Foodsharing "Wie und wo ich das Essen verteile, steht mir frei"

Wer Lebensmittel aus Müllcontainern nimmt, soll nicht mehr bestraft werden können - diese Pläne verfolgt der Hamburger Justizsenat. Hier erzählt eine Studentin, wie sie sich jetzt schon als Essensretterin engagiert.

Foodsharing-Station in Hamburg
Lars Berg / imago images

Foodsharing-Station in Hamburg

Ein Interview von


Zur Person
  • Baro Gabbert
    Baro Vicenta Ra Gabbert, 22, studiert Jura an der Bucerius Law School in Hamburg und engagiert sich seit zwei Jahren ehrenamtlich für den bundesweiten Verein Foodsharing e.V.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gabbert, der Hamburger Justizsenat bereitet einen Antrag vor, der das Einsammeln weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern straffrei stellen soll. Sie setzen sich jetzt schon dafür ein, dass Lebensmittel gerettet werden. Wie finden Sie den Plan?

Baro Vicenta Ra Gabbert: Ich bin gespannt, wie er juristisch umgesetzt werden soll. Nach derzeitiger Rechtslage handelt es sich um Diebstahl. Für weggeworfene Lebensmittel müsste dann ein Ausnahmetatbestand geschaffen werden. Wie kann man begründen, dass Diebstahl verboten sein soll, außer wenn es um Essen geht? Moralisch und politisch finde ich es angemessen, gegen die tägliche Verschwendung von Ressourcen vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: In Frankreich sind größere Supermärkte gesetzlich verpflichtet, eine Partnerschaft mit einer Hilfsorganisation abzuschließen, die unverkaufte Lebensmittel abnimmt. Der Verein, in dem Sie sich engagieren, tut genau das. Wie funktioniert das?

Gabbert: Bundesweit engagieren sich fast 260.000 Foodsharer für den Verein, ich gehöre auch dazu. Wir holen zu abgesprochenen Zeiten übrig gebliebenes Essen bei Restaurants, Hotels, Kitas und anderen Betrieben ab und verteilen es weiter, zum Beispiel im Bekanntenkreis, in der Wohngemeinschaft oder an öffentlichen Ausgabestationen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Foodsharer geworden?

Gabbert: Ich musste mich auf der Plattform registrieren und einen Onlinetest bestehen. Dort musste ich zum Beispiel die Frage beantworten, ob ich Fleischprodukte weiterverteilen würde, wenn ich mir nicht sicher bin, ob die Kühlkette eingehalten wurde. Alle Punkte aus dem Quiz kommen aber auch später in einer mehrstündigen Schulung dran. Wenn man die erfolgreich absolviert hat und bei drei Probeabholungen dabei war, bekommt man einen Ausweis und darf loslegen.

SPIEGEL ONLINE: Wer macht da so mit?

Gabbert: Es sind viele Studierende dabei, aber auch Familien und ältere Menschen, die aus ideologischen und teilweise auch aus finanziellen Gründen verhindern wollen, dass Essen weggeworfen wird. Dass dort vorwiegend arme oder obdachlose Menschen mitmachen würden, ist ein Vorurteil, dass ich so nicht bestätigen kann. Man braucht ein Smartphone oder einen Laptop, um die Plattform zu nutzen und sich in Schichtpläne eintragen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wo holen Sie Lebensmittel ab?

Gabbert: Ich habe mich für zwei Cafés, ein Hotel, einen Supermarkt und einen Gemüseladen eingetragen, die ich mit dem Rad gut erreichen kann. Zweimal in der Woche fahre ich dort vorbei. Die Mitarbeiter der Uni-Mensa haben mir mehrere Fünf- bis Zehn-Liter-Eimer überlassen, in die ich das Essen abfülle. Eine Vereinsregel lautet, dass wir alle Lebensmittel mitnehmen müssen. Wenn auf dem Buffet des Hotels zum Beispiel noch Birchermüsli, Obstsalate, Kartoffelgratin, Braten, Fisch, Käseplatten, Dessert und ein Teil der Salatbar übrig sind, müssen wir zu dritt oder zu viert vorbeikommen.

SPIEGEL ONLINE: Und wo bringen Sie es hin?

Gabbert: In der Uni gibt es eine Küche und einen Kühlschrank für die Studierenden, dort stelle ich viel ab. Ich schreibe dann eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe, die ich gegründet habe, und hänge einen Zettel an den Kühlschrank. Dann kommt das Meiste schnell weg. Manchmal nehme ich auch Essen mit nach Hause und sage in der Nachbarschaft Bescheid, dass sich alle bei mir Brötchen abholen können. Es gibt auch mobile und stationäre Abholstationen, an denen wir Essen öffentlich verteilen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die aus?

Gabbert: In einer Straße unweit meiner Wohnung geben andere Foodsharer jeden Abend um elf Uhr Lebensmittel aus. An den stationären Stationen stehen Kühlschränke, aus denen sich jeder nehmen kann, was er mag. Es gibt Teams im Verein, die dafür zuständig sind, die Kühlschränke regelmäßig zu putzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit investieren Sie ins Foodsharing?

Gabbert: In der Woche sind das rund zweieinhalb Stunden. Die brauche ich, um die Tour zu planen, Zettel auszudrucken, das Essen abzuholen, die Behälter zu spülen. Andererseits spare ich aber auch Zeit, die ich sonst fürs Einkaufen und Kochen gebraucht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Was begeistert Sie an dem Engagement?

Gabbert: Die Einsätze schaffen eine soziale Nähe und stärken den Zusammenhalt im Kleinen. Wie und wo ich das Essen verteile, steht mir völlig frei - und es ist schön, die leuchtenden Augen von Menschen zu sehen, die abends in der Kälte am Bahnhof betteln und denen ich ein warmes Brot, einen Auflauf oder Schokocroissants geben kann.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
hegoat 01.06.2019
1.
Wenn die 22-jährige"Jurastudentin" behauptet, dass Containern "nach derzeitiger Rechtslage Diebstahl" sei, sollte sie vielleicht nochmal das 3. Semester wiederholen und sich mit dem Begriff Dereliktion beschäftigen. Ob Containern nämlich strafbar ist, ist genau deswegen durchaus umstritten. Da gibt's keine "Rechtlage".
shardan 01.06.2019
2. Zweischneidig
Auf der einen Seite: Es ist sicher gut und richtig, dass solche Lebensmittel nicht in den Müll wandern. Zuviel Ressourcen stecken in solchen Lebensmitteln, von Wasser über Dünger, Erdboden, Energie usw. Verwenden statt wegwerfen ist schon gut zu heißen. Auf der anderen Seite: Es ist ein Armutszeugnis und ein Zeugnis der Ungleichverteilung für ein so reiches Land wie Deutschland, dass Menschen darauf angewiesen sind, Lebensmittel aus Abfallcontainern zu sammeln. Der Hamburger Justizsenat gesteht mit dem Vorgehen das völlige Versagen des Sozialstaats ein. Daneben sollte die junge Dame vielleicht nochmal etwas genauer in die Gesetze schauen: Ich bin mir gar nicht so sicher, dass das rechtlich ein Diebstahltatbestand ist. Es gibt den Begriff der Dereliktion, letztlich besagt das hier nichts anderes, als dass Wegwerfen mit dem Verzicht auf das Eigentumsrecht einhergeht. Ohne Eigentumsrecht gibt es aber keinen Diebstahl.
olivergarch 01.06.2019
3. Doppelte Schande für dieses Land
Warum nicht Lebensmittel gleich neben dem Müll bereitstellen, statt sie erst entwürdigend in Mülltonnen zu schmeißen, wo Idealisten sie zwischen wirklichem Müll erst wieder herauskramen müssen. Ein krankes Land im Überfluss, das den Wohlstand von gestern verfrühstückt, und den Blick für das untere Drittel und die Wasserträger der Gesellschaft verloren hat. Gefährliche Entwicklung!
three-horses 01.06.2019
4. Der Grund ist der Folge egal.
Zitat von hegoatWenn die 22-jährige"Jurastudentin" behauptet, dass Containern "nach derzeitiger Rechtslage Diebstahl" sei, sollte sie vielleicht nochmal das 3. Semester wiederholen und sich mit dem Begriff Dereliktion beschäftigen. Ob Containern nämlich strafbar ist, ist genau deswegen durchaus umstritten. Da gibt's keine "Rechtlage".
Na, dann probieren Sie das mal. Und dann vielleicht bis nach Karlsruhe. Von Anfang bis Ende Beamte...nicht Menschen. Hier kommen die gleich mit zwei Autos und Blaulicht. Und wenn Sie das schon angesprochen haben..."de.wikipedia.org/wiki/Dereliktion"... da kann man nachlesen warum Sie ins Knast wandern.
inge-p.1 01.06.2019
5.
Sosieht der Kampf für die Abgehängten der Gesellschaft nach grünem Rezept aus: Der Hamburger Justizminister möchte aktuell seine Kollegen der anderen Bundesländern davon überzeugen, das Einsammeln von Lebensmitteln aus Müllcontainern zu legalisieren. Kann man eigentlich das eigene Versagen noch plastischer machen, wenn es darum geht, die Würde der abgehängten Deutschen auf diese Weise mit Füßen zu treten, wenn eine Antwort auf die dringende Fragen der Armutsbekämpfung darin bestehen soll, den Menschen den Mittagstisch aus Mülltonnen zu legalisieren?
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