den Turnieren, zwischen Sydney und Hawaii, im Flugzeug, in Hotels, in Restaurants.

Hochmut und Angst vor dem Sieg - die klassischen Feinde des Fechters

Fechten, sagt sie, sei eine kunstvolle Variante des Lebenskampfs. Man steht allein, man kämpft allein, es ist ein Duell mit den eigenen Nerven. Fechter müssen lernen, die bösen Stimmen im eigenen Kopf niederzuringen, die inwendigen Widersacher, die raunen, man könne es nicht, man habe keine Chance, die Aufgabe sei zu groß. "Man muss in den Flow kommen, wenn man siegen will", sagt Heidemann, "man muss einen Tunnel betreten." Es ist genauso wie manchmal an der Uni, genauso wie am Tag vor der Prüfung.

Die zwei klassischen Feinde des Fechters sind Hochmut - und dann die Angst vor dem Sieg. Letztere befällt fast jeden, der weit in Führung liegt.

Es stand zwölf zu acht im Finale der Olympischen Spiele 2008, als eine Stimme in Britta Heidemanns Kopf wisperte: "Du könntest jetzt tatsächlich Olympiasiegerin werden." Ein Fehler. Es dauerte keine 20 Sekunden, da hatte die Rumänin Ana Maria Branza zweimal getroffen. Jetzt stand es zwölf zu zehn. Keine Zeit für Analysen, für Grübeleien, die Planche ist nur 14 Meter lang, und der Gegner rückt näher und näher und näher. Heidemann feuerte sich selbst an, versuchte, Kameras und Millionenpublikum zu ignorieren, sie setzte ein, zwei, drei Treffer. Dann riss sie sich die Maske vom Kopf, fassungslos vor Glück.

Die Schwächen seines Gegners zu kennen, ist das Wichtigste

Es war ihr größter Triumph. Alles fügte sich zusammen bei diesen Olympischen Spielen: dass sie Deutschlands Goldmädchen wurde, weltbeste Fechterin, und dass ihr das ausgerechnet in Peking gelang, in China, Zielort all ihren akademischen Strebens. Und so war der Sieg mit dem Degen zugleich ein neuer Kick fürs Studium.

Seitdem sie ihren Abschluss hat, berät Heidemann Unternehmen, die in China Fuß fassen wollen, sie denkt über eine Doktorarbeit nach und gibt Seminare für Manager. Denen erklärt sie, wie sie das Siegen gelernt hat, die Konzentration, das Schärfen des Blicks. "Ein Fechter darf sich nicht eine Sekunde lang geistig gehenlassen", sagt Heidemann den Teilnehmern, "es wäre so, als hockte sich ein Läufer neben die Bahn, um die Schnürsenkel zuzubinden."

Gefechte dauern maximal neun Minuten. Je besser der Kämpfer den Kontrahenten kennt, seine Schwächen und Ängste, seine Strategien und Marotten, desto wahrscheinlicher ist es, dass er am Ende als Sieger von der Planche geht.

Nur: Das weiß der Gegner auch.

Deswegen hat Fechten wenig mit Kraft zu tun, aber viel mit Technik und Taktik. Darin ähnelt der Kampfsport dem Schachspiel: Tricksen ist comme il faut, es gilt, den Gegner mit Finten aus der Deckung zu locken, links antäuschen, rechts zustechen. Wer aggressiv wird, hat schon verloren. "Zu emotionale Menschen handeln entweder vorschnell oder verlieren kostbare Zeit an ihre Wutausbrüche", erklärt Britta Heidemann.

Ein Ziel: der Sieg, was sonst?

Gilt das nicht ebenso im wirklichen Leben? So elegant, raffiniert und artifiziell das Fechtritual auch erscheinen mag, wenn Heidemann davon erzählt, drängen sich die Parallelen zum Alltag auf: das Florett als Sprache, das Argument als Angriff, Parade, Finte. Regeln begrenzen die Kampfarena, Disziplin hilft, Durststrecken auszuhalten, Niederlagen einzustecken. All dies ist nützlich bei der Gehaltsverhandlung, nicht schlecht beim Krach mit dem Liebsten, kraftspendend vor der nächsten Klausur. Wo, bitte, kann man sich anmelden zum nächsten Fechtkurs?

Heidemann bereitet sich auf den nächsten Wettkampf vor. Ihr Ziel: der Sieg, was sonst? Also trainiert sie wieder. Zweimal am Tag, fünf Tage die Woche. Sie ist wieder im Tunnel.

Hat sie bei all diesem Training, bei all dieser Arbeit eigentlich mal Zeit gehabt für ein Leben jenseits von Fechten, Uni, Siegen? Eines, in dem Niederlagen vorkommen?

Britta Heidemann hört diese Frage häufig. Sie runzelt die Brauen, sieht auf den Tisch, seufzt, schaut aus dem Fenster. "Diese Frage ist sehr deutsch", sagt sie. "Immer sucht hier einer das Haar in der Suppe." Vielleicht habe sie die ein oder andere Kölner Party verpasst in den vergangenen Jahren. "Aber dafür", fügt sie lächelnd hinzu, "habe ich meine Siege in Sydney und auf Hawaii begossen. Ist das nicht viel besser?"

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