Forschen KROKODIL IN DER SAHARA

Drei Monate lang erforschten Bonner Studenten und ihr Professor die Reptilienfauna an der afrikanischen Küste ­ und stiessen auf eine Krokodilart, die eigentlich ausgestorben ist.


Viele Strände an der Westküste Marokkos laden nicht gerade zum Badeurlaub ein: zu viele Steine. Für Reptilienforscher aber sind sie das Paradies, denn Steine kann man umdrehen, jeden einzelnen, und fast immer sitzt etwas darunter, ein Nachtskink zum Beispiel, eine glatthäutige Echse, die sich mit seitlichen Schlängelbewegungen blitzschnell in den Wüstensand eingraben kann, oder ein Helmkopfgecko, vielleicht auch eine Kapuzennatter.

Wolfgang Böhme, 55, Leiter der Abteilung Herpetologie am Museum Alexander König in Bonn, und seine Studenten haben auf ihrer Wüsten-Expedition am Ende des vergangenen Jahres noch allerlei andere Kriechtiere gesehen. Auf einer Nord-Süd-Route von Marokko über Mauretanien bis in den Senegal untersuchten sie, wie die Artengemeinschaften aus Schlangen, Echsen und anderen wechselwarmen Sahara-Bewohnern sich in ihrer jeweiligen Zusammensetzung unterscheiden.

Die Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse darüber, welchen klimatischen Veränderungen die größte Wüste der Welt im Laufe der Jahrmillionen unterworfen war. Manche Teile der Wüste waren vor wenigen tausend Jahren noch gar nicht staubtrocken, sondern grüne Savanne. Wer herausfindet, welches Reptil wo vorkommt, kann Schlüsse auf die Geschichte dieser Region ziehen.

Anfang Oktober 1999 startet die Expedition von Bonn in Richtung Afrika. Die Teilnehmer: neben Böhme der Biologie-Doktorand Thomas Wilms, 29, und die Studenten Hemmo Nickel, 28, und Martina Merz, 26. Zur Ausrüstung gehören 120 Liter Konservierungsalkohol, 24 Kilogramm Müsli, Gasflaschen für die Campingkocher, Tanks für insgesamt 300 Liter Wasser, eine Kiste Mausefallen und 2000 Liter Dieseltreibstoff für die Expeditionsfahrzeuge.

Die beiden IFA-Lastwagen hatte Hemmo Nickel selbst gekauft ­ aus Beständen der Nationalen Volksarmee (NVA); ohne diese Privatinvestition wäre die Reise nicht möglich gewesen. "Der Dienstwagen unseres Museums ist ein VW-Bus", erklärt Wolfgang Böhme, "damit hätten wir das nicht machen können." Und sein Forschungsetat hätte schwerlich für die Anschaffung wüstentauglicher Autos gereicht: Er deckt gerade mal ein Viertel der Betriebskosten für die IFA-Laster.

Die bringen es auf eine Spitzengeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern. Entsprechend zäh verläuft die Fahrt nach Gibraltar. Dort müssen die Forscher eine erste Zwangspause einlegen: Die Schnellfähre, die täglich nach Marokko übersetzt, ist nicht für schwere Laster gebaut. Erst nach drei Tagen kommt ein Schiff, das sie an Bord nehmen kann.

In Rabat, der Hauptstadt Marokkos, dauert es acht Tage, bis sämtliche einheimischen Bürokraten zufrieden gestellt und alle Forschungsgenehmigungen beisammen sind; jetzt kann die eigentliche Arbeit beginnen. Das Reptiliensuchen, sagt Thomas Wilms, ist eigentlich nicht schwierig: "Tagsüber kann man sich schon einen guten Eindruck verschaffen, was so da ist." Um ihren Stoffwechsel auf die nötige Betriebstemperatur zu bringen, braucht jede Echse erst einmal ein Sonnenbad. Und was nicht in der Sonne brät, hockt wahrscheinlich gerade unter einem Stein.

Bei tagsüber bis zu 40 Grad im Schatten erkunden die Studenten die Tierpopulationen. Selbst nachts kühlt es oft nur bis auf 30 Grad ab. Dann ziehen sie mit Taschenlampen los, viele ihrer Forschungsobjekte sind nachtaktiv. "Wir machen das ja, weil wir ein Interesse daran haben", meint Thomas Wilms, "die Hitze nimmt man dann eben in Kauf." Für den Biologen, der "schon immer" von Reptilien fasziniert war, ist es nicht die erste Forschungsreise. Zuletzt war er in Tunesien und auf der Arabischen Halbinsel.

Entlang der Küstenlinie nähern sich die Bonner Forscher Mauretanien, doch hinter der Wüstenstadt Dakhla liegt ein Minenfeld. Die Westsahara, bis Mitte der siebziger Jahre spanische Kolonie, ist heute von Marokko besetzt, ein Referendum, das über ihre Unabhängigkeit entscheiden soll, steht seit Jahren aus. Das Grenzgebiet zu Mauretanien ist auf einer Breite von 400 Kilometern mit Tellerminen gespickt.

Wer die Wüste in Richtung Mauretanien durchqueren will, muss warten, bis sich genügend Fahrzeuge gesammelt haben. Zweimal in der Woche wird ein Konvoi gebildet und, angeführt von marokkanischem Militär und vorbei an ausgebrannten Autowracks, nach Mauretanien gelotst.

Über eine schmale Strandpiste, die nur bei Ebbe existiert, gelangen Böhme und sein Team nach Nouakchott. In der mauretanischen Hauptstadt müssen erneut Forschungs- und Reptiliensammelgenehmigungen beantragt werden. Die deutsche Botschaft stellt außerdem den Kontakt zur Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) her, der führenden deutschen Entwicklungshilfeorganisation.

Ein GTZ-Mitarbeiter erzählt Erstaunliches. Eine irische Wissenschaftlerin, die die Feuchtgebiete im Landesinneren Mauretaniens erforscht, sei wiederholt auf Krokodile gestoßen, in diesem Teil Afrikas gelten Krokodile aber als ausgestorben ­ ob die Reptilien-Fachleute vielleicht mal nachschauen könnten?

Dafür stellt die GTZ sogar einen ihrer Mercedes-Geländewagen samt Fahrer zur Verfügung ­ wunderbarer Luxus für die Forscher aus Bonn. Die NVA-Laster dürfen sie vor der deutschen Botschaft parken, gut bewacht vom mauretanischen Militär. Über 800 Kilometer Teerstraße und Sandpiste geht es nach Ajoun el-Atrouss, wo die irische Doktorandin Tara Shine, 27, das Forscherteam erwartet.

Sie führt die vier Deutschen zu einem Felsplateau ­ und tatsächlich hören sie plötzlich ein lautes Schaben, als reibe sich ein schuppiger Panzer am Felsen. Direkt vor ihren Augen verschwindet auf kurzen Beinen ein Krokodil in einer Spalte, Böhme kann gerade noch den Schwanz fotografieren. Nickel kriecht unter die Steine, taucht aber sehr schnell wieder auf, als er sich plötzlich der Krokodilschnauze gegenübersieht.

Tief unten im Fels liegen fossile Wasserstellen, so genannte Gueltas, offenbar genügen sie den Krokodilen als Lebensraum. Im Wasser drängen sich dutzende fetter, dunkel gefleckter Tigerfrösche ­ die Frage, wovon sich die Krokodile hier ernähren, ist damit fürs Erste geklärt.

Die Forscher haben Glück: Kurz nach dem Verschwinden des ersten zeigt sich ein weiteres Krokodil, ein ziemlich kleines diesmal. Wieder folgt ihm Hemmo Nickel unter den Felsen. Das Mini-Krokodil ist mit der Schnauze voran bis in den hintersten Winkel der Felsspalte geflüchtet, so dass Nickel es im Genick packen und ans Tageslicht befördern kann, ohne gebissen zu werden.

Es ist ein Jungtier, kaum einen Meter lang, aber spitze Zähne hat es trotzdem. Um es gefahrlos aus der Nähe betrachten zu können, wickeln ihm die Forscher kurzerhand ein straffes Gummi um die Schnauze. Jetzt kommt auch Tara Shine, die ursprüngliche Entdeckerin, in den Genuss, ein echtes Krokodil auf dem Arm zu halten.

Bald wissen die Forscher, dass es sich um eine Kleinstform des Nilkrokodils handelt. Auch die ausgewachsenen Tiere sind hier nur etwa zwei Meter lang ­ wahre Zwerge im Vergleich zum echten Nilkrokodil, das nicht selten gewaltige sechs Meter misst. In der Sahara kommt die Miniaturausgabe sonst nur noch in kleinen Populationen im Niger und im Tschad vor, in Mauretanien galt sie seit den dreißiger Jahren als ausgestorben ­ wenigstens unter Herpetologen. Die Bewohner von Ajoun el-Atrouss wissen von ihren schuppigen Nachbarn, die ihnen hin und wieder eine Ziege rauben.

Die unerwartete Entdeckung bildet den krönenden Abschluss der Expedition, denn auf die erhoffte Forschungsgenehmigung für den Senegal warten Böhme und seine Studenten vergeblich. An Silvester treffen sie wieder in Deutschland ein.

In den nächsten Monaten muss nun das Material ausgewertet werden. Hemmo Nickel hat seine Lastwagen abgemeldet und bei seinen Eltern untergestellt: "Ich habe erst mal überhaupt kein Geld mehr."

Wolfgang Böhme würde gern ein größeres Krokodil-Projekt starten. "Eigentlich müsste jetzt jemand hinfahren und ihre Lebensweise genau erforschen", überlegt der Professor. Bislang ist nicht einmal bekannt, wie viele Krokodile in den mauretanischen Gueltas leben. Doch für ein solches Forschungsprojekt, wenn es zu sinnvollen Ergebnissen führen soll, müsste einer der Reptilien-Enthusiasten mindestens ein Jahr in der Sahara verbringen.

JULIA KOCH



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