Flirten mit Labor-Check Willst du mit mir Gen?

Partnerwahl per Gentest, kann das gut gehen?, fragte Lissy Kaufmann und probierte es aus. Erst Spucke der Kandidaten ins Röhrchen, dann daten, dann warten. Bei sechs hübschen Kerlen sollte der Traumtyp eigentlich dabei sein. Doch Labor-Test und das Treffen in Natura passten nicht zusammen.
Damenwahl: Weiblich, ledig, 24 sucht Mann mit Gütestempel aus dem Gen-Labor

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Foto: Mina Esfandiari

So etwas habe ich noch nie gemacht: den Mann gleich beim ersten Date um eine Speichelprobe gebeten. Er soll sich mit einem Wattestäbchen die Wangeninnenseiten entlang fahren.

Eine merkwürdige Situation - und das gleich sechs Mal in zwei Tagen. Denn ich lerne mehrere Männer kennen. Was macht man nicht alles für den Durchbruch in der Liebe. Ab heute soll alles anders werden. Leichter. Eindeutiger. Ich wage den Selbstversuch. Endlich werde ich Gewissheit bekommen, wer wirklich zu mir passt - der Gentest macht es möglich.

Denn der richtige Partner wird am besten im Labor ermittelt. Das sagt zumindest Andreas Reichert, 26. Der Student der Biotechnologe an der TU München bietet diesen Service für suchende Singles an. Die Idee dazu kam dem Studenten vor zwei Jahren. Reichert las wissenschaftliche Artikel über Tests an Mäusen und Zebrafischen. Die Tiere suchen sich den Partner durch Schnüffeln aus. Sie riechen, wer genetisch am besten zu ihnen passt.

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Lissy auf Partnersuche: Welcher bärtige Typ darf's sein?

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Ganz ähnlich machen es auch wir Menschen, ohne es zu wissen. "Olfaktorische Visitenkarte" nennt Reichert den Duft, der uns zum richtigen Partner führt. Der Geruch wird durch eine genetische Struktur des Immunsystems verursacht. Major Histocompatibility Complex (MHC) heißt der Gen-Satz. Je vielfältiger die MHC-Gene, desto effektiver die Abwehr von Krankheitserregern. Mann und Frau mit möglichst unähnlichen MHC-Genen finden sich anziehend. Ihr Nachwuchs ist besser gegen Krankheiten gefeit. Ich habe zwar nicht vor, mit irgendwem in nächster Zeit Kinder zu zeugen. Ein Mann an meiner Seite wäre aber sicher nicht verkehrt.

Als ich zum ersten Mal von Reicherts Geschäftsidee hörte, hielt ich sie für absurd. Ich habe bisher jegliche Single-Plattformen und Single-Partys gemieden. Alles Quatsch, dachte ich, meinen Traummann treffe ich im Café oder beim Joggen im Park, ganz zufällig, ganz ungewollt. Doch noch heute warte ich auf Mister Perfect. Eigentlich bin ich ja ein rationaler, auf Sicherheit bedachter Mensch. Deshalb klingt Reicherts Angebot spannend - eine Laboruntersuchung, die Gewissheit schafft.

Sechs Kandidaten habe ich rekrutiert. Ich habe Freunde angeheuert, in ihrem Bekanntenkreis weiterzufragen. Wer mitmachen darf, entscheide ich nach dem Aussehen, aber nicht nach spezifischen Merkmalen wie blaue Augen oder dunkle Haare. Wenn ich ihn sehe, muss er mir einfach auf Anhieb gefallen. So soll es auch sein, sagt Reichert, schließlich bin ich kein Zebrafisch - und uns Menschen ist das Aussehen nun mal wichtig.

Die Nacht vor dem ersten Dating-Tag schlafe ich unruhig. Ich bin gespannt, habe aber auch ein bisschen Angst. Schließlich weiß ich nicht, wer da auf mich zukommt.

Was sagt der Bauch - und stimmt das auch? Tag eins, Date 1 bis 3

Pünktlich um 16 Uhr steht Felix vor der Tür. Das gibt einen Pluspunkt, ich hasse Zu-spät-Kommer. Er ist 23 und Student. Felix hat ein strahlendes Lächeln und eine sportliche Figur, das gefällt mir. Dass er unrasiert zum Date erscheint, gibt allerdings Abzüge - ich stehe nicht auf Igelchen.

Er sagt, dass er für eine Firma Eiswürfel zu Bars fährt - ein tüchtiger Junge, das lässt mein schwäbisches Herz höher schlagen. Als er dann noch erzählt, dass er sich gerne einen Dackel kaufen würde, bin ich hin und weg. Ich bin mit zwei Terriern aufgewachsen und sehe uns schon frühmorgens gemeinsam Eiswürfel ausfahren, Waldi auf meinem Schoß aus dem Fenster hechelnd. Wehe, wenn der Test nicht positiv ausfällt…

Kandidat zwei heißt Emanuel und hat die gleiche Gesichtsbehaarung wie Felix. Was ist nur mit den Männern los? Ich rufe mir die Worte meiner Mutter ins Gedächtnis, die sagt, frau kann an solchen Dingen arbeiten. Dann blende ich den Drei-Tage-Bart aus und konzentriere mich auf das Wesentliche. Mit Emanuel, 27, teile ich meine Liebe zur Musik, ohne meinen iPod verlasse ich selten das Haus. Er ist Tontechniker und spielt Gitarre. Er könnte mir das schlechte Gewissen nehmen, das mich plagt, wenn ich meine Gitarre in der Zimmerecke verstauben sehe. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass wir zusammenpassen.

Kuppelbörse mit biologischem Check

Damit die Kunden von Andreas Reichert keine Zeit verlieren und nur Leute treffen, die genetisch zusammen passen, untersucht er die Gene normalerweise vor dem ersten Treffen. Auf der Website seiner Firma G-Match legen Singles ihr eigenes Profil an und senden ihre Speichelprobe ins Labor.

Dann kann die Suche losgehen. Profile potentieller Date-Partner anklicken, durchlesen und den Test starten - der Computer errechnet, ob zwei Menschen genetisch zusammen passen. Erst dann vereinbaren die Suchenden ein Treffen. Mein Versuch läuft genau anders herum: Ich erfahre erst nach dem Date von den Gentest-Ergebnissen, und entscheide dann, ob ich einen der Jungs wiedertreffen sollte.

Ich schätze, dass Kandidat drei dabei sein könnte - wenn er nur nicht so stark nach Zigarettenrauch müffeln würde. Er heißt André und wirkt auf Anhieb sympathisch. An seinem Dialekt erkenne ich sofort, dass er aus dem Allgäu kommt. Das klingt ein bisschen nach Heimat. Er ist 28, mit Hunden aufgewachsen und will wieder einen Vierbeiner. Schade, dass er starker Raucher ist. Auf die Auswertung bin ich sehr gespannt…

Der erste Tag ist ohne Pannen verlaufen, es war kein Freak dabei. Ich freue mich auf die zweite Runde. Erst mal falle ich aber müde ins Bett. Es war ziemlich anstrengend, vier Stunden lang ein Dauerlächeln aufzulegen. Sechs Dates hintereinander - soviel Zeit hat im Normalfall kein junger Mensch. Das, sagt Reichert, sei auch das Problem mit den üblichen Single-Plattformen im Internet. "Die Leute haben dann zwei Dates am Wochenende und sind hinterher frustriert, wenn das eine Weile lang so geht, aber der oder die Richtige nie dabei ist." Seine Firma übernimmt für die Suchenden das Schnüffeln, sodass die Erfolgschancen steigen.

Gene lügen nicht? - Tag zwei, Date 4 bis 6 und das merkwürdige Resultat

Bei Julius, Nummer vier, glaube ich, dass gar kein Test nötig ist. Ich merke auf Anhieb: Wir passen nicht zusammen. Er ist 26, freundlich, und doch ist mir seine Art ein wenig befremdlich, ich kann ihn schwer einschätzen. Vielleicht liegt es daran, dass er Schauspielschüler ist und damit eher eine Künstlernatur. Ich bin viel bodenständiger, sehne mich nach Sicherheit.

Da ist mir Michael schon lieber. Er ist mit 22 Jahren der jüngste der Kandidaten, weiß aber, dass er in einem Verlag arbeiten möchte und absolviert derzeit neben dem Studium ein Praktikum. Das nenne ich Einsatz. Er studiert wie ich Kommunikationswissenschaften und wir plaudern über die Dozenten am Institut. Dass er die Band Mumford & Sons mag, deren erste Platte eine meiner Favoriten ist, verschafft ihm einen weiteren Pluspunkt. Doch ich bin zwei Jahre älter als er. Michael wirkt schüchtern und ich komme mir vor wie seine große Schwester. Das wird wohl nichts - selbst wenn der Gentest positiv ausfallen sollte.

Der letzte Kandidat meines Tests heißt Heiko und strahlt so freundlich, dass ich meine Großmutter schon sagen höre: "Kind, was für ein netter Bursche." Er ist 26 Jahre alt, wirkt aber viel jünger. Er promoviert im Fach Maschinenwesen. Mein Gefühl sagt mir, dass er irgendwo im Mittelfeld landen wird. Er ist eher der Kumpel-Typ, einer, mit dem man gern was unternimmt, mehr aber auch nicht.

Ein Test, der Ungewissheit schafft

Dann heißt es: Warten. Die Auswertung im Labor ist streng geheim. Biologiestudent Reichert sagt, er sei der Erste, der diese Form von Liebesgentest durchführt. Demnach wäre ich eine Pionierin auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Partnersuche.

Nach drei Tagen habe ich die Ergebnisse schwarz auf weiß vor mir liegen. Das hätte ich nicht für möglich gehalten: Sieben von zehn Punkten für Julius, den Schauspieler, der in meinem persönlichen Ranking eher weiter hinten liegt. Was ist da schief gelaufen? Ja, Julius war freundlich, doch mir war von Anfang an klar: Wir sind viel zu verschieden. Vielleicht habe ich deswegen den Duft der Liebe nicht wahrgenommen. Hätte ich meine Kandidaten über die Website von G-Match ausgesucht, wäre das vielleicht nicht passiert. Dann hätte ich die Profile genauer studiert und mir wäre bestimmt aufgefallen, dass Julius' Lebensstil nicht zu meinem passt. Das hat die Sache jetzt zumindest ein bisschen prickelnder gemacht.

Den restlichen genetischen Bewertungen kann ich aber nur zustimmen. Jeweils drei Punkte für Emanuel, Michael und Heiko, fünf Punkte für André - alle vier waren wirklich nett, aber eine Beziehung könnte ich mir mit keinem von ihnen so richtig vorstellen. Felix hat sechs Punkte und damit Platz zwei - ich fühle mich erleichtert. Er war mein Favorit und ist der Einzige, bei dem ich zu einem zweiten Treffen nicht Nein sagen würde. Was in den Genen steht und was der Bauch sagt - zumindest in diesem Fall stimmt es überein.

Per Gentest suchen manche nicht nur den perfekten Mann, sondern auch das perfekte Kind. Mehr auf www.unklartext.de 

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