Filmfestival "Sehsüchte" Scherenschnitt trifft Schuhplattler

Bei den "Sehsüchten", dem größten Studentenfilmfestival Europas, zeigten junge Talente 120 Streifen. Diesmal im Mittelpunkt: Filme aus China mit Mut zu Experimenten. So bewegt der verspielte Dreiminüter "Tree" Papierfiguren per Computer, und das zu Schuhplattler-Musik - zu sehen bei SPIEGEL ONLINE.

Von Steffen Hudemann


Angereist aus China: Studenten Maotao (l.), Yu Shui
Steffen Hudemann

Angereist aus China: Studenten Maotao (l.), Yu Shui

Maotao sitzt auf einem tiefen, blauen Sessel vor der Leinwand eines Potsdamer Kinos. Zwei weitere Filmstudenten und drei Professoren haben auf dem Podium neben ihm Platz genommen. Zwei Tage haben die Chinesen auf dem studentischen Festival "Sehsüchte" ihre Filme vorgestellt, als letzter Punkt steht eine Diskussion mit dem Publikum auf dem Programm. Das Mikrofon kreist. Maotao schaut etwas unsicher. Gerade hat Ye Lisha, die Studentin neben ihm, in fehlerfreiem Englisch über ihre Arbeit gesprochen. "Ich werde lieber auf Chinesisch antworten, damit meine Gedanken richtig verstanden werden", sagt Maotao auf Englisch.

Seine Generation ist der westlichen Welt so nah wie keine vor ihr. Maotao versteht Englisch, er spricht es auch. Aber er ist zum ersten Mal bei einem internationalen Festival, er ist überhaupt zum ersten Mal im Ausland, und das Thema ist ihm wichtig. Denn die Diskussion dreht sich um die Zukunft des chinesischen Kinos. Um Menschen wie Maotao.

Der 22-Jährige ist aufgewachsen in der Provinz Shanxi und studiert Film an der Communication University of China (CUC) in Peking, der mit 24.000 Studenten größten Medienhochschule der Welt. Die Organisatoren der "Sehsüchte", die ihn eingeladen haben, sind selbst Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg. In diesem Jahr läuft das Festival zum 34. Mal. Früher hieß es "FDJ-Studentenfilmtage". Der Name hat sich längst geändert, das Ziel ist gleich geblieben: Die Sehsüchte sollen einen Einblick in die Möglichkeiten und die Ideen studentischer Filmemacher aus aller Welt geben - oder, wie Schauspieler und Jurymitglied Ulrich Matthes es ausdrückt, einen "tollen Überblick über das Gefühl der Zeit".

Erstmals hat das Festival in diesem Jahr einen regionalen Schwerpunkt. 17 der insgesamt 120 Filme stammen aus China. "The Tree" heißt der dreiminütige Animationsstreifen, den Regisseur Maotao aus Peking mitgebracht hat. Die Hauptrollen spielen ein Bauer, seine Pflanzen und seine Tiere. Die Figuren entstammen dem chinesischen Scherenschnitt, einer 1500 Jahre alten, besonders in ländlichen Regionen populären Kunst. Zum Neujahrsfest basteln die Menschen in Shanxi diese Papierfiguren und hängen sie in ihre Fenster. Auf der Kinoleinwand haucht Maotao den Figuren Leben ein.

Der Film ist im Rahmen eines Projekts zwischen der HFF Potsdam und der Pekinger Medienhochschule entstanden. Das erklärt auch die ungewöhnliche Musik, mit der Maotao seinen Clip unterlegt hat: einem oberbayerischen Schuhplattler der "Original Dachauer Bauernkapelle" von 1908 und einem Tegernseer Landler des "Schwarz-Trios" von 1931.

Scherenschnittfiguren, die sich computeranimiert zu einem Schuhplattler bewegen - was absurd klingt, zeigt die Bereitschaft der chinesischen Filmstudenten, sich auf Unbekanntes einzulassen, ohne die eigenen Ursprünge zu vergessen. "Ich möchte chinesische Traditionen mit Neuem verbinden", sagt Maotao. "Vielleicht macht das nächste Mal ein Bayer einen Film mit chinesischer Musik."

Ein Land im rasanten Wandel

Auf diesen Effekt hofft auch Ulrich Weinberg. Er ist Professor an der HFF Potsdam und hat die Kooperation beider Filmhochschulen initiiert. "Die Filme aus China haben eine andere Bildsprache", sagt Weinberg. "Sie sind experimenteller als die im Westen. Das ist für mich ein Zeichen der Öffnung des Landes."

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Einige Filme sind ähnlich verspielt und bunt wie "The Tree", andere zeichnen ein kritisches Bild des sich rasant verändernden Landes. Die Studentinnen Ye Lisha und Mingming Yang zeigen in ihrem Dokumentarfilm "Pipa's Girl Story", wie sie und ihre Freundinnen in Hotels und Restaurants Tischmusik für wohlhabende Chinesen spielen, um sich ihr Studium zu finanzieren. Am Ende des Films sagt Ye Lisha: "Die reichen Leute benehmen sich manchmal sehr schlecht. Sie wissen nichts über die Musik, die wir spielen. Alles, worüber sie Bescheid wissen, ist Geld."

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich in China zusehends. Darum geht es auch in "Fucked Life" von Yu Shui. Der Film, dessen Story ein wenig an "Lola rennt" erinnert, zeichnet ein Bild vom modernen Peking, fernab der Touristenattraktionen. Yu Shui erzählt von Menschen aus der Vorstadt, von Bettlern und von Popstars, die in edlen Restaurants speisen und deren größte Sorge es ist, das Flugzeug nach New York zu verpassen.

Das chinesische Publikum liebt Trickflime

"Es war mir wichtig zu zeigen, dass es in Peking beides gibt: Millionäre und Bettler", sagt Yu Shui. Und Ye Lisha ergänzt: "China entwickelt sich unglaublich schnell. Diesen Prozess wollen wir mit unseren Kameras einfangen."

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Den meisten Filmen gelingt das, auch wenn in diesem Jahr keiner der mit 28.500 Euro dotierten Preise nach China geht. Den Hauptpreis teilen sich am Ende das Beziehungsdrama "Be'einaim atsumot" ("Whatever it takes") des israelischen Regisseurs Adi Halfin und "Un Viaje" der Mexikanerin Gabriela Monroy, ein Film über eine U-Bahnfahrt eines Vaters mit seinem autistischem Sohn.

Die Kooperation zwischen Peking und Potsdam soll auch nach Ende des Festivals bestehen bleiben. Ulrich Weinberg plant für dieses Jahr eine Sommerakademie in China. Und Maotao und Yu Shui hoffen darauf, einmal Filme für ein größeres Publikum in ihrem Heimatland drehen zu können.

Seit die Marktwirtschaft in China Einzug gehalten hat, ist Arbeitslosigkeit ein wachsendes Problem, auch für Akademiker. Trickfilmer haben Glück. Sie treffen auf einen wachsenden Markt. Das chinesische Publikum liebt Trickfilme. Doch obwohl der chinesische Animationsfilm eine lange Geschichte hat, kommen die meisten Filme in den Kinos in Shanghai und Peking immer noch aus Japan oder dem Hause Disney.

Das wird sich ändern, glaubt Maotao. Wenn er Recht hat, wird er gebraucht.




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