Fehlendes Feindbild Woran die Wutstudenten verzweifeln

So emphatisch haben sich Studenten lange nicht mehr für bessere Bildung eingesetzt, doch ihre jüngsten Proteste waren so laut wie wirkungsarm. Es fehlt ihnen an Feinden, meint Franz Walter. Der Politikwissenschaftler empfiehlt ihnen das Konzept der 68er: den Gang durch die Institutionen.

Protest in Wiesbaden (2010): "Ausgereizt, verschlissen, langweilig", findet Walter.
dpa

Protest in Wiesbaden (2010): "Ausgereizt, verschlissen, langweilig", findet Walter.


Vor einigen Tagen kam ein Aktivist des Allgemeinen Studentenausschusses zu mir und fragte, was denn die Summe meiner Eindrücke von den studentischen Aktionen der letzten 20 Jahre sei. Ich habe ziemlich herumgestammelt, fahrige Allgemeinheiten über Generationen, Zyklen, den Wechsel von Emanzipation und Ruhepausen zum Besten gegeben. Aber meinem engagierten Studenten konnte ich mit derlei Phrasen nicht imponieren. "Wenn Ihnen etwas einfällt, bringen Sie's zu Papier", rief er mir im Abgang aufmunternd zu.

Mein Eindruck von den Boykottsemestern 1997, 2003 und 2009 ist: Die studentischen Vorlesungsboykotts der letzten beiden Jahrzehnte waren überwiegend Streiks ohne wirklichen Streik. Denn die universitären Seminare blieben während der Boykotttage durchweg gut besucht. In den seltensten Fällen musste die Universitätsverwaltung "mit der ganzen Härte des Gesetzes" einschreiten, um den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten.

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Öde Studentendemos: Die Top Five der peinlichen Proteste
Auffällig ist, wie sehr die Studentengeneration des letzten Jahrzehnts an das Credo der "Bildung" glaubte. Emphatischer hat seit den Zeiten des Vormärz im 19. Jahrhundert wohl keine Studentenkohorte mehr das erhabene Bildungspathos deklamiert. Diese Studenten waren die Kinder des klassischen Bildungsbürgertums und der Meinungseliten dieser Republik.

Die Studenten fordern das ein, was ihnen fortwährend versprochen wird

Die Studierenden reklamierten, was ihnen seit Jahr und Tag erzieherisch und mahnend aus den Medien und von der Politik lauthals entgegenschallte: Bildung, Lernen, Wissen! Denn das seien, so sagten ihnen die Führungsgruppen dieser Gesellschaft, die Tore zur Chancengesellschaft, die Pforten zum Markterfolg, die Katapulte für Gewinnerpositionen im scharfen internationalen Wettbewerb.

Und so gingen die Studierenden auch während der lauthals verkündeten "Streiktage" unverdrossen strebsam in die Seminare und Vorlesungen, wollten keine Stunde des Lernens, der Bildung verlieren. Doch eben diese andauernde Bildungsgläubigkeit kann aus den wohlerzogenen Kindern der Republik - nicht heute, aber vielleicht dann morgen - die Rebellen gegen die Künder ihrer eigenen Maximen machen.

Und das hätten sie dann sogar mit einigen ihren Eltern oder Großeltern der Studiensemester 1965/66 gemeinsam, die ja ebenfalls zunächst nur das Postulat der Demokratie emphatisch einklagten, sich erst später, eben 1967/68, nach frustrierenden Erlebnissen radikalisierten, bevor sie, nach 1970, schließlich verbittert in den linksradikalen Irrsinn abrutschten.

Auch die jetzige Studentengeneration fordert nur das ein, was ihnen von den Herolden des fortwährenden Modernisierungsspeeches durchweg versprochen wird: Bildung und Teilhabe. Und die bildungsbeflissenen Studenten erkennen derzeit Tag für Tag, dass wenig davon stimmt, dass das eine im Korsett modulisierter Stunden- und Arbeitszeitpläne schwer erreichbar ist, dass das andere nur als lästig und störend im "Prozess effizienter Verfahren" empfunden wird.

Irgendwann ist das Protestspektakel nicht weiter zu steigern

Eben dies aber, die Kluft zwischen der rhetorischen Dauerverkündung und der ernüchternden Realität, könnte die Kohorte des Bildungs- und Leistungsideals neuerlich in die Empörung treiben. Anzeichen dafür gab es ja bekanntlich im letzten Jahr, als Hörsäle besetzt wurden und Demonstrationen stattfanden.

Dass die Frustrationen unter den Studenten auch nach den Protesten fortlebten, scheint mir allerdings auch darin begründet zu liegen, dass sie zu viele Freunde und zu wenige Feinde besaßen. Alle Welt plädierte schließlich für Bildung. Insofern wurden die studentischen Forderungen im Prinzip auch von aller Welt begrüßt und unterstützt: Von den eigenen Professoren, den Universitätspräsidenten, auch von Vertretern der Wirtschaft, den Leitartikeln, ja selbst den Wissenschaftsministern.

Aber erfolgreiche Protestbewegungen brauchen so etwas wie einen Gegner, brauchen die schreckende Finsternis, um das Licht der eigenen Postulate erstrahlen zu lassen, benötigen den Kontrast, der die eigenen Anhänger zusammenschweißt, der Identitäten schafft, der zu einer Leitidee des eigenen Tuns beiträgt. Eben an dieser gegenwartstranszendierenden Leitidee mangelte es den Studentenprotesten zumeist, auch an einer eigenen, nicht geborgten Sprache, Symbolik und Semantik. All das wächst wohl nur im Klima scharfer Auseinandersetzungen, nicht in der lauen Wärme paternalistischer Umarmungen.

Wichtig sind auch die Mittel der Protestler: Studentischen Aktionen in der Mediengesellschaft pflegen darauf zu zielen, durch die Steigerung des öffentlichen Spektakels - man steigt halbnackt in Flüsse, legt sich scheintot in Fußgängerpassagen, schleppt Särge durch die Straßen - die Aufmerksamkeit der Gazetten und elektronischen Sender immer wieder neu zu entfachen. Doch irgendwann stößt man mit dieser Strategie an Grenzen; irgendwann ist das Spektakel, die Provokation, die Inszenierung ausgereizt, verschlissen, langweilig, nicht mehr weiter zu steigern. Was aber dann? Das hat schon zum raschen Ende des "Lucky Streiks" von 1997, auch des "Bildungsstreiks" von 2003 geführt.

Die Studenten sind an den Bildungschancen der Unterklasse nicht interessiert

Der mediengesellschaftliche Budenzauber wirkt nur sehr kurzfristig spektakulär; er zeigt schon mittelfristig kaum mehr Wirkung. Vielleicht wird man sich daher irgendwann wieder darauf besinnen, dass es Institutionen gibt, die ganz unspektakulär existieren, durchaus langweilig wirken, wohl auch sind, die aber über großen Einfluss und veritable Macht verfügen. Wohl selten waren diese Institutionen - auch Parteien gehören dazu - so leicht aus den Angeln zu heben oder umzufunktionalisieren wie derzeit, da ihnen Mitglieder, Ideen, Strukturen und Zustimmung (aber eben nicht Einfluss) abhanden gekommen sind.

Die Institutionen der Macht sind spirituell und personell leer geworden, daher aber auch vergleichsweise günstig neu aufzufüllen - oder zu ersetzen.

In welche Richtung das dann schließlich führen mag, ist noch offen. Aber es kann die gesellschaftliche Mitte der Republik verändern. Denn bisher hat noch jede Jugendmeute in Deutschland eine Dekade später die bürgerliche Mitte der Gesellschaft (neu) geprägt und mitunter stark transformiert - zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit nach rechts, seit den sechziger Jahren ein bisschen nach links. Nicht ganz auszuschließen ist, dass nunmehr die Mitte "mittiger" wird, dass sie sozial und ökonomisch ihre Interessen härter verteidigt, sich in den Zeiten eines unkomfortabel gewordenen Verteilungskampfes stärker nach unten abgrenzt und abschließt.

Die Kinder der Aufsteigerschichten aus der ersten Bildungsreform, die derzeit die Universitäten bevölkern, fürchten schließlich um ihren Statuserhalt. An Diskussionen um eine zweite Bildungsreform, die auch den neuen, oft ethnisch begründeten Unterklassen ebenfalls Zugänge zu mehr Bildungschancen eröffnen würde, ist die gegenwärtige Studentengeneration der "Neuen Mitte" offenkundig, so jedenfalls mein Eindruck, nicht sonderlich interessiert.

insgesamt 45 Beiträge
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harrold, 21.03.2011
1. Nichts Neues
Zitat von sysopSo emphatisch haben sich Studenten*lange nicht mehr für bessere Bildung eingesetzt, doch ihre jüngsten Proteste waren so laut wie wirkungsarm. Es fehlt ihnen an Feinden, meint Franz Walter. Der Politikwissenschaftler empfiehlt ihnen das Konzept der 68er: den Gang durch die Institutionen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,748072,00.html
Das wäre ja nichts Neues, das wäre genau das Gleiche wie die Forderung nach Bildung, man nähme ja dann schon wieder die Vorgängergeneration - die gescheitert ist - als Vorbild. Also ist dieser Vorschlag, abgesehen davon dass er von einem Vertreter eben jener gescheiterten 68er-Generation stammt - nichts Neues oder zumindest nicht jenseits der Analogie. Komisch, dass das dem Autor nicht selber auffällt. Polemisch formuliert: Das hätten die Alt-68er wohl gerne, dass die nachkommenden einfach die spirituell leer gewordenen Institutionen füllen und den Vorfahren damit die Leere nehmen.
konsch@erfurt 21.03.2011
2. Selbstbetrug.
Einer der wesentlichsten Problempunkte bei dieser ganzen "Debatte" ist schlicht und ergreifend der Selbstbetrug der werten "Bildungselite", der sich immer stärker, auch für den Außenstehenden, abzeichnet. Es ist dieser permanente Versuch, sich nach unten (Unterschicht) und oben (pöhse "Elite", sprich, "Altlasten") abzugrenzen, der mir persönlich die Fragezeichen auf die Stirn schreibt. Dabei brüllen die lieben Studenten doch nach genau dem, was ihnen von der einen Seite ("Elite") als Ausweg aus der anderen Seite (Unterschicht) dargestellt wird, hinterher. Worin liegt der Sinn dieser ewig gleichen "Maßnahmen" seitens der lieben Studenten? Das ist die Frage, der man sich stellen muss, und zwar allerseits. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es Studenten mitunter richtig schwer haben, ihr Pensum zu erfüllen, dank systematischer Ungereimtheiten. Und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass es mitunter arg teuer werden kann, selbst ohne bequemes Langzeitstudium, welches heutzutage immer noch gern in Anspruch genommen wird. Aber was ist die Konsequenz daraus? Ewig gleiche Proteste, Kundgebungen, Reden, Hörsaalbesetzungen, usw.? Warum lässt man sich nicht mal etwas anderes einfallen? Oder sind die Kräfte schon so sehr vom Egozentrismus aufgebraucht, dass es gerade noch für einen Protest aus der Retoure reicht? Zudem ist auch Realität, dass zu wenig (inhaltlich gehaltvolle) Kommunikation seitens der "Bildungselite" dieses Landes betrieben wird. Ein paar schöne Auswürfe kann man in der Fotostrecke nachvollziehen, das ist aber noch bei Weitem nicht das Ende der Fahnenstange. Wenn sich der Bildungsminister von Thüringen bei einer Ansprache gefallen lassen muss, nicht ausreden zu können und mit Tomaten und Eiern beworfen zu werden, möchte man manchem Demonstranten doch die Frage nach seinem doch sehr eigenen Verständnis von Demokratie stellen. Wo wir beim nächsten Punkt wären... Der oben schon angesprochene, krampfhafte Versuch, sich in der "Mitte" zu positionieren. Hier fängt für mich der größte Betrug an. Wie im Artikel (leider erst am Schluss) schon angerissen wurde... Geht es wirklich darum, jedem die gleichen Chancen zu geben? Oder doch nur darum, bereits bestehende, quasi in die Wiege gelegte Strukturen aufrecht zu erhalten? Der deutsche Wutbürger in seiner Ellenbogenmentalität, nur, weil die "Altlasten" mal wieder Scheiße gebaut haben? Im Artikel wurde es bereits zaghaft angesprochen. Warum wird nicht stattdessen die Chance genutzt, im systematischen Irrsinn ordentlich zu entrümpeln? Die Möglichkeit besteht. Bis das nicht geschieht, werde ich auch nur noch müde abwinken. Grüße, Konstantin
Ylex 21.03.2011
3. Man mag sich das Elend gar nicht mehr angucken
Zitat: "Die Studenten sind an den Bildungschancen der Unterklasse nicht interessiert" Weil sie sich entpolitisiert haben – der Prozess begann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, er läuft also schon seit einem Vierteljahrhundert, und er hat die Studentenschaft zu einer grauen Masse von Strebern werden lassen. Die Scheuklappen sind fest an den Ohren montiert, sie versperren auch während des Studiums zuverlässig den Blick auf die gesellschaftlichen Widersprüche, derer sich angehende Akademiker eigentlich besonders bewusst sein müssten. Aber ihnen geht es nur um Scheine, um Scheine und dann um den großen Schein, um die Eintrittskarte für die schöne, neue Welt. Der moderne Student ist bürgerlich, er denkt asozial. Wenn es um universitäre Belange geht, die auch ihn betreffen, muckt er ein bisschen auf, doch dann büffelt er gleich weiter bis zum Blackout. Der Lehrbetrieb erinnert an mich Massenviehhaltung mit garantiertem intellektuellen Masterfolg nach Schema F – man mag sich das Elend gar nicht mehr angucken.
Denseman 21.03.2011
4. aber echt
Zitat von YlexZitat: "Die Studenten sind an den Bildungschancen der Unterklasse nicht interessiert" Weil sie sich entpolitisiert haben – der Prozess begann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, er läuft also schon seit einem Vierteljahrhundert, und er hat die Studentenschaft zu einer grauen Masse von Strebern werden lassen. Die Scheuklappen sind fest an den Ohren montiert, sie versperren auch während des Studiums zuverlässig den Blick auf die gesellschaftlichen Widersprüche, derer sich angehende Akademiker eigentlich besonders bewusst sein müssten. Aber ihnen geht es nur um Scheine, um Scheine und dann um den großen Schein, um die Eintrittskarte für die schöne, neue Welt. Der moderne Student ist bürgerlich, er denkt asozial. Wenn es um universitäre Belange geht, die auch ihn betreffen, muckt er ein bisschen auf, doch dann büffelt er gleich weiter bis zum Blackout. Der Lehrbetrieb erinnert an mich Massenviehhaltung mit garantiertem intellektuellen Masterfolg nach Schema F – man mag sich das Elend gar nicht mehr angucken.
so siehts aus!!! nehmen wir z.B. die wissenschaftrichtung, die sich eigentlich massivster kritik bis hin zur grundlegenden reform der grundannahmen und damit aller weitergehenden inhalte ausgesetzt sehen müsste: die wirtschaftswissenschaften. diese sog. "wissenschaft" wird in den gigantischen, normativen auswirkungen die ihr inhalt auf die gesellschaft hat völlig unterschätzt und gerade dort findet man die unkritischsten studenten, die man allerdings auch in schutz nehmen muss, da sie gerade an den volluniversitäten von beginn an durchgehend mit endlosen rechentiraden von den eigentlichen grundaussagen des erlernten wirkungsvoll ferngehalten werden und sich die ganze disziplin wie eine naturwissenschaft gibt. was es braucht ist ein protest gegen die inhalte - zumindest in den geistes- und sozialwissenschaften. bei echten naturwissenschaften liegt das natürlich ein wenig anders.
harrold, 21.03.2011
5. Es gibt Gründe
Zitat von YlexZitat: "Die Studenten sind an den Bildungschancen der Unterklasse nicht interessiert" Weil sie sich entpolitisiert haben – der Prozess begann in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, er läuft also schon seit einem Vierteljahrhundert, und er hat die Studentenschaft zu einer grauen Masse von Strebern werden lassen. Die Scheuklappen sind fest an den Ohren montiert, sie versperren auch während des Studiums zuverlässig den Blick auf die gesellschaftlichen Widersprüche, derer sich angehende Akademiker eigentlich besonders bewusst sein müssten. Aber ihnen geht es nur um Scheine, um Scheine und dann um den großen Schein, um die Eintrittskarte für die schöne, neue Welt. Der moderne Student ist bürgerlich, er denkt asozial. Wenn es um universitäre Belange geht, die auch ihn betreffen, muckt er ein bisschen auf, doch dann büffelt er gleich weiter bis zum Blackout. Der Lehrbetrieb erinnert an mich Massenviehhaltung mit garantiertem intellektuellen Masterfolg nach Schema F – man mag sich das Elend gar nicht mehr angucken.
Stimmt. Aber es gibt auch Gründe dafür, und die liegen bei der Generation darüber, beim Neoliberalismus, der systematisch und geradezu hypnotisierend-suggestiv die Gesellschaft systematisch zersetzend brunnenvergiftend hier für das Genannte gesorgt hat; die Kampagne mit der Verdummungsformel "Du bist Deutschland" ist ein Beispiel, die mediale, öffentliche asoziale, salobfähig gemacht wordene Hartz4-Hetze ein weiteres, wie soll man sich als einzelner, auch Student, dagegen wehren geschweige denn erkennen, was hier betrieben wird, zumal man als das begann in den 90ern ja noch gar nicht volljährig und bewußt war. Es haben sich quer durch die Führungspersönlichkeiten der Gesellschaft waschechte Nazis eingenistet, die seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten ihr Geschäft betrieben haben. Das war in den 60ern vielleicht analog, aber anders.
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