Ferkeleien-Ausstellung Mit dem Schwein auf Rüsselhöhe

Ob Glücks- oder Charakterschwein, Rampen- oder Dreckssau, Sex-Ferkel oder geiler Keiler: Solche Redensarten sammelt Dagmar Schmauks als Beutestücke und bringt sie auch Berliner Studenten näher. In einer Ausstellung präsentiert die Professorin das Ergebnis ihrer Forschungen - Schweine in allen Lebenslagen.

Von Jürgen Schulz


Schweinchen schlau: Kann Physik und Computerspiele
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"Wer vom 'Drecksschwein' spricht oder vom 'Schwitzen wie die Schweine', der versteht das Tierverhalten falsch", sagt Dagmar Schmauks. Die Professorin für Zeichentheorie an der Technischen Universität (TU) sitzt in ihrem Büro im luftigen 18. Stock mit Berlin-Überblick, erzählt von ihren erdverbundenen Lieblingstieren und rückt so manchen Spruch gerade.

Von wegen Drecksschwein und Schwitzen: Schweine hätten keine Schweißdrüsen und suhlten sich im Matsch, um die Haut zu kühlen und sich vor Parasiten zu schützen - eine rein hygienische Maßnahme also. "Diese Redensarten sind unsinnig, aber sie sind natürlich nicht einfach abzuschaffen. Wir reden ja auch immer noch von der Sonne, die aufgeht, obwohl wir wissen, das ist falsch", sagt die Wissenschaftlerin.

Ein bisschen Schwein muss sein

Zwar bedeuten Schweine für die 54-Jährige Hobby und Leidenschaft, aber sie sind auch Forschungsobjekt: Wie werden Schweine in Comic, Redensart, Schlagzeile und als Figuren dargestellt? Und warum? Eine Ausstellung im Deutschen Schweinemuseum in Teltow-Ruhlsdorf südlich von Berlin gibt nun bis Januar Auskunft - Schmauks hat die Schau konzipiert. Titel: "Die Lust, ein Schwein zu sein".

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Ferkeleien-Ausstellung: Mit dem Schwein auf Rüsselhöhe

Was lustvoll am Dasein der grunzenden Wutz ist, dürfen auch die Studenten von der Schweine-Semiologin im Aufbaustudiengang Semiotik erfahren. Hier finden sich Geographen, Literaturwissenschaftler, Designer oder auch Kartographen zusammen. Beim Thema Schwein geht es darum, in welcher Weise die Borstentiere vereinfacht dargestellt und dennoch mühelos verstanden werden können - etwa in der Werbung oder in Kinderbüchern.

Hat eine besondere Passion: Professorin Schmauks
Pressestelle TU Berlin / Boeck

Hat eine besondere Passion: Professorin Schmauks

"Die Schweine kommen immer gut an. Das ist eben viel konkreter als etwa Mariendarstellungen im späten 14. Jahrhundert", freut sich Schmauks und ergänzt: "Die Beispiele sind griffig, anschaulich und witzig, weil es auch viele deutsche Comiczeichner gibt. Zudem kann jeder an Alltagserfahrungen anknüpfen - das Wildschwein ist in Berlin ja sehr präsent."

Diese neue Nähe zum Wildschwein in der Großstadt dürfte langfristig auch unsere Sprache prägen, meint die Semiologin. Zumindest hat die Nähe des Menschen zum Haustier Schwein über die Jahrhunderte für viele positive Bezüge gesorgt. Die Redensart "Schwein gehabt" etwa geht auf frühe Lotterien zurück, bei denen der letzte Gewinner ein Ferkel bekam - als Trostpreis.

Ein Schwein zeichnen kann jeder

Glücks- und Sparschwein indes entstanden, weil Schweine schon im Mittelalter Wohlstand garantieren konnten: Sie waren als Allesfresser günstig zu halten und sehr vermehrungsfreudig. Auch die Ähnlichkeit von Mensch und Schwein war ein Kriterium: "Schweine sind Allrounder, sehr intelligent, flexibel und darin dem Menschen sehr ähnlich, auch physiologisch", sagt Dagmar Schmauks.

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Zudem trug die Kürze der Worte "Sau" und "Schwein", die sich auf viele Wörter reimen lassen, zur Verbreitung der Bezüge aufs Schwein bei - wie auch die problemlose Darstellung. Denn Schweine lassen sich auf wesentliche Merkmale reduzieren und stilisieren: walzenförmiger Körper, säulenartige Beine, Ringelschwanz, massiver Kopf, kein Hals, Rüsselscheibe, Schweinsäuglein. Das macht sie beliebt bei Comic-, Bilderbuch- oder Werbezeichnern. Und die Stimmung des Schweins kann durch den Ringelschwanz sowie hochgestreckte oder hängende Ohren und Schwanz leicht gezeigt werden.

Schweinerei: "Sie dürfen, was wir nicht dürfen"

Wenn Dagmar Schmauks die Zeichen der Schweine erforscht, steht ein weiterer Punkt im Vordergrund: Was zeigt sich in Schweinedarstellungen über unser Denken? Warum etwa sind die negativen Bezüge auf Schweine neben dem Wälzen im Dreck oft im sexuellen Bereich angesiedelt? "Die Schweine paaren sich eben gerne und kriegen zudem viele Ferkel", erklärt die Professorin. Sie betreiben Schweinereien.

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Laut Schmauks kommt hier die klassische Freudsche Triebtheorie zur Geltung: "Wir haben bestimmte Wünsche, und die projizieren wir dann auf die Schweine. Die dürfen das, was wir aufgrund von Tabus oder Erziehung nicht derart ausschweifend dürfen." Daher rühre auch der Spruch "die Sau rauslassen". Es geht um das, was unter der Oberfläche brodelt und gern raus möchte - die Sau.

Und die kann auch beim feisten Mahl ans Licht wollen. Die Gretchenfrage, ob sie auch Schweinefleisch esse, bejaht die Semiotik-Dozentin. "Das ist durchaus ein Problem, aber ich kaufe in einem Hofladen. Für mich ist das Kriterium, ob das Tier, bevor es auf meinen Teller kommt, schweinisch leben durfte."



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