Forschungsskandal Druck auf Uni Göttingen steigt

"Kreative Mittelverwendung" und "interne Umbuchungslisten": Eine Gesprächsnotiz bringt den Göttinger Uni-Präsidenten in Erklärungsnot. Wusste Kurt von Figura schon länger von Tricksereien mit Forschungsgeldern? Die Universität weist die Vorwürfe zurück - ihre Stellungnahme wirft neue Fragen auf.

Von


Im Skandal um erfundene Veröffentlichungen und Finanztricksereien durch Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs (SFB) 552 der Universität Göttingen gerät nun Präsident Kurt von Figura unter Druck: Interne Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, legen den Verdacht nahe, dass die Universitätsleitung schon lange über den illegalen Umgang ihrer Tropenwissenschaftler mit Forschungsgeldern informiert war.

Uni Göttingen: Hochschulleitung unter Druck
DPA

Uni Göttingen: Hochschulleitung unter Druck

Bei einem Treffen des Leiters der Finanzabteilung mit einer SFB-Mitarbeiterin wurde im November 2007 laut einer Gesprächsnotiz diskutiert, dass der Uni-Präsident künftig "keinerlei Unregelmäßigkeiten mehr durchgehen lassen" werde. Zugleich aber sei "die Finanzabteilung gewillt, dem SFB mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, auch was 'kreative Mittelverwendung' betrifft, da auch die Finanzverwaltung daran interessiert ist, kein Geld an die DFG zurückgeben zu müssen".

Als Resultat des Treffens wurden die Falschbuchungen nicht korrigiert, sondern "interne (!) Umbuchungslisten" eingeführt. Mit ihnen konnten Personal- und Anschaffungskosten anderer Uni-Institute unauffällig dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten SFB untergeschoben werden.

Uni Göttingen weist Vorwürfe zurück

Aus Sitzungsprotokollen geht hervor, dass solche Tricks zu Lasten der DFG vom Erweiterten Vorstand des SFB gebilligt wurden. In diesem Gremium sitzt aus der Göttinger Hochschulführung der Leiter der Stabsstelle Strategische Forschung.

Am Montag reagierte die DFG auf den SPIEGEL-Bericht und kündigte an zu überprüfen, ob das Präsidium der Uni Göttingen schon im Jahr 2007 vom "illegalen Umgang ihrer Tropenwissenschaftler mit Forschungsgeldern" gewusst hat.

Das Präsidium der Universität weist die Vorwürfe in einer Stellungnahme vom Samstag zurück. Die Universität habe "im September 2007 Kenntnis über mögliche Probleme bei der Mittelbewirtschaftung in einem Teilprojekt des SFBs an einer beteiligten Hochschule erhalten" - also nicht im eigenen Haus. Die von dieser Hochschule veranlasste Untersuchung durch ein renommiertes Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen habe geringfügige Beanstandungen ergeben, die auch der DFG mitgeteilt worden seien.

Welche Universität gemeint ist, gab das Göttinger Präsidium nicht bekannt. Ein großes Geheimnis ist es freilich nicht: Die Universität Kassel war mit ihrem Fachbereich "Ökologische Agrarwissenschaften und Wissenschaftliches Zentrum für Umweltsystemforschung" am Göttinger Forschungsprogramm bis 2008 beteiligt.

Präsident sorgte sich offenbar um die Exzellenzinitiative

Eine Sprecherin der Universität Kassel bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass von Figura die Kasseler Hochschule in seiner Stellungnahme meint. Es handele sich jedoch um "Probleme in geringstem Umfang": zum einen um "ein Abrechnungsproblem", bei dem es um eine Summe von "unter 1000 Euro" gegangen sei. Zum anderen gehe es um "seinerzeit nicht vollständig ordnungsgemäße Belege über Reisekosten und Fremdleistungen vor Ort in Indonesien in einem Gesamtvolumen von knapp 10.000 Euro".

Uni-Präsident Figura: Über Finanztricks informiert?
Georg-August-Universität Göttingen

Uni-Präsident Figura: Über Finanztricks informiert?

Zu diesem Ergebnis sei eine "große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft" gekommen. Sie sei von den Universitäten Göttingen und Kassel beauftragt worden, nachdem "intern auf mögliche Probleme hingewiesen wurde", so die Kasseler Uni-Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Das Verfahren zu den fehlenden Belegen sei noch nicht abgeschlossen, der Prüfbericht der DFG und der Uni Göttingen zugesandt worden. Nach Einschätzung des Kasseler Uni-Kanzlers Robert Kuhn handelt es sich um "typische Verwaltungsfragen, die relativ häufig in DFG-Projekten auftreten".

Das Präsidium der Universität Göttingen äußerte sich auch zu der vom SPIEGEL zitierten Notiz, Figura werde "keinerlei Unregelmäßigkeiten mehr durchgehen lassen". Die Vorwürfe stützten sich auf Zitate, die "aus dem Zusammenhang gerissen und damit sinnentstellt" seien. In der Antwort auf eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage verwahrt sich Figura gegen den Eindruck, "dass ich oder die Universität Göttingen irgendwelche Unregelmäßigkeiten durchgehen ließen. Der falsche Eindruck ist durch eine unbedachte Formulierung entstanden, die eine Mitarbeiterin des SFB in einer Notiz über ein Gespräch gemacht hat, das sie mit Mitarbeitern der Finanzabteilung geführt hat".

Die Stellungnahme des Präsidiums wirft allerdings neue Fragen auf: Die Finanzabteilung, so die Universität am Montag, habe damals angedeutet, "dass die DFG über das BMBF stärker prüfen wird, wie Gelder verausgabt werden, vor allem auch im Hinblick auf die Mittelverausgabung im Rahmen der Förderlinie 3", so die Notiz aus dem November 2007.

Überschuss beim Kassensturz

Die Förderlinie 3 meint den Status der Exzellenzuniversität - und um den scheint Präsident von Figura sich gesorgt zu haben. Die Exzellenzinitiative ist ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das zu 75 Prozent vom Bund finanziert wird. Die Begutachtung wird unter anderem von der DFG durchgeführt. Seit Oktober 2007 wird im Rahmen der Exzellenzinitiative ein Graduiertenkolleg, ein Exzellenzcluster und das Zukunftskonzept der Universität Göttingen gefördert.

Figura betont in seiner Stellungnahme, die Zentralverwaltung habe zu keiner Zeit "Tricks zu Lasten der DFG" gebilligt. Warum jedoch im November 2007, kurz nachdem die Universität zur "Elite-Universität" gekrönt wurde, so deutliche Worte fielen, warum so explizit vor strengeren DFG-Kontrollen gewarnt wurde, bleibt unklar. Die Universität Göttingen äußerte sich dazu nur vage: Nach einem Mitarbeiterwechsel habe sich die "neue Mitarbeiterin der Finanzabteilung über Fragen der DFG-konformen Mittelbewirtschaftung aufklären lassen" und dies in einer Notiz festgehalten, so Figuras knappe Antwort auf eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage.

Vor einer Woche war die Universität Göttingen massiv in die Kritik geraten. Der SPIEGEL berichtete, dass DFG-Gelder bewusst falsch verwendet wurden: Im September 2007 nahm die Universität einen Kassensturz vor und bemerkte, dass 150.000 Euro übrig waren, die an die DFG hätten zurückfließen müssen. Nach SPIEGEL-Informationen wurden kurzerhand mehrere Mitarbeiter aus anderen Bereichen auf die Gehaltsliste des Sonderforschungsbereichs gesetzt.

Zudem sollen 16 Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs "Stabilität von Randzonen tropischer Regenwälder in Indonesien" in einem Antrag auf Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) falsche Angaben über Publikationen gemacht und teilweise Veröffentlichungen erfunden haben.

Förderung der Tropenforschung läuft bald aus

Um einen Eklat zu vermeiden, zog die Hochschule den Antrag auf 8,6 Millionen Euro Forschungsgelder zurück und verzichtete auch auf die sonst übliche Auslauffinanzierung. Die Förderung wird somit am 30. Juni 2009 enden.

Ob die Affäre strafrechtliche Folgen haben wird, ist offen. Die Staatsanwaltschaft Göttingen prüft, ob ein Anfangsverdacht wegen Untreue gegeben ist. Ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird, sei noch nicht entschieden, sagte ein Sprecher am Montag. Die von der Universität dazu angeforderten schriftlichen Unterlagen lägen noch nicht vor.

Jubelnde Göttinger "Elite"-Studenten (im Oktober 2007): Spitzenplatz bei der Exzellenzinitiative
DPA

Jubelnde Göttinger "Elite"-Studenten (im Oktober 2007): Spitzenplatz bei der Exzellenzinitiative

Die Universität hat ihrerseits eine Untersuchung eingeleitet, auch die DFG hat von den 16 betroffenen Wissenschaftlern Stellungnahmen eingefordert. "Dauer und Ergebnisse des DFG-Verfahrens sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen", sagte DFG-Generalsekretärin Dorothee Dwzonnek letzte Woche. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würden Rückforderungen fällig. Über die Höhe wollte Dwzonnek keine Angaben machen.

Figura hatte daneben eingeräumt, dass bei einem anderen Graduiertenkolleg zum Thema Biodiversität ein "ähnlicher Verdacht" bestehe. Über einen Antrag auf Weiterförderung dieses Kollegs sollte am Freitag enstschieden werden. Nach SPIEGEL-Informationen wurde die Entscheidung jedoch auf November verschoben.

Forschungsgemeinschaft prüft Praxis bei Förderanträgen

Als Reaktion auf die Vorwürfe gegen die Universität Kassel hatten renommierte Wissenschaftler gegenüber SPIEGEL ONLINE kritisiert, dass Hochschulen mittlerweile zur Deckung der Grundfinanzierung auf Drittmittel angewiesen sind - und so der Publikationsdruck auf die Wissenschaftler steige. Zudem seien in den Anträgen bestimmte Stichwörter gefragt und das Ergebnis sollte im Idealfall auch schon feststehen. Auch die diesjährigen Gewinner des Leibniz-Preises hatten deutliche Kritik an der Begutachtungspraxis der DFG geäußert.

"Die DFG prüft, ob und in welcher Weise ihre Richtlinien zu Literaturangaben in Förderanträgen überarbeitet werden müssen", sagte DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek SPIEGEL ONLINE am Montag. Die Frage solle in den zuständigen Gremien erörtert werden. Am Mittwoch will sich der Wissenschaftsausschuss des niedersächsischen Landtages in einer Sondersitzung mit der Affäre befassen. Uni-Präsident Kurt von Figura wurde aufgefordert, bei dieser Sitzung Auskunft zu geben.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.