Finale beim Trampen nach Osten Ich möcht' zurück auf die Straße

Eine Woche lang trampten zehn Leipziger Studenten kreuz und quer durch Osteuropa. Hotels und Jugendherbergen waren tabu und die jungen Journalisten ganz auf Zufallsbekanntschaften angewiesen. Nun sind sie gut gelaunt zurück - und dachten bei der Abschlussparty bereits an ihre nächsten Touren.


Überlebte selbst Kahlschlag-Friseurin: Tramperin Anna (rechts)
Juliane Schönherr

Überlebte selbst Kahlschlag-Friseurin: Tramperin Anna (rechts)

"Am Anfang war es schon komisch, den Daumen raus zu halten und Autos zu stoppen", findet Susann Blum, "aber mit der Zeit hat man sich daran gewöhnt." Eine Woche lang war die 22-Jährige gemeinsam mit Anna Driftmeier in Tschechien und der Slowakei unterwegs. Weitere vier Teams haben das Baltikum, Slowenien, Polen sowie Ungarn erkundet. "Am Schwierigsten war es, die Leute zu fragen, ob wir bei ihnen schlafen können. Das hat viel Überwindung gekostet, aber Hotels oder Jugendherbergen waren für uns tabu", sagt Susanne.

Dieses Verbot gehörte zur Abmachung zwischen den Trampern. Sie wollten den jeweiligen Landesbewohnern möglichst nahe kommen, um spannende Geschichten zu entdecken. Die Idee zur Aktion "Trampen nach Osten" entstand beim Radio der Universität Leipzig, mephisto 97.6, bei dem alle zehn Tramper mitarbeiten. "Wir wollten herausfinden, wie die Menschen in Osteuropa wirklich sind, was sie denken und fühlen", so Anna Driftmeier, Chefredakteurin des Senders. "Das ist uns leichter gefallen, weil wir gezwungen waren, auf die Leute zuzugehen."

Geholfen hat den Teams die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft vieler Osteuropäer. "Ich war wirklich überrascht", sagt Katharina Schäder. Sie war in Slowenien unterwegs. "Ich bin eigentlich ein schüchterner Mensch und verlasse mich lieber auf mich selbst. Es war eine schöne Erfahrung, dass man sich auch auf wildfremde Menschen verlassen kann." Nur selten musste eines der Teams im Freien übernachten, weil es keinen Schlafplatz gefunden hatte.

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Die Tramper in den Osten: "Ein bisschen verrückt sein muss man schon"

"Mein schönstes Erlebnis hatte ich in einem kleinem polnischen Dorf", berichtet Antje Glück, "dort sind wir bei einer Familie untergekommen, die uns fast als Kinder adoptiert hat. Die waren richtig herzlich, haben sich rührend um uns gekümmert, und zum Schlafengehen gab es innige Umarmungen." Ähnliches haben auch die anderen Tramper erlebt. So wurden Markus Brückner und Daniel Frick im ungarischen Szekszárd mit Fischsuppe verwöhnt, Jeffrey Weiß und Timo Gramer durften trotz der kleinen Wohnung bei der Familie eines Fernfahrers schlafen.

Eher verschlossene Balten

"Diesen Fernfahrer haben wir richtig gut kennen gelernt", erzählt Jeffrey Weiß, "ansonsten waren die Letten, Esten und Litauer eher verschlossen. Es dauerte, bis sie auftauten und von sich erzählten. Das hätte ich mir einfacher vorgestellt." Vor allem die Litauer seien fast schon feindselig gewesen. Ihn habe überrascht, wie verschieden die drei Völker sind. "Sie sehen sich vor allem nicht als Balten, sondern eher als Esten, Litauer oder Letten. Sie sind noch nicht lange unabhängig von der Sowjetunion und betrachten den EU-Beitritt mit Sorge." Besonders groß sei die Angst vor einem Identitätsverlust und vor steigenden Preise.

Daumen raus: Katharina und Karolin

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Solche Sorgen hat Daniel Frick in Ungarn kaum entdeckt: "Die Ungarn wollen die EU, ihnen scheint das als Viel-Völker-Staat auch leichter zu fallen." Anders sei das beim Nachbarland Rumänien, das bei der nächsten Erweiterungsrunde 2007 mit dabei sein soll. "Die Menschen dort träumen zwar auch vom Wohlstand der EU, sind aber sehr resigniert. Die Armut ist groß, genauso wie die Korruption." Deshalb sähen die Rumänen keine Chance im EU-Beitritt.

Den Slowenen geht es wirtschaftlich gesehen viel besser. "Die Menschen sind sehr engagiert, arbeiten viel und lernen neben dem Beruf", schildert Katharina Schäder ihre Beobachtungen. "Überrascht hat mich aber, dass viele auch ehrenamtlich tätig sind. Das kenne ich sonst nicht."

Hungrig ins Bett

Auch die direkte Art der Slowenen war neu für Katharina. "Man kann sagen, was man von ihnen will. Wenn es ihnen nicht passt, sagen sie 'Nein'. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Am Anfang sind wir ohne Abendessen ins Bett gegangen, weil unsere Gastgeber schon gegessen hatten. Wir haben uns nicht getraut, nach Essen zu fragen. Bestimmt hätten wir etwas bekommen."

Lkw-Fahrer in Slowenien: Kann erstklassige Grimassen

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Susann Blum ist sich nicht sicher, ob das Trampen und Unterkommen bei fremden Leuten in Deutschland auch so gut funktionieren würde. "In Tschechien und in der Slowakei scheint Trampen viel üblicher zu sein als bei uns. Einmal haben wir sogar einen Mann in Anzug und mit Aktentasche beim Trampen gesehen."

Alle Teams waren überrascht vom enormen Unterschied zwischen Stadt und Land. "Auf dem Land fühlt man sich ein bisschen in das Mittelalter zurückversetzt", erzählt Jeffrey Weiß, "Riga dagegen ist fast schon zu westeuropäisch." Einen weiteren Unterschied zwischen Stadt und Land beschreibt Katharina Schäder: "In Ljubljana waren die Menschen viel mehr mit sich selbst beschäftigt, sie interessierten sich kaum für uns. Auf dem Land gingen die Leute viel mehr auf uns zu."

Großer Bahnhof in Leipzig

Ein freudiger Empfang erwartete die Tramper am Samstag auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Dort standen, neugierig und nicht ohne Stolz, die Freunde und Kollegen von mephisto 97.6, um die zehn Reisenden abzuholen. Für die Rückreise durften sie nämlich mit dem Zug fahren oder mit dem Flugzeug fliegen - um am Abend bei der Party zum neunjährigen Geburtstag des Senders dabei sein zu können.

Viel erzählt wurde am Partyabend, gescherzt und gefragt. Eine eindeutige Antwort, wie die Menschen in Osteuropa sind, wollten die zehn Tramper aber nicht geben. "Wir haben nur einen Ausschnitt erlebt", sagt Anna Driftmeier, "man kann nicht sagen, die Slowaken sind so und die Tschechen so. Susann und ich haben versucht, die Leute zu beschreiben, die uns auf unserer Reise begegnet sind, die uns geholfen haben."

"Ich hätte gerne noch mehr von den Polen erlebt", sagt auch Antje Glück, "aber die Zeit war einfach zu kurz." Das sehen die anderen ganz genauso. Alle haben sich vorgenommen, wieder in Richtung Osten aufzubrechen.

Von Torsten Schönebaum

Im wilden Osten: Was die Leipziger Tramper erlebten

DER SPIEGEL Team Polen: Wer ist Jana? / More Vodka! / Sehr komisch / Dorfschönheit / Alle heißen Lukasz

DER SPIEGEL Team Baltikum: Unglückliche Liebe / Reiterhof / Tach, Chef / Schöne Barkeeperin

DER SPIEGEL Team Slowenien: Frage der Ehre / Mit Maskottchen / Karolin unerwünscht / Kein Krieg / Auf und davon

DER SPIEGEL Team Tschechien/Slowakei: Eulenrettung / Kein Zutritt / Anna & Alanna / Die Vogelspinne / Leben der Bohème

DER SPIEGEL Team Ungarn: Wiens Zwilling / Keine Panik! / Im Renn-Lada / Stadt des Unglücks / Hindernisse

Hält in Leipzig die Fäden zusammen: Die Tramper-Einsatzzentrale



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