Studium und Sex Der Tag, nachdem ich mir den Party-Flirt schöngetrunken hatte

Tabea Mußgnug findet Studenten-Partys großartig: Es gibt viel Alkohol, intime Küchengespräche morgens um halb vier - und flirtbereite Männer. Doch leider kann das Date am Tag danach im nüchternen Zustand sehr ernüchternd sein.

"Ich weiß jetzt endgültig, dass ich unter Alkoholeinfluss einen furchtbaren Männergeschmack habe."
Corbis

"Ich weiß jetzt endgültig, dass ich unter Alkoholeinfluss einen furchtbaren Männergeschmack habe."


Ich liebe WG-Partys und hasse WG-Partys. Ich liebe es, mir eine Flasche Schöfferhofer Grape aus der Badewanne zu holen, stehe sehr auf unkontrollierte Tänze auf fremden Fluren und finde, dass man nirgends bessere Gespräche hat als in WG-Küchen nachts um halb vier, wenn der Boden schon klebt und auf dem improvisierten Buffet der Marmorkuchen in Rotweinpfützen ertrinkt.

Auf keiner anderen Veranstaltungsart habe ich mich schon so gehen lassen. Leider lässt das private Wohnumfeld solcher Partys nämlich sehr leicht den Eindruck entstehen, in einem intimen Rahmen zu sein.

Ich habe dort sehr oft gekotzt, sehr oft aus sehr verschiedenen Gründen geweint (und leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die schön weinen) und mich ganz schön oft danebenbenommen. Einmal ist es mir auf einer WG-Party sogar gelungen, mir selbst ein Blind Date zu organisieren.

Ich war sehr, sehr betrunken an diesem Abend und dadurch natürlich noch eine von den letzten, die um halb fünf auf der Couch im schummrig beleuchteten Wohnzimmer saßen, denn Betrunkene gehen ja meistens als Letztes, weil Betrunkensein wach macht und ganz bestimmt noch was Spannendes passiert. Neben mir saß Sebastian, den ich im gedämpften Licht offenbar sehr ansprechend fand, so ansprechend, dass ich ihm sogar nach drei Minuten mein Bankpasswort verriet, weil ich es so witzig fand. Finde. Ich bin immer noch stolz auf dieses Passwort.

Je betrunkener, desto williger, aber gleichzeitig desto peinlicher

Jedenfalls tauschten wir Nummern und verabredeten uns für den nächsten Tag auf dem Heidelberger Weihnachtsmarkt. Am nächsten Vormittag wusste ich davon absolut nichts mehr und konnte mich nicht mehr an Sebastian erinnern, als er mich anrief, um den genauen Treffpunkt auszumachen. Ich ging trotzdem hin, immerhin schien ich ja in der Nacht davor Gefallen an ihm gefunden zu haben, so schräg konnte er ja nicht sein. Was soll ich sagen: Er konnte.

Ich weiß jetzt endgültig, dass ich unter Alkoholeinfluss einen furchtbaren Männergeschmack habe. Sebastian war klein, hatte eine beginnende Glatze, war Physikdoktorand, machte gehässige Witze und war wirklich sehr, sehr langweilig. Das ist das Problem mit Alkohol und der Flirterei. Je betrunkener, desto williger, aber gleichzeitig desto peinlicher.

Allerdings heißt das nicht, dass jede Studentenparty in verruchten Ecken endet. Erst neulich las ich im "ZEIT-Magazin" ein Interview mit einem Sexualforscher. Er sagte, dass in Deutschland 95 Prozent der Sexualakte auf Menschen in monogamen, festen Beziehungen entfallen. Nur fünf Prozent des deutschen Sex fällt für die immer größer werdende Gruppe der Singles ab. Das heißt im Klartext: Alle Frauenzeitschriften - und die GQ - lügen in jeder Ausgabe auf infame Weise, wenn sie ihren Lesern mal wieder das Gefühl geben, jeder außer ihnen hätte jedes Wochenende aufregende Abenteuer mit gutaussehenden Fremden.

Kühlschränke von Studenten: Zeig mir, was Du isst

Ich kann das bestätigen, von mir selber, und wenn ich mich in meinem Freundeskreis umgucke. Ich kenne insgesamt genau drei Leute, von denen ich sicher weiß, dass sie tatsächlich ein GQ-Leben führen, und zwei dieser Leute sind - yaaay, Klischee - schwul. Der Rest der mir bekannten Singles hat einmal im Schaltjahr einen recht peinlichen Absturz mit irgendwem vom Medizinerfasching und ansonsten ab und zu etwas steife Dates, aus denen meistens nix wird.

Auch in meinen 14 Semestern blieb die Anzahl an aufregenden One-Night-Stands nach rauschenden Partys weit hinter der Erwartung diverser Vice-Artikel zurück. So viel zu Studenten und Sex, es gibt dazu eben viel weniger zu sagen, als die Gesellschaft und meine Oma annehmen.


Auszug aus: Tabea Mußgnug, Nächstes Semester wird alles anders... Zwischen Uni und Leben! Für alle, die denken, sie bräuchten einen Plan, Fischer 2015

Zur Autorin
  • S. Fischer Verlag
    Tabea Mußgnug, Jahrgang 1987, hat in Heidelberg Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Byzantinische Archäologie studiert und musste sich oft fragen lassen: "Und was macht man dann damit?". In regelmäßigen Abständen durchlitt sie deshalb Welchen-Sinn-hat-mein-Fach-Krisen. Heute promoviert sie in Kunstgeschichte und hofft auf das große geniale Jobangebot.



insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
axelst 03.08.2015
1. Peinlich
Wahrscheinlich war es dem Physikdoktoranden auch peinlich mit einer Religionswissenschaftlerin gesehen worden zu sein :)
f._aus_kleefeld 03.08.2015
2. Künftig
weniger saufen und natürlich weniger (noch besser: garnicht) kotzen, liebe Tabea, dann klappt's vielleicht auch mit dem One-Night-Stand.
Rolf Dr. Meier 03.08.2015
3. wie vor 50 Jahren
also, wir haben uns damals die Mädels "schön" getrunken. Und der andere Tag war "Alltag".
eryx 03.08.2015
4.
Sehr unglaubwürdig. Auf welchen Partys findet man denn Physikdoktoranden? ;)
alt+naiv 03.08.2015
5.
mit dem Buch wird ihr der Durchbruch auch nicht gelingen
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