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03. Mai 2012, 14:29 Uhr

Berliner Plagiatsaffäre

CDU-Fraktion spricht Doktorschummler Vertrauen aus

Er hat auf dem Weg zum Doktor getäuscht, trotzdem darf er Fraktionschef bleiben: Der Berliner CDU-Abgeordnete Florian Graf konnte eine Vertrauensabstimmung in seiner Fraktion mit großer Mehrheit für sich entscheiden. Die Uni Potsdam hatte ihm zuvor den Doktorgrad aberkannt.

Berlin - Der Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf bleibt im Amt, obwohl er die Universität Potsdam getäuscht und seinen Doktortitel verloren hat. Er hatte die Vertrauensfrage in seiner Fraktion gestellt, nachdem er zugegeben hatte, für seine Dissertation bei anderen Autoren abgeschrieben zu haben. Die CDU-Abgeordneten sprachen Graf daraufhin trotz der Plagiatsaffäre mit großer Mehrheit das Vertrauen aus. 30 der 34 anwesenden Abgeordneten stimmten mit Ja, 3 mit Nein, eine Person enthielt sich. Die Unterstützung hatte sich bereits am Wochenende abgezeichnet.

Graf sagte nach der Sitzung am Morgen, dass er außerordentlich dankbar sei für das Vertrauen, das nicht selbstverständlich sei. "Ich habe große Fehler gemacht und eingeräumt." Nun wolle er "verloren gegangenes Vertrauen" durch gute inhaltliche Arbeit zurückgewinnen.

Der 38-Jährige, der die Fraktion erst seit fünf Monaten führt, hatte die Universität Potsdam in der vergangenen Woche darum gebeten, ihm seinen Doktortitel abzuerkennen. Er habe im ersten Kapitel auf sieben Seiten aus zwei fremden Quellen abgeschrieben, schrieb Graf am Montag in einem Brief an die Vorsitzende des Promotionsausschusses der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Theresa Wobbe. "Ich habe mir damit fremdes Wissen zu Eigen gemacht, ohne die Autoren zu nennen." Auch aus einigen weiteren Werken habe er nicht ordnungsgemäß zitiert.

Der Promotionsausschuss kam am Mittwoch nach einer mehrstündigen Sitzung Grafs Bitte nach und entzog ihm seinen Titel. Bei der Erstellung der Dissertation sei "der Tatbestand der Täuschung erfüllt" worden, teilte die Hochschule mit. Dekanin Wobbe sprach sich dafür aus, eingehend zu prüfen, wie die Promotion von Graf abgelaufen sei - "um daraus Schlüsse für die weitere Arbeit abzuleiten". Eine detaillierte Stellungnahme, in welchem Umfang er getäuscht hat, war jedoch weder aus dem Dekanat der Fakultät noch aus dem Präsidium zu bekommen.

Die Universität hält die Doktorarbeit weitgehend unter Verschluss. Am Donnerstag war das Werk nur für wenige Stunden zugänglich. In einem Raum der Fakultät lag ein Gutachterexemplar aus, das allerdings weder fotografiert noch kopiert werden durfte.

Graf betont, seine Fehler seien ihm selbst aufgefallen

Graf hatte die Universität und seine Gutachter um Entschuldigung für sein Fehlverhalten gebeten. In der Berliner CDU-Fraktion möchte man den Fall damit abschließen: Für die Fraktion und für ihn sei die Angelegenheit nun erledigt, sagte der stellvertretende Regierungschef in der seit Dezember bestehenden rot-schwarzen Koalition, Frank Henkel (CDU). Er gehe davon aus, dass Graf die Glaubwürdigkeit habe, die für die weitere Arbeit notwendig sei.

Graf hatte im Jahr 2010 als externer Doktorand in Potsdam promoviert - über Vorgänge in seiner eigenen Partei. Seine Dissertation trägt den Titel: "Das innerparteiliche Bild von Oppositionsparteien nach dem abrupten Verlust langjähriger Regierungsverantwortung am Beispiel der Christlich Demokratischen Union (CDU) in der Hauptstadt Berlin während der 15. Wahlperiode (2001-2006)".

Wegen eines Sperrvermerks ist die Arbeit erst seit kurzem öffentlich zugänglich. Der Vermerkt galt zunächst bis September 2011. Das habe er so mit seinem Erstgutachter beantragt, weil er die Ergebnisse der Arbeit zuvor in einer Fachzeitschrift veröffentlichen wollte, schrieb Graf in seinem Brief an die Dekanin.

Laut Universität war der Plagiatsverdacht aufgekommen, als Graf den Sperrvermerk um ein weiteres Jahr verlängern wollte. Dabei sei ein Verfahrensfehler passiert, im Zuge dessen die Arbeit noch einmal neu begutachtet wurde.

Graf beteuerte, dass ihm seine Fehler selbst aufgefallen seien. Er habe es nicht geschafft, den Fachartikel vor Ablauf des ersten Sperrvermerks zu verfassen - wegen seiner "enormen Arbeitsbelastung" als Politiker und weil er gerade Vater geworden war. Erst im Februar dieses Jahres habe er sich wieder intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt, nachdem sich die Universität nach dem Verbleib des Fachartikels erkundigt habe. "Dabei musste ich leider feststellen, dass ich wissenschaftlich an einigen Stellen nicht fehlerfrei gearbeitet habe", schreibt Graf an die Hochschule. Er habe es versäumt, sich als externer Promotionsstudent genauer mit dem richtigen Umgang mit Quellen zu befassen.

Graf trat 1995 in die CDU ein und gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus seit 2006 an. Zunächst war er Parlamentarischer Geschäftsführer. Anfang Dezember 2011 wurde er dann zum Nachfolger von Fraktionschef Henkel gewählt, der in den Senat wechselte. Es wäre richtig gewesen, die Aberkennung des Titels schon früher zu beantragen, räumte Graf ein. "Dazu fehlte mir aber der Mut und ich hatte Sorge vor der öffentlichen Wirkung."

son/dapd/dpa

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