Finanzkrise an US-Eliteunis Die fetten Jahre sind vorbei

Sparen, sparen, sparen: Das gilt nicht nur für amerikanische Unternehmen, sondern auch für private US-Hochschulen. Eliteschmieden wie die Stanford-Uni konnten in den Boomjahren ordentlich aufstocken - und sitzen nun auf gewaltigen Kostenbergen.

Von Jochen A. Siegle


Die deftige Wirtschaftsflaute in den USA macht mittlerweile auch vor den Toren amerikanischer Hochschulen nicht mehr halt. Zunächst mussten zahlreiche staatliche US-Unis schon im vergangenen Jahr finanziell deutlich kürzer treten. Nun gilt nun auch an immer mehr privaten Colleges die Devise: sparen, sparen, sparen.

Aus mit dem Wohlstand: Brennende Finanznöte
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Besonders schmerzhaft erfährt das derzeit die milliardenschwere Stanford University, bisher berühmt für ihre paradiesischen Studienbedingungen. Bei steigenden Kosten sinken die Zuwendungen von Absolventen und die Forschungsgeldern, hinzu kommen Investitionsverluste. Und so muss die kalifornische Eliteschmiede drastische finanzielle Einschnitte hinnehmen.

Die Stanford-Uni hat sich nicht nur einen Einstellungstopp verordnet und Bauprojekte verschoben. Inzwischen greift sie sogar zu äußerst ungewöhnlichen Sparmaßnahmen: In der Weihnachtswoche wird das Gros der Angestellten in den Zwangsurlaub geschickt, und Studenten werden mehr oder weniger vom Campus ausgesperrt - um die Betriebskosten zu senken.

Schließlich wird das Stanford-Jahresbudget nach Prognosen der Hochschulleitung von derzeit über 500 Millionen Dollar im nächsten Jahr um rund acht Prozent zurückgehen; ergo hat man in Palo Alto 2003 rund 40 Millionen Dollar weniger zur Verfügung.

Vermögen um 600 Millionen geschrumpft

Nun muss also auch die intellektuelle Haupstadt des Silicon Valley dem jähen Ende des amerikanischen Wirtschaftsbooms Tribut zollen. Dabei ist es erst ein paar Jahre her, dass die Geldsäckel der Nobel-Uni, die 17 Nobelpreisträger hervorbrachte, prall gefüllt waren und sich das Stiftungsvermögen der Alma Mater im Zuge steigender Investitionsgewinne und Immobilienpreise sogar fast verdoppelte.

Yahoo-Gründer Yang: In Boom-Zeiten großer Mäzen
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Zudem zeigten sich durch den Hightech- samt Börsenboom reich gewordene Stanford-Abgänger und Professoren mit Spenden in dreistelliger Millionenhöhe erkenntlich - darunter etwa der Yahoo-Gründer und Stanford-Alumni Jerry Yang.

Obendrein agierten die Kalifornier selbst sehr erfolgreich im Aktienhandel. Wie viele andere private Unis erzielte auch Stanford in den letzten Jahren hohe Gewinne an der Börse, die dem Universitätsbetrieb zuflossen. Nach Angaben der Stanford Management Company, die die Finanzgeschäfte der Hochschule tätigt, konnte man im Jahr 2000 Investitionsgewinne von 39 Prozent verbuchen; im Geschäftsjahr bis Juni 2002 dagegen schlug ein Verlust von fast drei Prozent zu Buche. Folglich ist das Vermögen der Uni seit vergangenem Jahr von 8,2 Milliarden Dollar auf inzwischen 7,6 Milliarden Dollar geschrumpft.

Kostenexplosion durch Technologie-Boom

Im Zuge der Tech-Mania hatte die prestigeträchtige Uni Ende der neunziger Jahre neben akademischen Programmen vor allem personell mächtig aufgestockt. Seit 1998 erhöhte sich die Belegschaft von 6700 Angestellten auf inzwischen 7900.

Universität Stanford: Über ihre Verhältnisse gelebt?
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Nun reißen die Kosten für Löhne und zusätzliche Gebäude sowie die deutlich gestiegene Nachfrage nach Finanzhilfen für Studenten immer größere Löcher in den Haushalt der Eliteschule, an der bereits vor zehn Jahren eine schwere Finanzkrise schwelte.

Auch wenn Stanford bislang keine Entlassungen ausgesprochen hat, gelten Kündigungen im Frühjahr oder Sommer als denkbar. Deshalb sind die Fakultäten angehalten, sparsam zu wirtschaften und zu prüfen, ob und wo Programme oder Services gekürzt werden können - wohlgemerkt, ohne den akademischen Betrieb zu stören. So sind vom jüngst verhängten Einstellungsstopp bislang auch nur 250 nicht-akademische oder zeitlich befristete Stellen betroffen. Unter anderem will die Uni zudem durch die Kürzung von Sozialleistungen sparen.

Privat-Unis sitzen in einem Boot

"Wir befinden uns schlicht in einem Bärenmarkt", sagt Stanford-Finanzchef Randy Livingston. "Doch diese Krise betrifft uns alle, ob einzelne Investoren, Firmen oder Universitäten."

In der Tat ist Stanford mit diesen Problemen keineswegs allein. Amerikaweit klagen Colleges über finanzielle Schwierigkeiten. Wie die National Association of College and University Business Officers feststellte, haben US-Unis derzeit Einnahmenrückgänge von durchschnittlich fünf Prozent zu verschmerzen. Dabei waren die Bildungsbudgets bereits 2001 um vier Prozent gesunken.

Auch die Dartmouth-Uni in New Hampshire hat drakonische Sparmaßnahmen ergriffen: Bis auf weiteres sind sämtliche Neueinstellungen eingefroren, zudem sollen 30 nicht-akademische Stellen gestrichen werden. Noch prekärer ist die Lage an der Duke University in North Carolina, die 50 Wissenschaftsstellen streichen will, da ein Fehlbetrag von sechs Millionen Dollar festgestellt wurde. Zahlreiche andere private Hochschulen wie die University of San Francisco, die Emory University in Atlanta oder die Santa Clara University klagen über eine Vermögensminderung von bis zu 20 Prozent.

Signalwirkung für andere Colleges

Doch nicht nur dort drohen Spar- und Kündigungswellen. Bildungsexperten des Washingtoner American Council on Education rechnen damit, dass die Entwicklungen in Stanford, Dartmouth oder Duke Signalwirkung für alle Colleges haben könnten, die als private Bildungseinrichtungen keine Zuwendungen von ihren Regierungen erhalten. Besonders stark betroffen seien kleinere und weniger renommierte Unis, die nicht über Finanzpolster wie etwa Stanford verfügen.

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Und schlicht die Studiengebühren zu erhöhen, um die Geldsorgen zu tilgen, scheint auch keine praktikable Lösung: Viele nicht-staatliche US-Unis schrecken aus Wettbewerbsgründen im Ringen um zahlungskräftige Studenten davor zurück, ihre "Tuition" anzuheben.

Allerdings nicht so in Stanford: Dort hat man trotzdem die Gebühren dieses Jahr um fünf Prozent von rund 24.500 Dollar auf 26.000 Dollar angehoben. Der Landesschnitt liegt derzeit bei etwa 18.000 Dollar.



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