Formula Student Meine Seifenkiste fährt 200

Von ihrem Budget ließe sich eine Limousine oder ein gebrauchter Ferrari kaufen, aber sie basteln sich lieber Rennwagen: Künftige Ingenieure wetteifern bei der Studenten-Formel-1 um den Titel des besten Tüftlers. Einige reisen Tausende Kilometer zum Hockenheimring - und hoffen auf ein Jobwunder.
Von Mathias Hamann

Sie kommen aus Ecuador, Südafrika, den USA; manche stecken nicht nur Zeit sondern Tausende Dollar in ihr Hobby. Jedes Jahr treffen sich auf dem Hockenheimring Hunderte Studenten aus der ganzen Welt, um mit selbstgebauten Rennmaschinen gegeneinander anzutreten, bei der "Formula Student Germany",  veranstaltet vom Ingenieursverband VDI.

Die studentischen Teams bekommen Punkte bei Beschleunigungstests, einer Fahrt über 22 Kilometer aber auch dafür, wie sie ihre Kosten im Griff haben. Zwar sehen die Zuschauer keine Rennen auf dem großen Ring, keine spektakulären Überholmanöver, dafür bekommen sie einen Einblick in studentische Ingenieurskunst. Maximal kann ein Team 1000 Punkte erreichen, in das Ergebnis fließen auch die Kommentare einer Experten-Jury aus Industrie und Motorsport mit ein. Nach einem harten Testwochenende steht dann der Sieger fest.

Die Autos sind oft improvisiert, aber keineswegs unprofessionell. Kein Wunder: In den Rennmaschinen von der Größe eines Kinderbetts stecken manchmal mehr als hunderttausend Euro allein an Materialwert; dazu kommen manchmal Zehntausende Arbeitsstunden. Einige opfern die Hälfte ihres Budgets, damit ihr Rennwagen mit dem Flugzeug nach Hockenheim kommt und sie dabei sein können.

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Rennwagen-Quintett: Wettfahrt der 100.000-Euro-Seifenkisten

Foto: FSG / Pierre Oliver Buck / Campushunte

Andere Studenten verzichten für ihren Raser gar auf einen schnellen Studienabschluss. Durch die Tüftelei verlieren sie Zeit, versprechen sich aber bessere Jobchancen.

SPIEGEL ONLINE stellt fünf Teams und ihre Wagen vor - und zeigt, was sie auf sich nehmen, um bei dem Wettbewerb dabei zu sein:

Team Darmstadt: Job-Turbo durch Bierbüchsen-Konstrukt

Team Darmstadt: "Wer bei uns mitmacht, findet oft sehr einfach einen Job"

Team Darmstadt: "Wer bei uns mitmacht, findet oft sehr einfach einen Job"

Foto: Mathias Hamann

"Das ist ein Vollzeitjob", sagt Felix Kämpfer, der Maschinenbau in Darmstadt studiert. Immer wieder schaut der Teamleiter rüber zu zeta2011, so heißt der weinrote Raser seiner Hochschule. Mit seinen 94 PS schafft er 140 Stundenkilometer in der Spitze, doch erst muss zeta2011 noch durch den Check der Rennleitung. Die mosert, der Boden brauche noch Schutz, doch wo lässt sich jetzt Metall auftreiben?

Felix Kämpfer überlässt die Aufgabe seinem Team und erzählt: "Das sind schon 45, 50 Stunden, die ich am Auto pro Woche gearbeitet habe, in der Spitzen auch mal 80." Studium? Unterbrochen. Der Bachelor muss eben warten. Als Chef muss er den Überblick behalten und seine Crew immer wieder motivieren. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie jemand eine Cola-Dose nimmt und den Clip mit der Zange entfernt.

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Rennwagen-Quintett: Wettfahrt der 100.000-Euro-Seifenkisten

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Warum nimmt sich Kämpfer die Auszeit, schadet das nicht der Karriere? Im Gegenteil: "Wer bei uns im Team mitmacht, findet oft sehr einfach einen Job", sagt er. Sponsoren würden Teammitglieder am liebsten gleich einstellen, denn sie hätten ihr Ingenieurtalent bewiesen und Berufserfahrung gesammelt. Die Cola-Dose ist mittlerweile ein plattes Stück Blech und kann nun als Bodenpanzer dienen.

Wie hoch ist das Budget der Darmstädter ist, möchte Teamchef Kämpfer nicht verraten, aber dafür ein paar Tricks. Als Überlaufschutz für Flüssigkeiten finden in zeta2011 zwei Bierbüchsen Verwendung: "Leicht und günstig." Und angenehm in der Beschaffung: "Den Inhalt haben wir natürlich getrunken", sagt Kämpfer.

Team Ithaca, USA: It's Rocketscience - naja, fast

Team Ithaca: "Wir wollen hier gewinnen"

Team Ithaca: "Wir wollen hier gewinnen"

Foto: Mathias Hamann

Über dem Eingang hängt das Sternenbanner, darunter steht aufgebockt der weiß-rote Renner der Cornell Universität aus Ithaca, New York. Das US-Team leidet unter der schwächelnden Wirtschaft daheim: Gerade Mal umgerechnet 38.000 Euro konnten sie von Sponsoren locker machen. Flüge und das Verschicken des Flitzers zahle man selbst, sagt Teamkapitän David Porter. Ein Teamkollege liegt unter dem Auto und ruft: "Das nennt man echte Begeisterung."

Der Teamkapitän hat für seinen Sprung über den Atlantik genügend Vielfliegermeilen gesammelt und sie für die Reise nach Hockenheim eingesetzt. Die US-Jungs treten zum ersten Mal an: "Wir wollen hier gewinnen", sagt Porter. Ihr Team habe zahlreiche Rennwettbewerbe in den USA gewonnen. Aber warum kommen sie dann nach Hockenheim und bezahlen auch noch selbst? "Das nennt man eben wahre Begeisterung", tönt es wieder unter dem Auto hervor.

Lohnt sich das Engagement denn? "Für unsere Mitglieder ist es danach echt einfacher, Jobs zu finden", sagt David Nagel. Nicht nur bei Autofirmen, sondern zum Beispiel bei "Space X", einer Weltraumfirma, bei der einige ehemalige Teammitglieder jetzt ihr Gehalt verdienten.

Das Fahrzeug der Studenten, das jetzt in Hockenheim steht, ist zwar keine Rakete, aber schon ziemlich schnell: 200 Stundenkilometer schafft es in der Spitze. Möchte der Chef auch zu einer Raketenfirma? Er lacht und schüttelt den Kopf: Er mache noch seinen Master zu Ende und steige dann wieder bei einer Beratungsfirma ein. Da nützt ihm der Besuch in Hockenheim, denn hier - anders als bei echten Autofirmen - tausche man sich gerne aus, verrate sich, welche Erfahrungen man gemacht habe.

Team Latacunga, Ecuador: In der Staatskarosse auf die Rennpiste

Team Latacunga: "Wir sind sehr stolz"

Team Latacunga: "Wir sind sehr stolz"

Foto: Mathias Hamann

Rund 98.000 Euro beträgt das Budget des Teams aus Ecuador. Die Hälfte ging ins Auto, die andere in den Transport. "Wir mussten am Auto sparen, damit wir den Flug bezahlen konnten", sagt Andres Cevallos.

Der 22-Jährige studiert an der Polytechnischen Militärhochschule in Latacunga, Fachgebiet Automotive Engineering. Wenn er seinen Abschluss in der Tasche hat, könnte er in die USA gehen oder nach Mexiko, um dort bei einem Autobauer anzuheuern. "Aber unser Staat würde gerne Firmen nach Ecuador holen, damit die dort Werke errichten", sagt er. Das wäre ihm am liebsten. Seine Alternative, falls die Firmen nicht kommen: "Ich gründe selber eine."

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Mit dem Team möchten Uni und Regierung zeigen, was ihre Studenten auf dem Kasten und in ihren Kiste haben. Bisher hat noch kein Team aus Südamerika in Hockenheim teilgenommen, jetzt repräsentieren die Studenten nicht nur ihre Uni sondern auch einen Kontinent: "Wir sind schon sehr stolz", sagt er. Einen Preis haben sie besonders im Auge: den für das beste Newcomer-Team.

Team Hannover: Hier dreht der Fahrer nur noch am Rad

Team Hannover: "Ein Jahr 'Formula Student' zählt wie zwei Jahre Berufserfahrung"

Team Hannover: "Ein Jahr 'Formula Student' zählt wie zwei Jahre Berufserfahrung"

Foto: Arvid Brack

Kein Hubraum, kein Auspuff und kaum Geräusche - das Team aus Hannover setzt auf den Elektromotor. Mit einem Gesamtwert von 150.000 Euro haben sie eines der teureren Fahrzeuge im Wettbewerb. Und ihr Wagen gehört zu den schnellsten des Wettbewerbs: 210 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Zudem beschleunigt ihr Gefährt besser als viele andere, da bei ihrem Raser das Schalten entfällt. Dafür interessiere sich auch die Industrie: "Die fängt ja mit Elektro gerade erst an", sagt Nils Lübbert.

Er ist einer der drei Teamleiter und arbeitet seit vier Jahren bei "Horsepower Hannover" dem Rennteam aus Niedersachsen. In diesem Jahr treten sie zum ersten Mal mit einem Elektroraser an. Sie haben sich dabei bei einem Autobauer in der Nähe um Sponsoring beworben und mit ihrem Konzept überzeugt. Die Profi-Ingenieure interessiert, wie die Studenten an die Probleme herangehen, die auch die Firmen haben: die richtigen Akkus, den richtigen Kompromiss beim Motor. In dem Auto bestimmt eine ausgeklügelte Elektronik automatisch die maximal mögliche Beschleunigung und überträgt sie auf den Antrieb. Das nimmt dem Fahrer Arbeit ab.

Nils Lübbert hat zwei Jahre Pause im Studium gemacht für die Raserbastelei. Was wird mit seiner Karriere? "Wir hören von Firmen, dass ein Jahr 'Formula Student' so viel zählt wie zwei Jahre Berufserfahrung." Denn auch in einer Firma müssen die künftigen Ingenieure später im Team tüfteln und grübeln. Im Gegensatz zu vielen Absolventen hätten die Raserbastel-Studenten ihre Probleme nicht nur in einer Klausur sondern auch praktisch gelöst. Lübbert hat für die Arbeit alte Formeln nochmal ausgegraben, die er früher gelernt hatte: "Die brauchte ich auf einmal."

Team Port Elisabeth, Südafrika: Hoppla, unser Auto hat keine Hülle

Team Port Elizabeth: "Wir kommen prima miteinander klar"

Team Port Elizabeth: "Wir kommen prima miteinander klar"

Foto: Mathias Hamann

Zweieinhalb Jahre haben sie gearbeitet, um in Hockenheim an den Start zu gehen: das Team aus Port Elizabeth, Südafrika. "Dann fällt uns kurz vor Schluss ein, dass unserem Auto der Body fehlt", sagt Hiten Parmar. Sein Vater arbeitet als KFZ-Mechaniker, der Sohn liebt Motorsport und leitet das Raserteam der Nelson Mandela University.

So vertieft in die Arbeit waren der Masterstudent und seine Kollegen, dass sie erst im April daran dachten, für ihren Renner noch eine Hülle zu entwerfen. Das Team arbeitete noch härter und machte den Fehler wett: In einem Monat planten und fertigten sie die Verkleidung, um das Stahlknochengerüst zu bedecken. Die Zeit fehlte dann für Tests, das gute Stück musste Südafrika verlassen.

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Rennwagen-Quintett: Wettfahrt der 100.000-Euro-Seifenkisten

Foto: FSG / Pierre Oliver Buck / Campushunte

Im Unterschied zu anderen Weithergereisten kam ihr Renner nicht per Luftfracht, sondern per Schiff, das dauerte länger, war aber billiger. Die Kosten übernahm ein großer deutscher Autobauer, der in Südafrika expandieren möchte. Dessen Logo prangt auch auf der weißen Hülle, dem Body.

Teamleiter Parmar dreht sich um und gibt Tipps, wie seine Jungs den wertvollen "Body" auf das Auto heben. Sein Team fungiert auch als Rollenvorbild: "Wir haben so viele Kulturen im Team, alle Farben", sagt Hiten Parmar, seine Familie stammt aus Indien.

Vor zwanzig Jahren überwand Südafrika die Apartheid, die staatliche Trennung zwischen Weißen und Nichtweißen; trotzdem leiden viele Menschen immer noch unter Diskriminierung. Die Regierung hält Firmen an, mehr Menschen einzustellen, die unter Benachteiligung litten, sei es Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. "Black Economic Empowerment" heißt das Programm. Beim Team aus Port Elizabeth gibt es allerdings keine Probleme: "Wir kommen prima miteinander klar", sagt Hiten Parmar und hilft dann dabei, den Body aufzusetzen.

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