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Streit um Abo-Gebühren: Forscher revoltieren gegen Fachverlag

Foto: Michael Eisen

Forscher-Aufstand gegen Großverlag Wir zahlen nicht für unsere Gedanken

Veröffentliche oder verschwinde! Der Publikationsdruck auf Wissenschaftler ist enorm; sie müssen in angesehenen Zeitschriften erscheinen, um Karriere zu machen. Fachverlage nutzen das aus und kassieren horrende Abo-Gebühren, finden Tausende Forscher. Sie rufen zum Boykott eines Großverlags auf.
Von Stefan Kesselhut

Von einem Mathematiker vermutet man nicht unbedingt, dass er sich in eine revolutionäre Bewegung einreiht. Doch der Brite Timothy Gowers von der Elite-Uni Cambridge hat genau das gemacht. Sein Ziel: Die Macht des britisch-niederländischen Unternehmens Elsevier bekämpfen, das mit wissenschaftlichen Zeitschriften und Datenbanken Geld verdient und zum Medienkonzern Reed Elsevier gehört.

Auf der Seite thecostofknowledge.com  haben Gowers und rund 8000 Wissenschaftler aus aller Welt erklärt, dass sie nicht mehr mit Elsevier zusammenarbeiten wollen, darunter etwa 1500 Mathematiker. Aber warum eigentlich?

Wissenschaftler an Unis und Forschungsinstituten schreiben Artikel, für die sie oft jahrelang geforscht haben und in die viel Steuergeld geflossen ist. Diese Artikel wollen sie in einer möglichst häufig zitierten, angesehen Fachzeitschrift veröffentlichen. Viele dieser Zeitschriften werden von großen Wissenschaftsverlagen wie Elsevier verlegt. Die Verlage wiederum verkaufen die Zeitschriften als Abonnements an die Uni-Bibliotheken und Institute, damit andere Wissenschaftler die Artikel für ihre Arbeit nutzen können.

"Die Preise für diese Abonnements sind viel zu hoch, das ist uns seit Jahren ein Dorn im Auge", sagt Remco van Capelleveen, in der Bibliothek der FU Berlin für den Erwerb von Zeitschriften zuständig. Sein Vorwurf: "Elsevier und andere Verlage kalkulieren die Preise nicht danach, was die Produktion der Zeitschriften wirklich kostet. Sie haben auf bestimmte Zeitschriften Monopole und diktieren uns stark überhöhte Preise."

"Die Wut hat sich aufgestaut"

Elsevier schließt mit jeder Bibliothek eigene Verträge, sowohl über Abos als auch über den Zugang zu nicht abonnierten Zeitschriften und Datenbanken, "Freedom Collection" genannt. Ein normales Bündel mit zahlreichen Pharmakologie-Zeitschriften etwa kostet rund 50.000 Euro pro Jahr, besonders teuer sind medizinische und naturwissenschaftliche Zeitschriften. Der Preis für die "Freedom Collection" richtet sich nach Auskunft eines Bibliothekars nach dem Abo-Umsatz einer Bibliothek, da kommen schnell Kosten von mehreren Hunderttausend Euro zusammen. Klar ist, dass das Geschäft für Elsevier extrem lukrativ ist: Allein im Jahr 2010 setzte die Unternehmensgruppe Reed Elsevier knapp sieben Milliarden Euro um. Eine Zahl, die Wissenschaftler provoziert.

Einer der deutschen Wissenschaftler, die sich am Boykott beteiligen, ist der Mathematiker Günter Ziegler von der FU Berlin. Bis vor kurzem gab er zwei Elsevier-Zeitschriften heraus, jetzt will er nicht mehr mit dem Verlag arbeiten. "Die Wut hat sich in der wissenschaftlichen Community seit Jahren aufgestaut", sagt Ziegler.

Es ist ein Konflikt zwischen Parteien, die sich eigentlich gegenseitig dabei helfen sollten, das Wissen zu mehren. Wissenschaftsverlage bringen von Forschern geschriebene Artikel in Fachzeitschriften, organisieren Herausgabe und Qualitätskontrolle. Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Das ärgert auch den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der Universität Hamburg: "Elsevier und andere Großverlage lassen die Artikel nur drucken und verkaufen sie anschließend teuer an Institute und Hochschulen zurück. Autoren, Herausgeber und Gutachter an den Hochschulen sind nur Zuarbeiter in der Wertschöpfungskette."

"Die üblichen Marktgesetze gelten hier nicht"

Die Bibliotheken stecken in einem Dilemma. Einerseits kritisieren sie die Preispolitik von Elsevier und anderen Firmen, andererseits müssen sie die teuren Abos bestellen. Denn kaum ein Wissenschaftler will bisher wirklich auf die dort verlegten Zeitschriften verzichten. Ein renommiertes Journal wie die Medizin-Zeitschrift "The Lancet" können die Bibliotheken nicht einfach abbestellen.

Weil die Einzelpreise für solche Journale oft sehr hoch sind, abonnieren die Bibliotheken diese meist im Bündel mit anderen Titeln, um Preisnachlässe zu bekommen. Die zusätzlichen Zeitschriften brauchen sie aber oft gar nicht. "Das ist, als ob man auf einer Kaffeefahrt noch ein paar Heizdecken geschenkt bekommt, nachdem sie einem den Geldbeutel schon leergeräumt haben", sagt Ziegler.

Andreas Degkwitz, Bibliotheksdirektor an der Humboldt-Universität, sieht das ähnlich. "Die üblichen Marktgesetze gelten hier nicht", sagt er. Doch obwohl sich viele Bibliotheken und Wissenschaftler einig sind, dass Elsevier seine Marktmacht ausnutzt, gibt es bisher kein Verfahren der Kartellbehörden. Ein Sprecher des EU-Wettbewerbskommissars Joaquín Almunia zufolge beobachtet man die Vorgänge zwar, formale Beschwerden gegen Elsevier sind bisher aber nicht eingegangen.

Elsevier selbst hat sich in einem offenen Brief an die Kritiker gewandt . Darin steht, dass die Zeitschriften des Verlags günstig seien wie noch nie und die hohen Preise sich vor allem daraus ergäben, dass der Verlag aufwendige Dienstleistungen für Wissenschaftler und Bibliotheken erbringe. Mathematiker Ziegler widerspricht: "Wenn man wie Elsevier eine Umsatzrendite von weit über 30 Prozent hat, kann die Dienstleistung nicht sehr aufwendig sein."

Wirklich etwas ändern an der verfahrenen Situation könnten ohnehin nur die Wissenschaftler selbst. Sie müssten darauf verzichten, für Elsevier-Journale zu schreiben und ihre Forschungsergebnisse stattdessen kostenfrei, als "Open Access", veröffentlichen. Einige Universitäten in Deutschland rufen bereits dazu auf und unterstützen Forscher, von der Allgemeinheit finanzierte Forschungsergebnisse auch der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Trotzdem wird sich kurzfristig wahrscheinlich kaum etwas ändern. "Junge Wissenschaftler, die am Anfang ihrer Karriere stehen, können es sich kaum leisten, nicht bei Elsevier zu veröffentlichen", sagt van Capelleveen aus der Bibliothek der FU Berlin.

Günter Ziegler ist dennoch optimistisch, dass es klappt, die Marktmacht der Verlage zu brechen. Es seien nicht frustrierte Hinterbänkler, die ihre Arbeit für den Verlag einstellten, sondern wichtige Persönlichkeiten. Und eine angefangene Revolution, sagt Ziegler, die könne man nur schwer aufhalten.