Finanzkrisenquartett Zocken wie die Bosse

Kohle machen mit dem Crash: Vier Berliner Studenten kamen auf die Idee, das legendäre Quartett-Kartenspiel neu aufzulegen - mit der Finanzkrise als Thema. Fragte sich nur, was ist der Supertrumpf? 75.000 Entlassungen bei der Citigroup oder der tote Finanzchef von Freddie Mac?

Das Quartett

Von Sonja Salzburger


Kein Zweifel, die Finanzkrise hatte in den letzten Monaten viele absurde, schaurige und auch komische Momente. Wie halb- bis dreiviertelbankrotte Unternehmen, frisch mit reichlich Staatsmilliarden gepampert, ohne jede Schamfrist gleich wieder satte Boni an ihre Höchstverdiener verschenken - da kann man in Rage geraten oder sich in Humor flüchten.

Bei vier Berliner Studenten setzte sich eine hübsche Mischung aus Humor und Spieltrieb durch. Julia Löffler, Arndt Leininger, Fabian Renk und Dorotheé Zombronner entwickelten ein zur Krise kompatibles Quartett-Kartenspiel und belegten mit ihrer kreativen Idee den zweiten Platz bei "Funpreneur". Bei diesem Firmengründer-Wettbewerb können Studenten der FU Berlin testen, ob sie Spaß daran haben, unternehmerische Entscheidungen zu treffen - und das nicht nur in der grauen Theorie: Mit fünf Euro Startkapital in einer fünfwöchigen Praxisphase versuchen die "Funpreneure", ihre Idee real am Markt umzusetzen und dafür Kunden zu finden.

Das Quartett mit dem Quartett hat danach weitergemacht. Unter dem Werbeslogan "Zocken wie die Manager!" vertreiben die Studenten das Spiel für acht Euro auf ihrer Webseite. Fast 1000 Stück sind sie schon losgeworden. Die meisten Kunden bestellen das Quartett, um es privat zu verschenken. Es gab aber auch schon die Anfrage eines Versicherungsunternehmens, das überlegt, das Spiel als Werbegeschenk für seine Kunden zu kaufen.

Wer zahlte die dickste Abfindung, wer feuerte die meisten?

Das Quartett lässt sich auf zwei Weisen spielen. Bei der klassischen Version sammelt jeder Spieler so viele Vierer-Sets wie möglich, also zum Beispiel alle Immobilienbanken von A1 bis A4. Beim Finanzkrisenquartett gibt es außerdem Investmentbanken, Staatsbanken, aber auch Helden; Unternehmen also, die sich trotz Krise vorbildlich verhalten haben.

"Wenn wir das Quartett untereinander spielen, bevorzugen wir allerdings die Supertrumpfvariante - und dabei die makabre Version", sagt Julia Löffler. Dabei vergleichen die Spieler reihum die Unternehmensdaten ihrer obersten Karten. Den Stich gewinnt, wer die meisten Entlassenen, das höchste Vorstandsgehalt, den stärksten Aktienkursverfall, die höchsten Staatshilfen oder den größten Verlust vorweisen kann. Und Sieger ist, wer am Ende alle Karten hat.

Das Spiel ist nicht nur für Menschen mit schwarzem Humor gedacht, sondern soll auch lehrreich sein. "Den meisten fällt es schwer, die Finanzkrise zu begreifen", so Julia Löffler. "Die Zahlen, über die berichtet wird, sind einfach astronomisch hoch." Das Quartett soll den Spielern ein Gefühl für das Ausmaß der Krise vermitteln.

Bei manchen Karten ist allerdings nicht offensichtlich, welche die andere sticht. Kann man etwa etwa den Selbstmord des Finanzchefs der Immobilienbank Freddie Mac gegen geplante 75.000 Entlassene der Bank Citigroup aufrechnen? Was ist schlimmer? "Hier kommt es immer auf die Gruppe an, in der das Quartett gespielt wird", sagt Julia Löffler. "Dann muss diskutiert werden."

Da jeder von ihnen ein anderes Fach studiert, ist es den vier Berlinern leicht gefallen, die Arbeit in ihrer kleinen Firma aufzuteilen. Der BWLer Renk kümmert sich um Finanzen und Logistik, Germanistikstudentin Löffler schreibt Werbekunden und Zeitungen an, das Layout entwarf die ehemalige Kunststudentin Zombronner, und Leininger, Politikstudent und Computerfachmann, gestaltete den Webauftritt.

Nicht alle Karten sind fehlerfrei

Nun gibt es bald eine zweite Auflage des Spiels. "Wir haben ein bisschen am Layout geändert und die Karten auf den neuesten Stand gebracht", sagt Julia Löffler. Lange hat die Gruppe überlegt, ob sie Porsche aus der Kategorie "Helden" rausnehmen sollen: Nach dem Übernahmekampf mit VW erschien ihnen das Unternehmen trotz der großen Erfolge in den vergangenen zehn Jahren nur noch wenig glanzvoll. Doch weil Helden in der Finanzkrise rar sind, aber Quartette immer aus vier Karten bestehen müssen, haben sie pragmatisch entschieden, Porsche drin zu lassen.

Leider sind Unternehmen gegenüber Studenten, die um Auskünfte zur Finanzkrise bitten - und noch dazu mit dem Ziel, aus den Informationen ein Kartenspiel zu basteln - wenig auskunftsfreudig. "Deswegen haben wir im Internet recherchiert", so Löffler. Um die Daten transparent zu machen, haben die Studenten auf ihrer Website die Quellen zu den einzelnen Karten aufgeschlüsselt.

Kleine Schwächen bleiben, auch nach dem dritten Korrekturdurchgang: So hat nicht direkt Meryll Lynch die Dollar des amerikanischen Staates eingestrichen, sondern die Bank of America, die sich das bankrotte Geldhaus einverleibte. Und der CEO Stanley O'Neal bekam seinen 161.500.000 Dollar teuren goldenen Handschlag schon, deutlich bevor die Finanzkrise in ihrer ganzen Wucht losbrach. Doch das Spiel basiert eben auf den Daten, die die Studenten auftreiben konnten, es beansprucht nicht, ein umfassendes Nachschlagewerk für die Krise zu sein.

Die Geschäftsstelle der Jungunternehmer befindet sich in der Wohnung von BWL-Student Renk in Berlin. Hier treffen sie sich jede Woche, wickeln die neubestellten Quartette in Luftpolsterfolie aus dem Baumarkt, bringen sie zur Post, diskutieren über neue Entwicklungsmöglichkeiten ihrer "Das Quartett GBR". Mittlerweile haben sie genug Geld für die Entwicklung eines weiteren Quartettspiels - vielleicht diesmal zum Thema Naturkatastrophen.

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