Flirt-Techniken im Test "Die Theorien wirken, auch wenn sie falsch sind"

Im Internet wimmelt es von Anmachtipps und Flirt-Strategien. In seiner Diplomarbeit hat der Psychologe Andreas Baranowski die Techniken der Verführungsexperten überprüft. Viele funktionieren tatsächlich - aber aus anderen Gründen, als die Frauenhelden glauben.
Flirtendes Paar: Einige Verführungstechniken klappen wirklich

Flirtendes Paar: Einige Verführungstechniken klappen wirklich

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Pick-up-Communitys im Internet sind Lerngruppen für Anmachtipps und Flirt-Strategien. Deren Mitglieder gelten vielen als ein Haufen triebgesteuerter Männer, die mit Tricks versuchen, möglichst viele Frauen aufzureißen. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Baranowski: So drastisch würde ich es nicht sagen. Dass man sich ein Forum sucht, um seine Chancen beim anderen Geschlecht zu verbessern, finde ich nicht schlimm. Was fatal ist, ist das Menschenbild, das die Flirt-Coaches vertreten. Frauen werden oft zu Objekten degradiert.

SPIEGEL ONLINE: In Foren und Blogs der selbsternannten Aufrissprofis ist von Alpha-Männchen die Rede und davon, dass der rationale Mann die von Gefühlen geleitete weibliche Beute gefügig macht.

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Geht das wirklich?: Acht Verführungstechniken im Test

Foto: Andreas Baranowski

Baranowski: Die Pick-up-Artists bedienen sich vieler fragwürdiger Theorien. Ein krasses Beispiel ist die These, dass Männer Frauen dominieren sollen, weil die das so wollen. Für dieses Argument muss dann die Evolutionstheorie herhalten. Weil der Mann vor 60.000 Jahren gejagt und die Frau in der Höhle gewartet hat, soll das heute noch genauso sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Top-Verführer fühlen sich dazu berufen, ihr Wissen auch in teuren Flirtseminaren weiterzugeben. Sie haben an einem teilgenommen und dafür 400 Euro bezahlt. War der Kurs sein Geld wert?

Baranowski: Überhaupt nicht. Der Großteil waren Allgemeinplätze, pseudowissenschaftliche Theorien und falsche Behauptungen. Verführt wurden vor allem die Teilnehmer - und zwar dazu, ihr Geld beim Coach zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die Ratschläge wie "die Frau schnell ansprechen" oder "in ein vorgefertigtes Gespräch verwickeln" klingen sehr banal. Wie verkauft man so was als sinnvolle Seminarinhalte?

Baranowski: Das hatte schon was von Gehirnwäsche, viele haben die platten Glaubenssätze einfach übernommen. Am meisten stört mich neben dem Sexismus die Kommerzialisierung: Früher war die Pick-up-Community eine Selbsthilfegruppe schüchterner Männer. Heute ist es eine Industrie. Der Wendepunkt war das Buch "Die perfekte Masche: Bekenntnisse eines Aufreißers" des Journalisten Neil Strauss vor fünf Jahren. Danach ist die zwielichtige Branche explodiert.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wollten Sie die Techniken der Pick-up-Profis wissenschaftlich untersuchen und haben dafür an Ihrer Uni ein Flirtseminar angeboten. Warum?

Baranowski: Kein kommerzieller Kursanbieter wollte sein Konzept von mir evaluieren lassen, also habe ich die Theorien der Pick-up-Artists mit der wissenschaftlichen Literatur abgeglichen und selbst ein Konzept entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihnen verschüchterte Mitstudenten die Bude eingerannt?

Baranowski: Das Interesse war groß, aber als es hieß, vor und nach dem Seminar müsst ihr eine Stunde flirten gehen, sank die Teilnehmerzahl. Insgesamt habe ich mit 23 Frauen und 17 Männern sechsstündige Seminare durchgeführt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie Ihren Schülern beigebracht?

Baranowski: Ich habe viel erklärt und Übungen gemacht. Zum Beispiel sollten die Probanden auf der Straße zu zehn wildfremden Menschen einfach "Hi" sagen, um Ängste abzubauen. Am Ende haben wir konkrete Flirtstrategien einstudiert. Vom "Opener", also dem vorgefertigten Ansprechsatz, bis zum "Close", also im Fall der Männer, erfolgreich die Telefonnummer der Zielperson abzufragen.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Ihre Probanden Flirtmeister?

Baranowski: Die Teilnehmer sollten wie vor dem Seminar eine Stunde lang flirten gehen. Die Männer sollten möglichst viele Telefonnummern ergattern, die Frauen Getränkeeinladungen, und es konnten sich alle verbessern. Frauen steigerten sich von 1,5 Getränkeeinladungen auf drei. Männer konnten nach der Schulung dreimal so viele Nummern einsammeln. Männer wie Frauen haben sich hinterher als attraktiver und selbstbewusster beschrieben - allerdings auch als weniger selbstlos, weniger ehrlich.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, dass die Konzepte der Anmach-Experten funktionieren?

Baranowski: Ja und nein. Die Theorien wirken, auch wenn sie eigentlich falsch sind. Man geht vorbereitet in die Situation und mit dem Bewusstsein, dass die Strategie funktionieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als ob die Strategie nebensächlich ist, Hauptsache man hat eine.

Baranowski: Man macht eine gute Erfahrung und denkt, die Theorie stimmt. Und schon hat man beim nächsten Versuch noch mehr Selbstbewusstsein. Aber eigentlich ist es sogar noch simpler: Wenn Sie jeden Tag 70 Frauen auf der Straße ansprechen, werden Sie nach einer Woche mehr Telefonnummern haben als jemand, der niemanden anspricht.

SPIEGEL ONLINE: Man kann flirten und verführen also lernen.

Baranowski: Ja, und zwar schon in kurzer Zeit, wie meine Studie gezeigt hat. Die Beschäftigung mit Flirttechniken kann durchaus zum Erfolg führen. Gerade wenn man Flirten in seiner Entwicklung nie gelernt hat, weil man in der Pubertät den Zug verpasst hat, als die anderen in der Schule mit dem Küssen angefangen haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Pick-up-Szene ist eine Männerdomäne. Haben Frauen keine Optimierung nötig?

Baranowski: Ich glaube, Frauen tauschen sich viel mehr untereinander aus als Männer. Darum sind die männlich dominierten Pick-up-Communitys entstanden, in denen man sich relativ anonym Hilfe holt. Und Männern liegt offenbar die technische Herangehensweise ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst jetzt mehr Erfolg bei den Frauen?

Baranowski: Da müssen Sie die Frauen fragen. Wenn ich flirte, ist mir auf jeden Fall bewusst, in welcher Flirtphase ich gerade bin. Das kann zu Problemen führen. Neulich ist mir das im Gespräch sogar rausgerutscht. Die Frau hat sich schnell davongemacht.

Das Interview führte Sebastian Hofer