Fiese Werbung Das Böse ist immer und überall

Designstudenten der Bauhaus-Universität Weimar geben sich garstig - sie gestalteten provokative Werbekampagnen. SPIEGEL ONLINE zeigt eine Auswahl ihrer Ideen. Achtung! Nur für Freunde des tiefschwarzen Humors.

Von Julia Maria Bönisch


Logo der "Nationalen Schutzpartei der Deutschen Rassehunde": Reiner Hund auf braunem Grund
Bauhaus-Universität Weimar

Logo der "Nationalen Schutzpartei der Deutschen Rassehunde": Reiner Hund auf braunem Grund

"Ich mag Böses", bekennt Werner Holzwarth freimütig. Der Professor für Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar hat schnell eine Antwort parat, warum er sich ausgerechnet mit der dunklen Seite des Menschen beschäftigt: "Ich wollte mir nicht immer vom amerikanischen Präsidenten sagen lassen müssen, wo die Achse des Bösen verläuft. Das wollte ich lieber selber herausfinden."

Holzwarths Spezialgebiet ist Provokation in der Werbung. Seine Studenten forderte er auf, ihre bösesten Ideen umzusetzen. Was dabei herauskam, dürfte den meisten Firmen zu hart sein für echte Werbekampagnen. Oder würde ein Bettwäschefabrikant eine Serie für Todkranke etwa mit aufgedrucktem Haltbarkeitsdatum vermarkten?

Um das Böse zu fassen, verschickte Holzwarth zudem einen Fragebogen an 500 Prominente. Mit Hilfe zweier Statements - "Das Böse ist für mich ... " und "Wenn ich es personifizieren müsste, wäre es ..." - sollten Sportler, Politiker und Schauspieler sich mit dem Thema auseinandersetzen.

"Der Mensch is a Sau"

Von den 500 Promis antworteten immerhin 200 - aber allesamt politisch höchst korrekt. Einen Platz auf der Hitliste des Grauens fanden weder politische Gegner noch unliebsame Konkurrenten, nicht einmal Journalisten von der Yellow-Press. Stattdessen belegen Diktatoren und Mörder die vorderen Ränge, von Hitler bis Stalin, von Pol Pot bis Dschingis Khan. Und Charles Brauer, der früher als Kommissar Brockmüller im NDR-Tatort zu sehen war, stellt ganz allgemein fest: "Der Mensch is a Sau!"

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Die Werbekampagnen: Zuckersüße Ehrlichkeit

Für manche Absagen hatte Holzwarth volles Verständnis. So antwortete etwa der Pressesprecher von Radprofi Jan Ullrich: "Da Herr Ullrich ein positiv denkender Mensch ist, möchte er zu dem Thema 'Das Böse' kein persönliches Statement abgeben." Schließlich stand "Ulle" zu dieser Zeit kurz vor der Tour, abgründige Gedanken kommen da nicht so gut.

Tiefere Erkenntnisse konnte Holzwarth aus seiner Befragung nicht gewinnen. Die Werbekampagnen seiner Studenten dagegen überzeugten ihn auf Anhieb. "Die Ergebnisse sind besser als alle meine Erwartungen", sagt er. "Deshalb wurden wir ja auch zur Art Frankfurt eingeladen."

Auf der Kunstmesse konnten die Studenten ihre Projekte präsentieren. Die Reaktionen fielen fast ebenso extrem aus wie die Kampagnen selbst: Von Euphorie über harsche Kritik bis zu Empörung bekam die Gruppe alles zu hören, erzählt der Dozent. Für die meiste Aufregung habe die Reklame für den fiktiven Verein "Revital e.V." gesorgt. Slogan: "Für ein greisfreies Deutschland".

"Der Tod lässt jeden einmal geh'n,
er ist massiv und wunderschön"

Inspiriert von Diskussionen über das Methusalem-Komplott und die überalternde Gesellschaft plante die Studentin Antje Gerwien die "Aktion greisfrei": Als Logo wählte Gerwien eine Pyramide, die im Gegensatz zur Alterspyramide diesen Namen auch verdient. Um "Revital" auch unter Senioren bekannter zu machen, entwarf sie außerdem ein Gewinnspiel, etwa für die Rückseite von Gebissreiniger-Packungen: "Der Tod lässt jeden einmal geh'n, er ist massiv und wunderschön. Gewinnen Sie einen Massivholz-Sarg aus echter Eiche! Einfach Coupon ausfüllen und an Revital e.V. senden!"

Als kleines Werbegeschenk gestaltete sie eine "Revital"-Tragetasche: Hebt man die Tasche hoch, so ziehen sich ihre Henkel als Schlinge um den Hals einer gütig dreinblickenden älteren Dame. "Diese Kampagne war offensichtlich zu hart für einige der Besucher", sagt Holzwarth. "Hier schien bei manchen die Grenze des Humors erreicht."

Für Lacher habe dagegen das kleine Souvenir der Anna-Amalia-Bibliothek gesorgt. Die Bibliothek in Miniaturformat aus Wachs ist auch Holzwarths Lieblingsstück. "Sie spielt so schön mit der jüngeren Geschichte", so der Professor - im Dachstuhl des fürstlichen Hauses steckt ein langer Docht.

Schräge Kunstaktionen haben an der Bauhaus-Universität schon Tradition. 2003 machten Designstudenten Deutschland-Inventur und gestalteten Plakate zum "Land der Dieter und Denker". 2004 entwarfen sie für den Weißen Ring eine drastische Kampagne gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt in der Familie. Und zum letzten Weihnachtsfest bot die Universität arme Kunststudenten zur Adoption feil - mit den Patenschaftsmodellen "Business", "Economy" und "Proviant".

Vor vier Jahren sorgten Weimarer Studenten für großes Aufsehen mit einer Performance im Schloss von Gloria von Thurn und Taxis, die sich zuvor in einer Talkshow über die sexuelle Hemmungslosigkeit des Afrikaners an sich (O-Ton: Der "schnackselt gern") ausgelassen hatte: Ein Musiker als "Reichshauptschnackselführer" wollte der Fürstin das "Mutterkreuz in Bronze" und den "Schnacksel-Orden" am Band überreichen.

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