SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. September 2015, 12:09 Uhr

Flüchtling gründet erfolgreiches Start-up

"Aufgeben ist keine Option"

Aufgezeichnet von

Als Junge sah Nik Myftari, wie Milizen seine Nachbarn erschossen. Er floh aus dem Kosovo, kämpfte sich durchs deutsche Schulsystem, studierte und gründete eine Dating-App - mit inzwischen einer Million Nutzern. Eine Erfolgsgeschichte.

Sie lassen alles zurück und riskieren ihr Leben, um aus ihrer Heimat zu flüchten. Sie landen in engen Auffanglagern und Flüchtlingsheimen und warten jahrelang: auf Asyl, Arbeit, Abschiebung?

Nik Myftari ist heute 30 Jahre alt. Er kennt die Unsicherheit, die Menschen quält, die in Deutschland bleiben möchten. Zweieinhalb Jahre lang lebte er in einem Flüchtlingsheim in Mannheim, nachdem er mit seinen Eltern und zwei Brüdern vor dem Krieg im Kosovo geflohen war. Er konnte kein Wort Deutsch, ging auf die Hauptschule, doch Myftari hatte ein Ziel: Er wollte studieren. Dies ist seine Geschichte:

"Es gibt keine Sackgassen im Leben, es geht immer weiter, irgendwie. Die Probleme, die ich hier habe, sind ein Witz gegen das, was ich im Kosovo erlebt habe. Ich wuchs in der Stadt Peja auf. Wir wohnten im vorletzten Haus unserer Straße, und die Milizen vergaßen uns wohl, als sie an einem Nachmittag im Sommer 1999 die Männer aus unserer Nachbarschaft auf die Straße zerrten und erschossen. Wir versteckten uns im Haus, ich sah die Leichen durchs Fenster. Am nächsten Morgen mussten wir über sie steigen, als wir zu Fuß nach Montenegro flüchteten.

Schlepper brachten uns nach Deutschland. Wir landeten in einem Auffanglager in Karlsruhe und dann in einem Flüchtlingsheim in Mannheim, mit Pförtner und Stacheldraht. Dort lebten wir zu fünft in eineinhalb Zimmern. Es machte mir nichts aus. Ich war 14 Jahre alt und froh, nachts keine Bomben und Schüsse zu hören.

Ich kam auf die Hauptschule, sprach kein Deutsch und kapierte das ganze System nicht. Als ich 15 war, gingen wir mit der Klasse in ein Berufsinformationszentrum. Ich sagte meiner Lehrerin, dass ich Arzt werden wolle. 'Du meinst wohl Zahntechniker', sagte sie. Alle denken, dass die Flüchtlinge eine Ausbildung machen wollen, mehr nicht. Aber ich wollte studieren, wie meine Eltern.

Ich hatte gute Noten, deshalb ging ich nach der Hauptschule auf die Realschule und dann aufs Gymnasium. Doch ich wusste oft nicht, ob ich lang genug da sein würde, um das Schuljahr zu beenden. Alle paar Wochen hörten wir die Schreie von anderen Flüchtlingen, die abgeschoben wurden. Die Polizei kam immer zwischen 11 und 12 Uhr abends. Einmal war ich mit einem Kumpel in einem Klub, und als wir morgens um zwei zurück ins Asylantenheim kamen, war seine ganze Familie weg.

Inzwischen haben wir alle einen deutschen Pass. Ich studierte in Heidelberg VWL und Politik und startete nebenbei eine Fanseite der Uni auf Facebook. Darauf konnten Studenten Nachrichten posten, wenn sie zum Beispiel in der Bibliothek jemanden gesehen hatten, aber sich nicht getraut hatten, ihn oder sie anzusprechen.

Das war der Anfang unserer Dating-App 'Spotted', die 2013 an den Start ging. Dort kann man Menschen wiederfinden, die einem im echten Leben über den Weg gelaufen sind. Man kann ihnen zuzwinkern oder anonyme Flirtnachrichten hinterlassen und hoffen, dass die Person, in die man sich verguckt hat, antwortet. Inzwischen haben wir drei Investoren, ein Budget von 14,5 Millionen Dollar und zehn feste Mitarbeiter. Rund eine Million Menschen nutzen die App.

Wir sind fünf Gründer, ich bin der einzige mit einer Flüchtlingsgeschichte. Ich glaube, ich bin deswegen risikobereiter. Ich habe einen Krieg miterlebt, Aufgeben ist für mich keine Option. Ich habe gelernt, mit meinen Erinnerungen zu leben. Nur wenn an Silvester das Feuerwerk losgeht, habe ich noch ein mulmiges Gefühl."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung