Festival-Crew Klassentreffen mit Rockstars

Einmal Rock'n'Roll und zurück: Ein Team von Studenten, Azubis und Profis organisiert jedes Jahr das Headshrinker-Festival. Sie erleben, wie man sich so als Rockstar auf Tour fühlt - und was man tun muss, wenn verpeilte Punkmusiker aus Brasilien zu lange zocken.

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Am langen Holztisch im "Steinebacher" sitzen gut 20 junge Menschen und planen ein Rockfestival. Sie besprechen, wer für Bühnenumbau und Küche zuständig ist, doch die wichtigste Lektion für die nächsten Stunden sind Verhaltensregeln für die Fahrt im Nightliner. Tobias Bartelmus, 27, Organisator des Headshrinker-Festivals, beschränkt sich auf zwei einfache Regeln: "Nicht scheißen und Füße nach vorn" – denn wer andersrum schläft, hat nach plötzlichen Bremsmanövern Kopfschmerzen.

Was bei Bier und Schnitzel wie das ausgelassene Teamer-Treffen einer Ferienfreizeit wirkt, ist die Vorbereitung auf zwei anstrengende Festival-Tage in Erfurt und München unter professionellen Bedingungen. Als Hauptband spielen "The Bishops"; das britische Indie-Rock-Trio feierte gerade seinen Durchbruch mit der Single "The only place I can look is down".

Britpop in der Sintflut

"Auf einen großen Erfolg!", prostet Corinna den Teams für Bühne, Küche und Kasse zu. Die Islamwissenschaften-Studentin ist Tobias’ Schwester und war bei allen sieben Headshrinker-Festivals seit 1999 dabei. "Wer einmal infiziert ist, kommt immer wieder", erklärt sie, warum die Helfer ehrenamtlich bis tief in die Nacht arbeiten: Sie wollen kein Geld verdienen, sondern Rock’n’Roll erleben. Denn wer zwei Nächte im Nightliner unterwegs ist, darf sich auch selbst ein bisschen wie ein Rockstar auf Tour fühlen.

"Es geht darum, zusammen etwas auf die Beine zu stellen", sagt Corinna. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass sich die Clique aus Schulzeiten wieder trifft. Die meisten Helfer stammen aus der Umgebung von Steinebach im Süden von München, sind aber für Studium oder Praktika nach Hamburg, Berlin und München gezogen.

Im Juni 1999 organisierte Tobias das erste Headshrinker-Open-Air in Andechs, ein Jahr später lud er als Hauptband Snow Patrol ein. Als die Bühne am Ammersee gegen Mitternacht im Schlamm sintflutartiger Regengüsse versank, musste die noch völlig unbekannte schottische Gruppe im Catering-Zelt ohne Bühne spielen - wo etwa 100 völlig durchnässte Besucher jede Songzeile euphorisch feierten. Als Snow Patrol Jahre später in einem Interview gefragt wurden, wie das eigentlich vor den Nummer-Eins-Hits und ausverkauften England-Tourneen war, erzählte Sänger Gary Lightbody von der unvergleichlichen Atmosphäre eines kleinen Festivals am Seeufer in Bayern.

Bald darauf begann Britpop-Fan Tobias eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann und reist seitdem mit opulent ausgestatteten "Aida"- und "Carmina Burana"-Produktionen zu den größten Hallen in Rio de Janeiro, Mexico City oder Abu Dhabi. Sein eigenes Festival ist eine willkommene Abwechslung, weil er hier die Musik präsentieren kann, die er selbst gern hört.

Mit Reiseführer und Videokamera

Draußen vor der Dorfkneipe fahren gegen Mitternacht zwei silberne Doppeldecker-Busse mit abgedunkelten Fenstern vor, mobile Hotels mit je 18 Betten, für die nächsten zwei Tage der Schlafplatz für Organisatoren und Bands. Die wuchtigen Fahrzeuge wollen kaum zur bayrischen Provinz-Szenerie am verschneiten Parkplatz in Steinebach passen. Verladen werden Schlagzeuge, Verstärker und Küchenzubehör, außerdem zehn Kästen Augustiner, ein paar Flaschen Gin, Bacardi und Campari. Auch wenn die Busse schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben ("Tokio Hotel würden mit sowas nicht mehr fahren", sagt Tobias), werfen viele Helfer ehrfürchtige Blicke auf die Nightliner.

Auch die vier Punkmusiker der brasilianischen Band Supergalo waren bisher nur in kleineren Fahrzeugen unterwegs und sind zum ersten Mal in Deutschland. Sänger Alf hält einen Europa-Reiseführer und eine Videokamera in der Hand. Nach dem Headshrinker spielt Supergalo noch in Berlin, Prag und Aachen. Zwei der Musiker bekamen die Flugtickets von Sao Paolo nach Frankfurt gesponsert, weil Tobias ein paar Briefe an Regierungsorganisationen über Kulturaustausch, gelungene portugiesische Texte und Marktchancen in Deutschland schrieb.

Im zweistöckigen Bus gibt es mehrere Sitzecken, eine Küchenzeile und ein enges Klo, am Spiegel ein Zettel mit der Aufschrift "Please sit down for any kind of business, otherwise Scheisse". Die gewundene Treppe führt zu Schlafräumen mit überraschend bequemen Betten. Über jedem hängt ein Namensschild, damit nicht der Falsche geweckt wird, wenn der Koch morgens als Erster aufstehen soll.

Led Zeppelin zum Frühstück

Draußen zieht Bayerns Schneelandschaft vorbei, auf zwei DVD-Monitoren laufen Snow-Patrol-Videos. Man stößt auf die kommenden Herausforderungen an, gegen vier Uhr klettern die letzten in die Schlafkojen. Dürfte ein langer Tag werden in Erfurt. Zum Rauschen der Lüftung und dem hochtourigen Surren des Motors wiegen regelmäßige Bodenwellen die Passagiere in den Schlaf.

Erster Festival-Tag in Erfurt: Damit beim Frühstück auch alle wach werden, lärmt "Whole lotta Love" von Led Zeppelin in Clublautstärke aus den Boxen. Den ganzen Tag über geht es in den Backstageräumen hektisch zu. Koch Till bereitet mit zwei Helferinnen für mehr als 60 Hungrige Currysuppe, Pasta und ein kaltes Buffet zu, mit Funkgeräten organisiert die Crew die Lichttechnik und Soundchecks auf den beiden Bühnen.

Doch statt der erhofften 600 Gäste kommen heute nur etwa 150 zum Headshrinker-Festival. Selbst bei den vor Energie überquellenden Supergalo und den in Anzug und Krawatte meisterhaft rockenden Bishops will der Funke nicht so recht ins Publikum überspringen. Die Stimmung ist gedämpft. Lag es an der Werbung, war die Halle zu groß, interessieren sich die Erfurter nicht für Indie-Rock? Man ist sich einig: In München wird alles besser. Bis spät in die Nacht werden Kisten verladen, und als ein roter Kleinwagen die Bus-Ausfahrt versperrt, klärt die komplette Crew das in routinierter Roadie-Manier - und schiebt ihn zur Seite.

Paris statt München

In München beginnt der Tag chaotisch: Zwei der Supergalos sind einfach im Nightliner liegen geblieben, keiner hat's gemerkt. Vielleicht hätten sie nicht bis sechs Uhr morgens brasilianische Kartenspiele zocken sollen. Als die Bandkollegen sie vermissen, sind sie schon auf der Autobahn in Richtung Paris. Der Fahrer muss umkehren und die beiden Brasilianer abliefern – die selig schlummernd von der ganzen Aufregung nichts bemerkt haben und sich wundern, dass sie als einzige an der Muffathalle aussteigen.

Dort kämpfen Tobias und seine Helfer schon mit dem nächsten Problem: Der Bishops-Manager ruft an und schimpft, sie kämen nicht ins Hotel, angeblich ist das Zimmer nicht bezahlt. Leider kennt nur einer der Organisatoren das Hotel, und der hat gestern sein Handy verloren und kauft gerade Getränke in der Stadt. Dann können die Musiker endlichdoch in ihre Zimmer, zum Glück sind es noch einige Stunden bis zum Auftritt.

Das Konzert ist besser besucht als am Vortag, schon um halb acht ist bei der ersten Band Treiber die kleine Halle gut gefüllt. Über 500 Zuschauer lassen die geringe Resonanz vom Vortag vergessen. Gitarrist Marcelo von Supergalo läuft mit leuchtenden Augen durch die Hallen: "The girls are so beautiful in München!" Später, beim Auftritt der Brasilianer und vor allem bei den Bishops, sieht man mehr und mehr Feiernde in den schwarzen Crew-T-Shirts vor der Bühne. Der Stress und die kurzen Nächte sind vergessen, die Helfer feiern die Bands.

Ein bisschen feiern sie auch sich selbst. Wer einmal infiziert ist, kommt immer wieder.


Livetermine Supergalo: 5.1. Berlin, Wild at Heart; 12.1. Aachen, AZ

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